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Samstag, 22.11.2008
Ist der Mensch doch nur ein Herdentier?
Mythos Individualität
Individualisten tragen bevorzugt Schwarz, hören avantgardistische Musik, arbeiten in der Werbung (oder träumen zumindest davon), sehen gern französische Filme, mögen japanisches Essen und fahren einen Geländewagen. Das klingt natürlich wie ein lebendes Paradoxon - wie können bitte alle Individualisten das Gleiche bevorzugen? Aber genau diese Frage bringt das Dilemma auf den Punkt: Sind Menschen in Wahrheit doch nur Herdentiere?
Zunächst zur Begriffserklärung: Das Internet-Lexikon Wikipedia beschreibt Individualismus so: Mit Individualismus wird – besonders im alltagssprachlichen Gebrauch – auch eine persönliche Geisteshaltung bezeichnet, bei der möglichst eigenständige Entscheidungen und Meinungsbildungen angestrebt werden.
Man kann nun argumentieren, dass die Auswahl in den Geschäften, in denen wir kaufen, an unserer Uniformierung schuld ist. Die großen Modeketten haben die kleinen Geschäfte verdrängt, in jeder Fußgängerzone in Europa sind so ziemlich die gleichen Läden zu finden. Auch wenn deren Regale bis oben hin gefüllt, die Kleiderstangen zum Bersten voll behängt sind – eigentlich haben wir keine große Auswahl. Ob auf Teneriffa, in Madrid, Hamburg oder London, im Prinzip liegt überall das Gleiche in den Auslagen. Und wir? Wollen mit unseren Kaufentscheidungen unsere Individualität betonen und sind stattdessen ganz vorn dabei in der Parade der Uniformierten.
Aber nicht nur in Sachen Mode unterscheiden wir uns kaum noch voneinander. Ein Besuch in den Wohnungen vieler unterschiedlicher Europäer würde einem endgültig die Augen öffnen. Die Zahl der „Billy“-Regale von Ikea muss immens sein.
Es stellt sich da die Frage, warum wir einerseits so gern individuell sein möchten, andererseits jedoch das Leben beinahe genauso gestalten wie Millionen anderer Leute auch – bis hin zu den politischen und philosophischen Ansichten?
Der Grund für dieses uniforme Verhalten ist der Gleiche, der verschiedene Menschen dazu bringt, lauthals dieselben Parolen zu grölen: In der Gruppe fühlt man sich stark. Freundlicher ausgedrückt: Wir freuen uns darüber, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die den gleichen Geschmack und die gleichen Interessen teilt. Kurios ist es nur, dass dieses Gruppenverhalten bei Menschen besonders stark ausgeprägt ist, die sich gern besonders individualistisch geben …
Der deutsche Soziologe Sighard Neckel hat es in einem Zeitungsinterview besonders schön auf den Punkt gebracht: „Der Individualismus ist zur Konformitätsform der Gegenwart geworden. Wir sind uns alle darin gleich, vermeintlich individuell sein zu wollen.“ Das allein ist nichts Bedenkliches. Schade daran ist nur: Konformität lässt wenig Platz für eigene Entscheidungen. Die Freiheiten, die der Mensch heute hätte, nutzt er deshalb nicht. Das fängt bereits bei der Berufswahl an. Aktuellen Umfragen zufolge ist der Traumjob der 16-jährigen Mädchen heute: Model. Da wandeln die Girls unisono auf einem Pfad, denen ihnen TV-Formate wie „Germany’s Next Topmodel“ in den schönsten Farben aufmalen. Mal davon abgesehen, dass dieser Berufswunsch in vielen Fällen an Äußerlichkeiten scheitert, ist es nicht verwunderlich, dass die Mütter dieser Teenager fassungslos sind, was diesen Trend angeht: Ihre Generation nämlich war es, die dafür gekämpft hat, dass Mädchen alles lernen können, was sie möchten. Ob Ingenieurswesen oder Raumfahrttechnik. Stattdessen sagt der Trend: „Modeln ist cool“ und alle nicken begeistert wie die berühmten Lemminge.
Der Trend zur Konformität macht auch vor dem Urlaub nicht halt. Ganz im Gegenteil! In den schönsten Wochen des Jahres – so sollte man meinen – hat der normale Arbeitnehmer endlich mal Gelegenheit, seine Freiheit zu genießen. Was macht er stattdessen? Bucht all-inclusive und lässt sich von morgens bis abends das Gute-Laune-Unterhaltungsprogramm vorschreiben. Aus ihrem Hotel kommen manche Touristen ganze drei Wochen nie heraus, von ihrem Ferienland haben sie nichts gesehen. Es sei denn, zum Animationsprogramm gehört auch eine Bus-Tour. Natürlich hat dieses Herdentier-Verhalten auch damit zu tun, dass die Zeiten immer unsicherer geworden sind. Man traut sich nichts mehr, weil nichts mehr Bestand hat. Nur: Während die Generation nach dem Zweiten Weltkrieg gar kein Problem damit hatte, in einer Siedlung zu wohnen, in der nicht nur die Flachdachbungalows identisch aussahen, sondern auch die Autos davor, versucht man heute, sich auf Teufel komm raus einen individualistischen Anstrich zu geben.
Oder zumindest der nachfolgenden Generation: Noch nie wurde vor europäischen Gerichten so viel über die Zulässigkeit von Vornamen gestritten wie heute. Seit einigen Jahren sind z.B. in Deutschland sogar solch aberwitzige Namen wie Pumuckl, Rapunzel oder Winnetou erlaubt. Gestattet sein darf allerdings auch die Frage, ob die Eltern eines „Winnetou Schröder“ diesem damit einen Gefallen getan haben – und ob das Kind selbst ein solches Übermaß an Individualität gewollt hätte.
Der Suche nach einem möglichst ausgefallenen Namen für den Sprössling liegt übrigens ein weit verbreiteter Irrtum zu Grunde: Der nämlich, dass sich Individualität an Äußerlichkeiten festmacht. Damit hat sie nämlich rein gar nichts zu tun. Sondern mit inneren Werten. Der französische Schriftsteller Charles Baudelaire meinte bereits im 19. Jahrhundert: „Vollkommene Aufrichtigkeit ist der Weg zur Originalität“. Das gilt aber nur sekundär für die Aufrichtigkeit anderen gegenüber. Primär ist hier die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber gemeint.
Genau da liegt die Herausforderung – und die Chance zum Individualismus: Man kann sich immer wieder daraufhin überprüfen, wie und was man gern wäre und wie weit man diesem Ziel bereits nähergekommen ist.
Allerdings: Individualismus ist anstrengend. Denn er bedeutet bisweilen durchaus, dass man gegen den Strom schwimmen muss. Das kostet nicht nur Kraft, das kann auch mental anstrengend sein – wie jeder schon mal erfahren hat, der eine Meinung vor einer Gruppe von Leuten vertreten musste, die geschlossen anderer Ansicht war. Darüber hinaus ist echte Individualität auch nichts, was man von heute auf morgen erlangen oder behalten kann. Wie jede Entwicklung ist auch die zum einzigartigen Menschen ein Prozess der nie abgeschlossen ist.
Von Andrea Rink
Fotos: Barbara 42, Jens Goetzke, Sebastian Lange, Andreas Schmidt, Peter Suneson
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