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Sie lindert Schmerzen und hält länger fit

Die Macht der Musik

Diese Situation kennt wohl jeder: Man hört beispielsweise während des Autofahrens oder Staubsaugens so ganz neben­bei Radio. Und plötzlich gibt es da ein Lied, oder auch nur eine Passage, die im Inners­ten berührt …

Musik ist eine emotionale Kraft, die sich Menschen schon lange zu Nutze machen. Allein Hollywood bietet zahl­reiche Beispiele: Was wäre „Casablanca“ ohne „As time goes by“? Oder „Der Dritte Mann“ ohne das legendäre Ins­trumentalstück, gespielt auf der Zither? Auch der Welter­folg „Pretty Woman“ lebt viel­fach von der Musik. Unverges­sen ist nach wie vor die Szene, als Vivian (Julia Roberts) zum ersten Mal in ihrem Leben die Oper besucht – und vor Ergrif­fenheit weint. Damit gewann sie nicht nur das Herz des Mil­lionärs Edward Lewis (Richard Gere), sondern auch das eines riesigen Kinopublikums rund um den Globus.


Erlebnis für Akteure und Zuschauer: eine Musical-Aufführung
Erlebnis für Akteure und Zuschauer: eine Musical-Aufführung
18.07.2008 - Wie Melodien und Töne auf den Menschen wirken, wurde unlängst an der Hochschule für Musik und Theater in Han­nover untersucht. Dafür wur­den Testpersonen im Alter zwi­schen 11 und 70 Jahren mit Elektroden verkabelt; danach spielten ihnen Musikpsycholo­gen unterschiedliche Sounds vor.

Musik in der Forschung

Von lautstarkem Heavy Metal bis zu melancholischen Streichern reichte die Palette unterschiedlicher Stile.

Bei den Hörern lösten diese verschiedenen Musikar­ten nicht nur Gefühlsverände­rungen aus, sondern auch kör­perlich messbare Reaktionen wie Gänsehaut, Anstieg der Herzrate und des Hautwider­stands. Besonders intensiv fiel die körperliche Reaktion der Probanden aus, wenn sie die jeweilige Musikrichtung beson­ders gut kannten.

Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Wer am liebsten Pop hört, fühlt sich bei die­ser Richtung am besten auf­gehoben, Klassik-Fans werden auf orchestrale Klänge mehr reagieren als auf Blues oder Rock und wer ein Faible für Schlager zum Mitsingen hat, wird darauf auch am meisten reagieren.

Denn: Unsere Musikvor­lieben sind auch geprägt von unserer ganz persönlichen Geschichte. Die Erinnerung an den ersten, heißen Flirt auf der Party in den 80ern führt dazu, dass wir mit den Liedern, die damals gespielt wurden, immer schöne Erin­nerungen verbinden – und uns beispielsweise Stevie Wonders „I just call to say I love you“ ein versonnenes Lächeln aufs Gesicht zaubert. Neben den Liedern, die für jeden Men­schen mit ganz persönlichen Erinnerungen verknüpft sind, gibt es aber auch eine Reihe von Musikstücken, die nahezu keinen Menschen kalt lassen. Ein schönes Beispiel dafür sind die Gute-Laune-Songs der schwedischen Gruppe ABBA, die erste Erfolge in den 70er Jahren des vergangenen Jahr­hunderts feierte und die auch die heutige junge Generation begeistert – wie aktuell das ABBA-Musical beweist.

Balladen berühren

Darüber hinaus sind es vor allem traurige, bisweilen sogar schwermütige Balla­den, die die Seele des Men­schen berühren – unabhängig von Alter, Bildungsstand oder Herkunft.

Das Team von Musikpsy­chologen aus Hannover unter­suchte solche „Gänsehautstü­cke“ und fand heraus, dass es typische Arrangements inner­halb eines Stücks gibt, bei denen Menschen plötzlich zum Weinen zumute ist oder sie ein Schauer ergreift. Das wuchtige Einsetzen von Chören, der unerwartete Einspieler einer zarten Sologitarre oder Geige, eine einzelne melancholische Stimme in einem karg instru­mentierten Popsong – das sind die Tricks, mit denen Musik Gefühle erzeugt. Daneben ver­zeichneten die Messgeräte der Forscher immer dann starke emotionale Reaktionen, wenn die Melodien extreme Sprünge von tief nach sehr hoch aufwie­sen oder die Musik plötzlich leise oder laut wurde.

Generationen-Gefühle

Wie stark die Macht der Musik auf ganze Generationen wirken kann, zeigen zahlreiche Beispiele: Die Kreisch- und Ohnmachtsanfälle weiblicher Heerscharen bei Auftritten der Rolling Stones oder der Beatles sind dafür ebenso typisch, wie das Woodstock-Gefühl von Love and Peace, das das gleichnamige Festi­val auslöste.

Das Gefühl von Gemein­schaft wird durch Musik nicht nur verstärkt, sondern über­haupt erst geschaffen. Und zwar schon seit der Steinzeit. Höhlenmenschen tanzten ums Feuer, sangen und trommelten. Das stärkte die Gruppenzusam­mengehörigkeit, die Gemein­schaft. Auch Machthaber in totalitären Systemen haben sich diese Mechanik schon immer zu eigen gemacht. Das wird an der Marschmusik im deutschen Nationalsozialis­mus ebenso deutlich, wie an den heutigen Musik-Paraden in China.

Auch die Religionen dieser Erde profitieren von der Kraft der Noten: Ob buddhistische Mönche gemeinsame Tonfol­gen anstimmen oder Katho­liken in der Messe zusammen Choräle singen – beides schafft ein Gefühl des Zusammenhalts und der Gemeinsamkeit.

Der Musikpsychologe Walter Freeman von der University of California in Berkeley bezeich­nete Musizieren deshalb als eine „biologische Technik der Gruppenbildung“.

Lovesongs trösten

Daneben wirkt Musik wie eine Droge ohne Nebenwir­kungen. Die kanadischen Neurologen Anne Blood und Robert Zatorre stellten schon vor einigen Jahren fest, dass beim Hören von Musik – vor allem dann, wenn eine Gän­sehaut auftritt – Hirnareale aktiviert werden, die auch beim Sex, Drogennehmen und Schokoladeessen aktiv sind. Das erklärt auch, warum wir im tiefen Liebeskummer und Trennungsschmerz hundertmal den gleichen traurigen Song hören wollen: Wir dopen uns damit. In den Schmerz mischt sich ein bittersüßes Stechen. Wir leiden, quälen uns und genießen das sogar ein biss­chen – und gehen gestärkt aus diesem Gefühlsbad hervor.

Musik in der Medizin

Untersuchungen an der Universität von Witten-Her­decke zeigten unlängst ver­blüffende  Einsatzmöglich­keiten der Musik auf: Dort erhielten Schlaganfall-Pati­enten eine Musiktherapie – mit überzeugenden Resul­taten: Nach siebenmonatiger Behandlung konnten sechs von acht Patienten wieder fließender sprechen. In einer Vergleichsgruppe ohne Musik­therapie blieb das Sprachver­mögen dagegen unverändert schlecht. Die wissenschaft­liche Erklärung: Das Reden wird von einem Sprachzentrum gesteuert, das meistens in der linken Hirnhälfte liegt. Aus der anderen Hirnhälfte wirken aber Zentren für melodisches Emp­finden und Tongebung mit. Nicht selten ist zu beobach­ten, dass Patienten zwar nicht mehr sprechen, aber noch sin­gen können. Die Musikthera­pie knüpft bei den erhaltenen Fähigkeiten an und schafft via Musiktherapie Verknüpfungen, die die nutzbaren Regionen der geschädigten Hirnhälfte wieder zum Leben erwecken.

Mittlerweile wird Musik auch bei anderen Erkran­kungen eingesetzt, so bei­spielsweise bei Krebs. Das Hören von Musik nach einer anstrengenden Chemotherapie sorgt dafür, dass die Patienten die unangenehme Behandlung schneller vergessen.

Ebenfalls bahnbrechende Erfolge versprechen sich Medi­ziner von einem anderen Ein­satzgebiet der Musik: der Bekämpfung von Tinnitus. Der Dauerton im Ohr kann Betrof­fene berufsunfähig machen oder gar in den Selbstmord treiben. Forscher wollen den inneren Ton jetzt durch Töne von außen verstummen las­sen. Eine Behandlung mit Musikinstrumenten soll hel­fen, das quälende Geräusch auszuschalten. Der Trick der aus dem psychologischen und psychiatrischen Fach kommen­den Forscher ist es, keinerlei Maßnahmen gegen den Tin­nitus zu ergreifen, sondern mit ihm zu arbeiten. Tinnitus ist ein akustisches Ereignis, Musik auch, argumentieren die Fachleute. Die Patienten ler­nen sozusagen, musikalische Freundschaft mit dem Tinni­tus zu schließen, der während des Musikhörens nicht mehr stört.

Die neue Methode eignet sich nach Angaben der For­scher für die Behandlung mit­telschwerer chronischer Tinni­tus-Erkrankungen, bei denen der Patient einen Ton oder mehrere Töne, beispielsweise ein Pfeifen, hört, nicht aber Geräusche wie Knirschen oder Zischen.

Zunächst wird mit einem Sinusgenerator exakt die Tonfrequenz der Störung bestimmt. In weiteren The­rapieschritten muss der Pati­ent etwa den Ton zum Hin­tergrundklang eines großen Gongs, eines Vibrafons oder eines Klaviers „umsingen“.

Durch gezieltes Training soll der Patient wieder aktiv zum Hören auf der bis dahin gestör­ten Frequenz erzogen werden. Es ist ein charakteristisches Phänomen, dass Patienten ein Tonintervall, in dem ihre Tinnitusfrequenz enthalten ist, unbemerkt falsch singen, sagen die Fachleute. Zugleich werden Stressfaktoren ange­gangen, die den Tinnitus nach Ansicht der Wissenschaft­ler oft über Jahre erhalten.

Weil Musik zudem positive Auswirkungen auf Kreislauf und Herz hat, werden ent­sprechende Programme mitt­lerweile auch in der Infarkt-Forschung entwickelt.

Es gibt also viele gute Gründe, mal wieder das Radio anzustellen – und gute Laune ist nur einer davon! 
Von Andrea Rink



Bildergalerie: Die Macht der Musik
Erlebnis für Akteure und Zuschauer: eine Musical-Aufführung Die Stimmung auf Konzerten reißt mit Traditionelle Instrumente kommen nie aus der Mode Gemeinsames Musizieren schafft Verbundenheit
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