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Samstag, 22.11.2008
Jugendliche mit Alkoholproblemen
Komasaufen im Trend
Seit im vergangenen Jahr ein Schüler aus Berlin nach einem Alkoholexzess ins Koma fiel und wenige Tage später starb, hat das „Kampftrinken“ Jugendlicher in aller Welt einen neuen – ausgesprochen zynischen – Namen: Komasaufen.
Mittlerweile beschäftigen sich auch Politiker mit diesem Problem: So wurde erst vor wenigen Wochen in London der Konsum von Alkohol in den U-Bahnhöfen verboten. Dazu muss man wissen, dass die „Tube“ beliebter Treffpunkt der Londoner Jugend ist.
An fünfter Stelle
Ein Forscherteam ließ rund 40 Drogenexperten, darunter Chemiker, Pharmazeuten, Psychiater, andere Ärzte und Polizisten, 20 gängige Drogen nach ihrer Gefährlichkeit einstufen. In die Beurteilung flossen Faktoren ein, wie z.B. lang- und kurzfristige körperliche sowie seelische Folgen, der psychische und physische Suchteffekt sowie die sozialen Schäden, die Drogen anrichten.
Wenig überraschend war, dass Heroin an erster Stelle des Rankings lag. Es folgten Kokain, Barbiturate, die als Beruhigungs- und Schlafmittel verordnet werden, sowie der Heroinersatzstoff Methadon.
Auf Rang fünf jedoch platzierten die Experten bereits den Alkohol, die mit Abstand am weitesten verbreitete Droge.
Er rangiert wegen seiner massiven körperlichen Langzeitschäden sowie wegen seiner zerstörerischen sozialen Wirkung besonders weit vorne.
Vor diesem Hintergrund muss das Komasaufen der Jugendlichen wohl neu bewertet werden. Sprüche wie: „Auch wir haben mal einen über den Durst getrunken, als wir jung waren“ verharmlosen ein Problem, das mehr und mehr um sich greift.
Auch auf den Kanaren wird das mehr als deutlich – vor allem an den Wochenenden: Vor den Discos der Insel treffen sich junge Leute, viele davon Schüler, und trinken jede Menge Alkohol aus dem Supermarkt, weil ihr Taschengeld für die teuren Getränke in der Disco nicht ausreicht.
Fazit: Viele sind bereits schwer angetrunken, bevor der Abend überhaupt begonnen hat – und für viele endet die Disconacht mit einer Fahrt ins Krankenhaus. Entweder nach einer Schlägerei, wegen einer Alkoholvergiftung oder nach einem Autocrash.
Diese Unfälle, die meist in den frühen Morgenstunden vom Freitag auf den Samstag passieren, werden „Disco-Crash“ genannt. Eine fatale Mischung aus Alkohol, Leichtsinn und falscher Einschätzung des Fahrvermögens ist der Grund. Die meisten dieser Unfälle enden mit schwer verletzten und toten jungen Menschen.
Weg in die Sucht
Auch bei Jugendlichen verläuft der Weg in den Alkoholismus nicht anders, als bei Erwachsenen: Aus dem Bierchen am Samstagabend wird ein durchgesoffenes Wochenende und schließlich ein Dauerrausch. Mehr und mehr Fälle werden heute bekannt, bei denen Schüler bereits morgens angetrunken zum Unterricht erscheinen und in den Pausen dann ihren Pegel mit einem kräftigen Schluck aus dem mitgebrachten Flachmann auffüllen.
An Nachschub zu kommen ist für diese Jugendliche kein Problem, auch dann nicht, wenn sie erst 14 oder 15 Jahre alt sind. Das Jugendschutzgesetz gehört offenbar zu den Regeln, bei deren Übertretung sich niemand etwas denkt. Das gilt für die Verkäuferin im Supermarkt, die harte Alkoholika an Teenager verkauft genauso wie für die Kneipenwirte.
Letztere allerdings haben aus dem Trend zum Komasaufen ein Geschäft gemacht.
Typisches Beispiel: Der spanische Ferienort Lloret de Mar, der von vielen deutschen Jugendlichen frequentiert wird, weil man schon für unter hundert Euro inklusive Bus-Anreise dort Urlaub machen kann. Beinahe jede Kneipe wirbt dort mit Super-Angeboten in Sachen Alkohol: Für fünf Euro so viel trinken, wie man möchte, ist nur eins davon. Logisch, dass viele Jugendliche dieses Angebot nutzen – im wahren Sinne des Wortes bis zum letzten Tropfen. In diversen Internet-Foren verabreden sich die Kids verschiedener Städte heute, um sich in dem Touristenort an der Costa Brava zu treffen - zum Komasaufen oder Kampftrinken.
In vielen Discos zählen mittlerweile so genannte Flatrate-Partys zu den Rennern: Mit dem Eintrittspreis hat man gleichzeitig alle Drinks bezahlt, die man im Laufe der Nacht konsumiert – abgeschaut wurde diese Idee vom All-Inclusive-Urlaub der großen Reiseveranstalter, ihren Namen hat sie von den Internet-Angeboten, bei denen man zum Festpreis so viel Downloads frei hat, wie man möchte.
Suche nach den Gründen
Damit kein verzerrtes Bild entsteht, muss man eins deutlich sagen: Die „Jugend von heute“ ist keine Generation von Säufern. Insgesamt wird sogar weniger getrunken als noch vor zehn Jahren. Aber: Diejenigen Jugendlichen, die Alkohol konsumieren, trinken immer mehr und oftmals bis zum Totalausfall.
Suchtexperten kennen verschiedene Gründe für diese Entwicklung. Eine wichtige Rolle spielt sicherlich die Werbung, die Alkohol als Genussmittel verklärt und gleichzeitig seine Konsumenten als besonders erfolgreich, schön und selbstbewusst darstellt.
Die Alkoholindustrie sucht immer neue Absatzmärkte und hat sowohl bei der Werbung als auch mit neuen Produkten, die auch Kinder mögen, die junge Zielgruppe klar im Visier. Ein Stichwort dazu heißt „Alkopops“, also bunte und süße Getränke, deren Vermarktung primär auf junge Leute abzielt. Das Fatale: Der hohe Zuckergehalt dieser Mixgetränke überlagert den oftmals bitteren Geschmack des Alkohols so erfolgreich, dass selbst Teenies, die Alkohol normalerweise gar nicht mögen, diese Drinks konsumieren – der ideale Einstieg ins Komasaufen. Auch die fehlenden Zukunftsperspektiven der Jugendlichen spielen eine Rolle beim Umgang mit Alkohol. Wer jahrelang erfolglos eine Bewerbung nach der anderen abschickt, ohne die gewünschte Lehrstelle zu bekommen, muss sich zwangsläufig für wertlos halten. Alkohol vermittelt dann ein trügerisches Gefühl von Stärke und Selbstbewusstsein. Dazu kommt, dass harte Drinks auch heute noch als Symbol für das Erwachsensein gelten. Dabei ist Alkoholmissbrauch für Jugendliche besonders gefährlich: Vor allem das Gehirn ist dabei in Gefahr, weil es erst im Alter von etwa 17 Jahren voll ausgereift ist. Auch das Nervensystem ist bei den Kids deutlich empfindlicher als bei erwachsenen Menschen. Die Schädigungen durch Alkohol sind daher deutlich gravierender als bei Erwachsenen. Beim Komasaufen stoppt zudem nicht einmal Übelkeit die Teens. Grund: Wenn in kürzester Zeit viel Alkohol getrunken wird, setzt dessen berauschende Wirkung schneller ein als das Ekelgefühl. Die natürliche Gegenreaktion wird also gehemmt. Politiker in ganz Europa sind in der letzten Zeit verstärkt für dieses Problem sensibilisiert. Einigkeit herrscht in den Ländern vor allem, was die Vorgehensweise gegen jugendlichen Alkoholmissbrauch angeht: Eine Mischung aus Verschärfung der Gesetze, striktere Überwachung der bestehenden Vorschriften und Aufklärung sollen dafür sorgen, dass Komasaufen sein Image als Party-Vergnügen verliert.
Darüber hinaus sind jedoch auch die Eltern in hohem Maße gefordert. Generell ist es in der Entwicklung völlig normal, Alkohol zu probieren, das gehört oft zur Jugendphase. Aber Toleranz darf nicht mit Wegschauen verwechselt werden. Grenzsetzung beim Alkohol ist schwierig. Es ist eine individuelle Entscheidung der Eltern, ab wann und in welchen Mengen sie ihren Kindern Alkohol erlauben. Wichtig ist, dass Eltern das Thema Alkohol schon im Vorfeld ansprechen und überlegen, wie sie damit umgehen wollen und nicht erst dann, wenn die Kinder bereits Alkohol konsumieren.
Von Andrea Rink
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