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Samstag, 22.11.2008
Wie umgehen mit den Betroffenen?
Tabu-Thema Trauer
In der heutigen Zeit scheinen Emotionen nur noch bedingt gefragt. Von der Werbung bis zum Fernsehfilm sieht es so aus, als seien wir ausschließlich umgeben von glücklichen, erfolgreichen Menschen.
Während demnach Lachen und Freude gern gesehene Emotionen sind, gerät die Trauer mehr und mehr zum Tabu-Thema. Wer je gesehen hat, wie Menschen in muslimischen und manchen südlichen Ländern trauern, wird diese Bilder (beispielsweise in den TV-Nachrichten) mit einer Mischung aus Befremden und Mitleid betrachtet haben. Für Europäer ist diese laute Trauerarbeit schlicht ungewohnt – vor allem deshalb, weil wir es gewohnt sind, dass in aller Stille getrauert wird.
Kommt der Tod in unsere Familie, gibt es gesellschaftliche Regeln, die uns die Trauer erschweren: Wenn ein naher Angehöriger stirbt, wird erwartet, dass wir stark sind und unsere Gefühle nicht bzw. nicht über einen bestimmten Zeitraum hinaus zeigen. Andererseits bekommen Menschen, die relativ schnell wieder unbeschwert sein können, zu hören: „Sie kann ihren Partner nicht geliebt haben, wenn sie ihn so schnell vergisst.“ Trauer wird so zum Liebesbeweis.
Ganz anders gehen außereuropäische Völker mit dem Tod um. All das, was man während der Trauer erlebt, aber in unserer Gesellschaft kaum ausdrücken darf, ist dort gestattet oder wird sogar erwartet: zu klagen und zu weinen, nicht zu arbeiten, nicht zu schlafen, nicht zu essen, sich von anderen Menschen zurückzuziehen, sein Äußeres zu vernachlässigen. Rituale helfen den Betroffenen, ihre Trauer auf sozial anerkannte Weise zum Ausdruck zu bringen, so dass sich keine schwere Depression oder andere krankhaften Prozesse entwickeln können. Gefühle der Trauer zuzulassen, ist ein notwendiger Bestandteil der Trauerarbeit.
Phasen der Trauer
Trauer ist eine normale Reaktion auf einen schwerwiegenden Verlust oder einen Schicksalsschlag. Dabei kann es zu einem intensiven und schmerzlichen Trauerprozess kommen, der eine regelrechte „Trauerarbeit“ erfordert. Um zu verstehen, wie ein Mensch trauert, muss man wissen, dass jeder Mensch in dieser Situation verschiedene Phasen durchläuft.
Phase eins: Zuerst will man den Verlust nicht wahrhaben, sondern nur aus einem bösen Traum aufwachen. Man ist wie versteinert.
Phase zwei: Dann kommt es plötzlich zum Aufbrechen heftiger Gefühlswallungen: Schmerz, Schuldgefühle, Angst, Wut, Zorn, aber auch quälende Sehnsucht usw.
In dieser Phase drohen vermehrt Schlafstörungen, eine besondere Anfälligkeit für Infektionskrankheiten aller Art (z.B. Grippe) sowie unkontrollierte Selbstbehandlungsversuche mit Alkohol, Nikotin, Tabletten usw.
Phase drei: Schließlich kann der Trauernde an nichts anderes mehr denken als an seinen schmerzlichen Verlust. Während dieser Zeit zieht er sich zurück und ist mit sich selbst und seinem Leid beschäftigt. Doch die Realität holt ihn wieder ein. Der Verlust wird langsam akzeptiert.
Phase vier: In dieser letzten Phase bewegt sich der Trauernde wieder auf die Welt und andere Menschen zu. Aber auch das provoziert bei ihm widersprüchliche Gefühle: Einerseits soll alles offener, intensiver erlebt und gestaltet und nichts soll verpasst werden. Andererseits hat man Angst vor der Zukunft und Furcht, wieder mit Trauer bezahlen zu müssen. Dazu kommt meistens ein diffuses Schuldbewusstsein: Darf es mir wieder gut gehen, wenn ich doch eigentlich trauern sollte? Was helfen kann: Heute gibt es in verschiedenen Städten Trauerbewältigungsgruppen, in denen sich Betroffene mit Menschen, die sich in der gleichen Lebenssituation befinden, treffen können. Große grundsätzliche Entscheidungen wie Umzug, Hausverkauf oder Stellenkündigung sollte man anfangs ebenfalls vermeiden.
Ein Tagesplan, in dem man sich ganz kleine Schritte vornimmt, hilft dabei, zumindest das Nötigste zu regeln. Wichtig ist es auch, die Wochenenden zu planen. Wer nachts den Wunsch nach einer menschlichen Stimme hat, kann die Telefonseelsorge vollkommen anonym anrufen.
Der Körper braucht - obwohl Sie gerade jetzt wahrscheinlich am wenigsten Interesse an einer gesunden Ernährung haben - Ihre Aufmerksamkeit. Gut bekommen ihm Vollwertprodukte, Salat, Obst und rohes Gemüse. Auch eine Nahrungsergänzung durch die Vitamine B, C und E sowie den Mineralstoff Magnesium ist empfehlenswert. Um körperliche Anspannung abzubauen, ist ein Spaziergang oder eine Entspannungsübung zu empfehlen.
Die Verarbeitung einer Trauer ist wie eine Bergbesteigung. Sie müssen unten im Tal beginnen und sich langsam nach oben emporarbeiten, bis Sie wieder eine neue Lebensperspektive für sich erkennen können.
Sicher ist, dass Sie Ihren verstorbenen Partner, Angehörigen oder Freund nie vergessen können und werden. Die Erinnerung wird Sie im Laufe der Zeit jedoch nicht mehr so stark schmerzen und Ihre Trauer wird nachlassen.
Das Umfeld leidet mit
So schwer diese Phasen für die Betroffenen auch sind, für Familie und Freunde ist diese Zeit ebenfalls nicht einfach. Bei allem Einfühlungsvermögen kann natürlich niemand das Leid und den Schmerz des unmittelbar Betroffenen eins zu eins nachempfinden. Dazu kommt eine generelle Hilflosigkeit, was den Umgang mit Trauernden angeht. Einige Dinge helfen aber auch dem Umfeld:
Die Dauer des Trauerprozesses ist individuell und schwer festlegbar. Selbst das festgelegte Trauerjahr erscheint häufig zu kurz. Auch ist der Schmerz nicht zu Beginn, sondern Monate nach dem Verlust oft am stärksten.
Gerade während dieser Zeit aber beginnt die Anteilnahme der Umwelt deutlich nachzulassen. Der Betroffene wird mehr oder weniger offen aufgefordert, endlich wieder zur Tagesordnung zurückzukehren. Dabei können die einzelnen Trauerphasen erneut aufbrechen, wenngleich sie kürzer sind. Auf jeden Fall soll man jetzt nicht versuchen, dem Trauernden die Trauer zu nehmen. Besonders bei Betroffenen in jungen Jahren, aber auch im höheren Lebensalter darf man nicht die eigenen Maßstäbe anlegen.
Trauernde werden von ihrer Umgebung nach einer Zeit der Schonung schließlich als belastend empfunden. Deshalb sollen sie nach Ansicht der anderen ihren Schicksalsschlag möglichst bald überwinden. Trauernde müssen aber ihre Gefühle zeigen dürfen. Und das auch unabhängig von der Zeit, die inzwischen schon vergangen ist.
Hilfe und Rat
Von nicht gerade großer Sensibilität zeugen auch gute Ratschläge, wie z.B. „Am besten machen Sie erstmal eine schöne Reise“, die bei dem Trauernden vor allem das Gefühl erwecken, abgeschoben zu werden. Auch Appelle an die Selbstdisziplin, etwa wie „Du musst Dich jetzt mal zusammenreißen“, sind in Trauer-Situationen wenig hilfreich.
Was der Betroffene statt-dessen braucht ist Trost, jedoch keine oberflächlichen Floskeln oder ein Herunterspielen des Verlustes, sondern Anwesenheit und stumme Zuwendung. Der wichtigste Faktor ist Geduld auf lange Sicht! Besondere Rücksicht ist auch an Wochenenden, Feiertagen und Jahrestagen angebracht, denn da kommt es besonders stark zu Momenten der Rückbesinnung und Erinnerung. Kleine Aufmerksamkeiten signalisieren Verbundenheit in der Not und spenden mehr Trost, als man gemeinhin erwartet: Postkarte, Anruf, kurzer Besuch. Entsprechende Bücher oder der Kontakt mit Menschen, die ihren Trauerprozess gerade erfolgreich abschließen konnten, sind oftmals hilfreich.
Vorsicht mit Tabletten
Mit medikamentöser Unterstützung soll man bei Trauerprozessen zurückhaltend sein. Sinnvoller ist eine langfristige und tröstende Verfügbarkeit, ggf. eine psychotherapeutische Betreuung. Falls Medikamente nötig sind, sollten diese nur kurzfristig verabreicht werden (z.B. Schlafmittel). Vorsicht ist vor der unkritischen Einnahme von Beruhigungsmitteln angebracht. Sie können zwar gefühlsmäßig distanzieren, dämpfen jedoch die Betroffenheit.
Dadurch stören sie den Trauerprozess und können ihn verlängern.
Von Andrea Rink
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