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Samstag, 22.11.2008
Warum das im Alltag gar nicht so einfach ist
Liebe Dich selbst…
Selbstliebe. Ein merkwürdig ungewohntes Wort, das zudem zunächst nach Egoismus klingt. Nach dem rücksichtslosen Durchsetzen der eigenen Bedürfnisse und Ziele. Dabei ist das Gegenteil richtig…
Wer sich selbst liebt, ist nämlich in der Lage, auch andere Menschen zu mögen – und zwar mit ihren Macken, Unzulänglichkeiten und Fehlern.
Oftmals wird der Begriff „Selbstliebe“ mit dem Wort „Egoismus“ verwechselt – und auch das ist schlichtweg falsch: Egoismus kann sogar das Gegenteil von Selbstliebe sein. Das Selbst ist der Mensch in seiner Ganzheit. Sein Ego dagegen ist das Bild, das er von sich hat.
Der lange Weg
Egoismus nämlich zielt auf das Selbstbild. Als Selbstbilder werden dabei die Rollen bezeichnet, mit denen sich Menschen identifizieren. Sie identifizieren sich mit einem Schauspieler, mit einem Manager, einem Vorgesetzten oder dem Nachbarn, der all das erreicht hat, was er gerne hätte.
Aber das Selbstbild ist nicht das wahre Selbst. Das Selbst ist immer größer als das Bild, das man von sich hat. Deshalb ist die Liebe zu seinem Selbst immer größer als die Liebe zu seinem Ego. Das Ego ist sozusagen die Maske vor dem Selbst.
Ein typisches Beispiel: Ein Mitarbeiter, der im Beruf rücksichtslos handelt, um auf der Karriereleiter höher zu steigen, macht das nicht etwa aus Liebe zu sich selbst, sondern deshalb, weil er versucht, seinem Bild von sich so gut es geht zu entsprechen.
Wenn er ein Bild von sich als Vorgesetzter hat, wird er alles tun, um Chef zu werden und das, was er dafür tut, wird von den anderen als egoistisches Ellenbogen-Handeln empfunden. Natürlich ist an sich überhaupt nichts verkehrt daran, Karriere machen zu wollen. Egoismus ist das Aufpolieren einer Maske, die schöner glänzen will als andere Masken. Egoismus bezieht sich somit immer auf den Vergleich mit anderen. Natürlich kommt man um diesen Vergleich gerade im Berufsleben gar nicht herum – wie denn auch, immerhin stehen wir im Job meistens in Konkurrenz zu anderen; selbst dann, wenn wir in einem Team arbeiten. Hilfreich ist es allerdings, sich darüber klar zu werden: Möchte ich Karriere machen, weil ich selbst danach strebe oder weil ich das Gefühl habe, andere würden genau das von mir erwarten? Um das entscheiden zu können, muss der Mensch sich allerdings in der Tat selbst lieben – denn nur das schafft einen klaren Blick auf das eigene Ich mit seinen Vorstellungen, Zielen und Wünschen. Genau da aber beginnen die Probleme…
Kritik an sich selbst
Kaum jemand mag sich so, wie er/sie ist. Unnachgiebig, fast unbarmherzig, so wie wir nicht mal über den unsympathischsten Nachbarn oder nervigsten Kollegen reden würden, ziehen wir über uns selbst her, dramatisieren Schwächen und Makel, machen uns selbst permanent klein. Und warum? Weil wir einfach nicht gelernt haben, uns selbst zu mögen. Genau das ist aber unabdingbar, wenn man sein Leben glücklich und erfüllt genießen möchte, ohne ständig vom Wohl und Wehe der anderen abhängig zu sein. Gar nicht so einfach: Konkurrenzdruck beherrscht das Leben nämlich beileibe nicht erst, wenn wir als Erwachsener im Berufsleben stehen. Der große Bruder, der von den Eltern vermeintlich oder real mehr geliebt wird, der Mitschüler, den die Lehrerin offenbar lieber mag… die Liste der Konkurrenten ist endlos und wird bereits in früher Kindheit angelegt.
Das Abwerfen dieses Konkurrenz-Ballastes ist somit logischerweise der erste Schritt zur Selbstliebe.
Liebe durch Krisen
Genau das ist allerdings auch der schwerste Schritt: Denn was Menschen vielfach an der Selbstliebe hindert, ist dieser hausgemachte Druck: Jetzt muss ich wieder was tun. Was absolvieren, was erreichen, was befolgen... Das Tolle an der Selbstliebe ist jedoch, dass man endlich mal nichts machen muss, genauer gesagt - nichts machen sollte.
Das bewahrheitet sich besonders in tiefen Lebenskrisen, wie etwa einer Trennung. Normalerweise neigt der Mensch dazu, in solchen Situationen vor seiner Wut und seinem Schmerz davonzulaufen. Psychologen allerdings sagen: „Genau das ist falsch.“
Wer seine Gefühle auch in Krisenzeiten zulässt, ist schon ein ganzes Stück weiter auf dem Weg zur Selbstliebe. Denn er wird feststellen, dass nicht die Wahrheit schmerzt, sondern der ständige Kampf gegen sie.
Manchmal bedeutet Selbstliebe auch, gegen den Strom zu schwimmen. Ein Beispiel: Seit Jahr und Tag treffen Sie sich einmal in der Woche mit einer Bekannten zum Kaffeetrinken. Seit einiger Zeit stellen Sie allerdings fest, dass Sie auf diese Treffen keine rechte Lust mehr haben, diesen Tag lieber anders verbringen möchten. Machen Sie es einfach! Auch wenn besagte Bekannte verständnislos, ja sauer reagiert: Es ist allemal besser, diese Verstimmung in Kauf zu nehmen, als sich jede Woche aufs Neue auf eine Verabredung einzulassen, zu der man keine Lust hat. Zur Selbstliebe zählt nämlich auch der Mut, zu sich selbst zu stehen.
Auf sich hören
Allerdings: Dazu gehört auch, dass man sich der ureigenen Wünsche und Bedürfnisse bewusst ist. Das wiederum geht nur, wenn man sich Zeit nimmt, um in sich hineinzuhorchen. Im geschilderten Fall des Kaffeetrinkens würde das bedeuten, dass man das leise genervte Gefühl, das man angesichts der bevorstehenden Verabredung hat, auch wahrnimmt – und nicht verdrängt.
Am Anfang ist das gar nicht so einfach, weil diese Wahrnehmung erst trainiert werden muss. Hat man jedoch gelernt, auf das berühmte Bauchgefühl zu hören, erweist sich dieses in den meisten Fällen als zuverlässiger Ratgeber.
Mindestens ebenso hinderlich auf dem Weg zur Selbstliebe ist es, ständig in die Zukunft planen zu wollen: Anstatt sich mit dem Hier und Jetzt auseinanderzusetzen, sind wir pausenlos dabei, uns zu überlegen, was wir morgen machen müssen, tun wollen, erledigen sollten. Und damit stecken wir wieder mittendrin in den Forderungen, die wir selbst pausenlos an uns stellen.
Für das Verweilen im Hier und Jetzt haben die Amerikaner eine schöne Beschreibung: „The Power of Now“. Tatsächlich steckt das bewusste Erleben des jeweiligen Moments voller Kraft und schenkt eine Energie, die man dann problemlos in den nächsten Augenblick mitnehmen kann.
Selbstliebe und Liebe
Diese Strategien klingen natürlich zunächst sehr ichbezogen. Das sind sie auch. Aber: Wer sich selbst liebt, kann auch andere Menschen besser lieben. Einfach weil er sich nicht mehr von einem Wust an Erwartungshaltungen, Verpflichtungen und tatsächlichem/eingebildetem Druck beeinflussen lässt und nach seinem Herzen lebt und handelt. Zusammengefasst: Der erste Schritt zur Selbstliebe ist die Beobachtung des Selbst. Der zweite Schritt ist die Achtung vor sich selbst. Beides gehört zusammen. Das Wort „achten“ ist aus gutem Grund in dem Wort „beobachten“ enthalten: Indem man darauf achtet, wie man über sich selbst denkt, spricht und wie man sich selbst behandelt, wird man aufmerksamer sich selbst gegenüber. Man wird sich im wahren Sinne des Wortes selbst bewusst. Was dann zu einem authentischen Selbstbewusstsein führt.
Aber auf dem Weg dahin verliert man genau diese Selbstsicherheit zunächst einmal: Wer sich selbst und sein Handeln in Frage stellt und sozusagen einen Blick hinter die eigene Maske wagt, erkennt zunächst einmal vor allem all das, was er NICHT ist. Später dann kommt dazu, dass er erkennt, was er nicht sein will und als Resultat: Was er sein möchte.
Auf der Internetsite www.leben-lernen-lieben.de findet sich unter der Rubrik „Selbstliebe“ eine schöne Zusammenfassung:
„Alles fängt bei mir an, auch die Liebe. Ich bin der Mensch, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen werde. Das Beste, was ich also für mich tun kann, ist, mich selbst so zu lieben, mich selbst so zu akzeptieren, mich selbst so anzunehmen, wie ich bin.
Es ist gleichzeitig auch das größte Geschenk, das ich anderen machen kann, denn erst, wenn es mir selbst gut geht, kann ich wirklich etwas geben, erst dann kommt es von Herzen. Und das spüren auch die anderen und können das, was ich für sie tue, leichter annehmen.
Wenn ich liebevoll mit mir selbst umgehe, wenn ich mich um meine eigenen Bedürfnisse kümmere, wenn ich mich glücklich fühle, dann schaue ich mich auch gerne um und frage: Wie kann ich meine Freude teilen? An wen kann ich sie weitergeben? Wenn ich gut gelaunt bin, kann ich auch eine gute Stimmung verbreiten; wenn ich mich stark fühle, kann ich auch anderen Kraft geben; wenn ich mich wohl fühle, kann ich auch anderen mit Wohlwollen begegnen. Dadurch wird die Liebe, die ich für mich selbst empfinde zum Schlüssel zur Liebe, die ich anderen entgegenbringen kann.“
Von Andrea Rink
Fotos: pixelio.de
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