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Samstag, 22.11.2008
Warum Selbstdisziplin glücklich macht
Beherrschen Sie sich!
Mein Haus, mein Auto, mein Boot…Dieser Werbespruch für eine deutsche Sparkasse brachte vor einigen Jahren eine ganz bestimmte Geisteshaltung ebenso amüsant wie präzise auf den Punkt: die Lust am Luxus. Mehr noch lautete damals das Motto: „Ich will alles – und das sofort“.
Für viele Konsumenten endete genau diese Einstellung ziemlich fatal: in der Schuldenfalle nämlich. Noch nie gab es in Deutschland so viele Anträge auf private Insolvenz wie in den vergangenen Monaten, das Bild sieht europaweit ähnlich düster aus.
Verführung ist überall
Ganz gleich, ob uns beim Schaufensterbummel die sündhaft teuren High-Heels anlachen, im Hochglanzprospekt eine teure Nobel-HiFi-Anlage lockt oder uns die neue Limousine doch besser gefällt als der praktische Kleinwagen, den wir uns eigentlich zulegen wollten – Versuchungen lauern in der modernen Konsumgesellschaft an jeder Ecke. Und werden noch ein Stückchen verführerischer, weil es heute beinahe für jeden Artikel die Möglichkeit der Finanzierung gibt: „Kaufen Sie heute, zahlen Sie erst im kommenden Jahr“.
Bei dieser Fülle von Angeboten Nein zu sagen, ist nicht nur eine Kunst – diese Form der Selbstherrschung galt lange Zeit auch als spießig, geizig, verklemmt und lustfeindlich. Selbst Psychologen ließen kein gutes Haar an dieser Fom der Eigendisziplinierung. Doch das ist Schnee von gestern – heute ist Verzicht salonfähig geworden. Die Fähigkeit zur Selbstdisziplin ist neuen Studien zufolge sogar das As im Ärmel jeder Persönlichkeit.
Dafür spricht, neben anderen Untersuchungen, vor allem die sogenannte „Marshmallow-Studie”: Vor zehn Jahren bekamen Kinder an der New Yorker Universität von Columbia die Aufgabe, mit dem Essen eines Marshmallow-Bonbons zehn Minuten zu warten. Lohn des Verzichts: Wer es schaffte, bekam zwei Stücke der Süßigkeit. Vor kurzem überprüften die Forscher nun, wie sich die damaligen Kids – heute im Teenageralter – entwickelt haben. Das Ergebnis sprach Bände: Wer sich als Kind kontrollieren konnte, bekommt heute die besseren Schulnoten, ist intelligenter, kann besser mit Stress umgehen, ist widerstandsfähiger, arbeitet effektiver und kann sich besonders gut konzentrieren. Das Ergebnis der New Yorker Forscher wird übrigens durch andere Studien gestützt. Demnach entwickeln Kids, die früh gelernt haben, auch mal zu verzichten, wesentlich weniger Abhängigkeiten, etwa von Alkohol, Nikotin oder Drogen.
Damit man den Versuchungen aber wiederstehen kann, muss man zunächst einmal verstehen, wie der Kreislauf von Sehen und Haben Wollen eigentlich abläuft. Die schlechte Nachricht vorweg: Selbstkontrolle ist nichts, was uns in die Wiege gelegt wurde. Ganz im Gegenteil kommt der Mensch mit einem kompletten Mangel daran auf die Erde; etwas sehen und sofort verkonsumieren, ist für ihn ein Gedanke. Der Grund für dieses Verhalten liegt in unserem Gehirn, genauer gesagt im sogenannten „Orbiofrontalen Kortex“. Dieser Bereich steuert unsere kognitiven Fähigkeiten, wie etwa vorausschauendes Planen oder das Herstellen komplexer Zusammenhänge – und entwickelt sich erst im Laufe der Zeit.
Nun ist es allerdings zu simpel, wenn man meint, Selbstbeherrschung käme mit dem Erwachsenwerden quasi automatisch. Im Gegenteil ist sie eine Fähigkeit, die es immer wieder aufs Neue zu erarbeiten gilt – und die Körper und Psyche einiges abverlangt.
Das hat jetzt ein amerikanisches Forscherteam bewiesen. Wer beim Gang durch eine Boutique oder ein Süßwarengeschäft standhaft bleibt, hat demnach allen Grund, sich danach erschöpft zu fühlen. Das ständige Kontrollieren der eigenen Triebe geht tatsächlich an die Substanz, sind die US-Forscher überzeugt. Nach entsprechenden Versuchen stellten sie bei ihren Probanden sogar einen deutlich verringerten Blutzuckerspiegel fest.
Ähnlich der Muskulatur, benötige die Selbstkontrolle offenbar „Treibstoff” in Form von Glukose, vermutet Roy Baumeister von der Florida State University, der mit zwei Kolleginnen die Versuchsreihe durchführte. Und möglicherweise lasse sich auch die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung durch Training stärken.
Das Forschertrio legte seinen Versuchsteilnehmern Listen mit Farbbezeichnungen vor, die in jeweils abweichenden Farben gedruckt waren - beispielsweise das Wort „Rot” in Blau. Die Probanden sollten die jeweilige Druckfarbe benennen. Je länger dieser sogenannte Stroop-Test dauerte, desto schlechter konnten sie den Impuls unterdrücken, stattdessen die jeweilige Farbbezeichnung vorzulesen. Diese Beobachtung steht nach Ansicht der Forscher im Einklang mit früheren Versuchsresultaten, denen zufolge die Fähigkeit zur Selbstkontrolle nicht unerschöpflich ist.
Auch sank der Blutzuckerspiegel bei diesen Probanden im Laufe der Zeit stärker als bei solchen, die einen anderen Test absolvierten, bei dem nicht ihre Selbstbeherrschung gefragt war.
Versuchsweise wurde den Teilnehmern am Stroop-Test daraufhin Limonade serviert. War diese mit Zucker gesüßt, verbesserten sich die Leistungen. Trat ein Süßstoff an die Stelle des Zuckers, zeigte sich kein solcher Effekt. Fazit: Gegen die Selbstkontrolle wehrt sich nicht nur das Gehirn – sogar der Körper spielt nicht mit. Denkbar schwierige Voraussetzungen also, um sich selbst zu kontrollieren. Dass es aber dennoch geht, zeigen ausgerechnet die engsten Verwandten des Menschen: die Schimpansen.
Primaten dieser Gattung, denen es schwer fällt, große Mengen an Nahrung zu sammeln, lenken sich bewusst ab, um der Versuchung zu widerstehen, die gesammelte Nahrung auf einmal aufzuessen, haben Forscher herausgefunden. Ihre Studie zeigt, dass Affen ähnlich wie Shopping-Wütige, die darum kämpfen, der Anziehungskraft von Kaufhäusern zu widerstehen, eine Ablenkung begrüßen, die den Impuls zu essen unterdrückt.
Forscher der Georgia State University in Atlanta gaben vier Schimpansen einen Plastikbehälter, an den ein Schlauch angeschlossen war, durch den der Behälter langsam mit Süßigkeiten gefüllt wurde. Ein Öffnen des Behälters unterbrach den Zufluss jedoch. Die Schimpansen durften den Behälter beobachten, aber nicht berühren. Dadurch lernten sie, dass sie umso mehr Süßigkeiten bekommen würden, je länger sie warteten.
Die Forscher aus den USA vermuteten, dass es den Schimpansen leichter fallen würde, den Süßigkeiten zu widerstehen, wenn ihnen eine Auswahl an Spielzeugen und anderen Ablenkungsmöglichkeiten zur Verfügung stünde. Und genau das passierte auch:Die Schimpansen widerstanden den sich ansammelnden Süßigkeiten länger, wenn sie Zugang zu ihren favorisierten Spielsachen hatten. Das beweist, dass Spielen sie tatsächlich vom Essen ablenkt. Eine weitere interessante Parallele zum Homo Sapiens: Diese Fähigkeit hat offenbar unmittelbar mit dem Alter zu tun. Die beiden älteren Schimpansen der Gruppe (36 und 33 Jahre) widerstanden den Süßigkeiten im Durchschnitt länger: bis zu 18 Minuten. Die jüngeren Schimpansen dagegen (21 und 20) hielten weniger lange durch, manchmal nur dreißig Sekunden, bevor sie sich über die Süßigkeiten hermachten. Ist also Ablenkung auch für den Menschen eine wirksame Strategie auf dem Weg zur Selbstbeherrschung? Auf jeden Fall, das sagen Psychologen. Ein gutes Beispiel: das Rauchen. Anstatt sich jedes Mal, wenn das Verlangen da ist, eine Zigarette anzustecken, raten Verhaltensforscher dazu, bewusst jedes Mal sofort etwas anderes zu machen, wenn die Lust auf den blauen Dunst übermächtig wird. So kann man nach und nach das Rauchen durch ein anderes Verhalten ersetzen – und gleichzeitig das Gehirn umtrainieren. Darüber hinaus kennen Verhaltensexperten noch einige andere Tricks zur Selbstbeherrschung:
So kann man sich wesentlich besser zusammenreißen, wenn man zwar weiß, dass das Objekt der Begierde da ist, es aber nicht sehen können. Deshalb: Pralinen im Küchenschrank verstauen, Hochglanzreiseprospekte im Regal lagern und an Schaufenstern mit schicken Klamotten vorbeigehen, ohne großartig hineinzusehen.
Was immer Sie in Versuchung führt – stellen Sie sich vor, dass es sich um ein ge-rahmtes Foto handelt. Auch wenn unser Verstand es besser weiß, reagiert unser Unterbewusstsein unmittelbar auf diese Botschaft und verliert die Lust. Da die Selbstbeherrschung schnell erlahmt, wie die genannten Studien zeigen, sollte man sie nicht überfordern. Wenn Sie zum Beispiel eine wichtige Konferenz haben, bei der all ihre Kompetenz und Konzentration gefordert sind, sollten Sie besser nicht auf das heißgeliebte Stück Schokolade verzichten. In diesem Fall macht es mehr Sinn, der Versuchung nachzugeben. Generell sollte das Leben auch nicht aus dauerndem Selbstverzicht bestehen, das macht alles andere als glücklich. Aber ein wenig Disziplin sorgt durchaus für Lebensqualität.
Von Andrea Rink
Fotos: Marcello eM, Matt Hall
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