Alles nur Bio-Chemie?
Die Liebe ist eine Himmelsmacht, heißt es in einem alten Schlager. Von Schicksal ist auch gern die Rede, von Amor mit seinem Pfeil und ähnlichem mehr. Neurologen und Biochemiker allerdings sehen das Gefühl der Gefühle weitaus nüchterner. Die Liebe – nicht mehr als eine chemische Reaktion?
Schmetterlinge im Bauch, die Gedanken kreisen pausenlos um den Einen oder die Eine. Schlaflosigkeit und Appetitmangel, dabei aber voller Power und Energie. Das sind die typischen Anzeichen von Verliebtheit. Und sie alle haben ihren Ursprung im Gehirn. Einige Wissenschaftler behaupten sogar, das Gefühl der Verliebtheit sei einer Zwangserkrankung ausgesprochen ähnlich: Menschen, die rund 100 Mal am Tag kontrollieren, ob der Herd auch ausgeschaltet sind, sich permanent die Hände waschen oder pausenlos die Wohnung putzen, weisen eine ähnliche Hirnchemie auf wie frisch Verliebte, so Wissenschaftler.
Markante Mienen
Auch wenn man es nicht gern hört, weil es als oberflächlich gilt: Initialzünder für das Verliebtsein ist das Aussehen. Kein Wunder: Immerhin sind 30 Prozent unseres Gehirns ausschließlich mit der Verarbeitung von Sehreizen beschäftigt, erklären Wissenschaftler.
Oft entsteht bereits mit den ersten Blicken das großartige Gefühl der Liebe. Entscheidend ist also das Aussehen des Mannes oder der Frau. Dabei fühlen sich beide Geschlechter besonders von ebenmäßigen Zügen angezogen. Männer bevorzugen Frauen mit besonders glatten, weichen Gesichtern. Frauen mögen markante Mienen. Der Grund für diese unbewusste Kategorisierung in gutaussehend/weniger gutaussehend: Die Geschlechtshormone Testosteron bei Männern und Östrogen bei Frauen, die jeweils für genannte Physiognomie verantwortlich sind.
Vom biologischen Standpunkt aus zeugt also gutes Aussehen von Gesundheit und einem hohen Spiegel an Sexualhormonen – Voraussetzung für starke Nachkommen. Biologischer Sinn des Verliebens ist demnach auf den ersten Blick nur die Fortpflanzung. Allerdings geht unser Unterbewusstsein noch ein Stück weiter: Neben den biologisch günstigsten Vorausetzungen spielt es eine ebenso große Rolle, dass der Partner geeignet erscheint, um den Nachwuchs auch unter besten Bedingungen aufzuziehen. Vor allem Frauen suchen unbewusst nach einem verlässlichen Mann, der Sicherheit bietet. Das geschieht vor dem evolutionsbiologischen Hintergrund, dass sie durch eine Liebesbeziehung Kinder bekommen, jahrelang nur mit deren Versorgung beschäftigt und dabei auf Schutz und Unterstützung angewiesen sind.
Das Aussehen allein ist deshalb für Frauen nicht ganz so wichtig wie für Männer. Sie müssen in ihm auch den Beschützer erkennen können.
Die besondere Note
An dem Spruch „jemanden gut riechen können“, ist eine Menge dran. Denn Liebe geht auch durch die Nase. Jeder Mensch verfügt über einen ganz individuellen Duft. Das Vomeronasalorgan (VNO), ein winziger Rezeptorbereich in der Nasenschleimhaut, ist darauf spezialisiert, Pheromone, die Sexuallockstoffe des Menschen, aufzufangen. Ihre Note entscheidet mit darüber, ob wir einen Menschen auch sexuell attraktiv finden.
Evolutionsbiologen fanden in diesem Zusammenhang heraus, dass Menschen vor allem einen Duft, der sich von ihrem eigenen stark unterscheidet, als anziehend einstufen.
Die verschiedenen Duft-Nuancen entstehen unter anderem durch bestimmte Gene, die durch die Aktivitäten des Immunsystems geprägt sind.
Sind die Gen-Profile von Mann und Frau besonders unterschiedlich, können sie sich gut ergänzen und gelten damit als ein Garant für gesunde Nachkommen.
Unbewusstes Denken
Neben dem Sehen und dem Riechen spielt auch das unterbewusste Denken beim Vorgang des Verliebtseins eine entscheidende Rolle. So identitifizierten die Neurobiologen Semir Zeki und Andreas Bartels am University College von London als zwei der ersten Forscher die betreffenden Areale im Gehirn: Während einer Untersuchungsreihe betrachteten die Studienteilnehmer Bilder des Geliebten/der Geliebten oder einfach nur von Freunden. Dabei wurde ihr Gehirn mit einem funktionellen Magnetresonanztomografen gescannt.
Es zeigte sich, dass ausschließlich beim Ansehen des „Liebesobjekts“ mehrere Hirnregionen zu leuchten begannen, andere dagegen verstummten. Vor allem vier Bereiche im limbischen System, darunter das sogenannte Belohnungszentrum, waren aktiv. Übrigens eine ganz ähnliche Reaktion, wie sie Drogenkonsum im Gehirn auslöst.
Überrascht waren die Forscher, als sie den gleichen Test mit Müttern durchführten und ihnen Fotos ihrer Kinder vorlegten – es begannen die identischen Bereiche wie bei Verliebten zu leuchten bzw. zu verblassen.
Verliebtheit und Mutterliebe sind also fast identisch, bedingungslos und manchmal realitätsfern. Denn zu den inaktiven Hirnarealen zählt bei Müttern und Verliebten unter anderem genau der Bereich, der für kritische Urteile im emotionalen Bereich verantwortlich ist.
Dies könnte die neurobiologische Grundlage für den Tatbestand des „Liebe macht blind“ sein. Gleichzeitig zeigt das Gehirn weniger Aktivitäten in Arealen, die mit negativen Gefühlen verbunden sind, etwa in dem Bereich, der bei Depressionen besonders aktiv ist. Die Amygdala, ein Gehirnsektor, der bei Angst und Trauer verstärkt aktiv wird, ist ebenfalls inaktiv.
Die Hormone
Der Volksmund bezeichnet das Stadium der Verliebtheit etwas derb auch als „Trommeln der Hormone“. Ganz unrecht hat er dabei allerdings nicht.
Vor allem die beiden Stoffe Oxytocin und Vasopressin spielen eine wichtige Rolle in der Liebe. Oxytocin könnte man dabei auch Vertrauens- oder Kuschelhormon nennen. Es ermöglicht es, sich auf andere Menschen einzulassen und Liebe für eine Person im Gehirn zu verankern. Je leidenschaftlicher eine Beziehung am Anfang ist, je mehr Oxytocin also ausgeschüttet wird, umso stärker könnte die emotionale Bindung zwischen Mann und Frau werden, auch wenn nach der Phase der ersten Verliebtheit die hohe Hormonaktivität wieder abebbt, vermuten Biologen.
Das andere Liebeshormon, Vasopressin, verfügt über ganz ähnliche Eigenschaften – unterstützt die Bindung und wird deshalb auch als Treuehormon bezeichnet. Physiologisch gesehen sorgt Oxytocin für die Muskelkontraktionen während des Orgasmus, aber auch der Geburt. Vasopressin moduliert den Druck in den Gefäßen so, dass die Geschlechtsorgane optimal mit Blut versorgt werden und verhilft nach dem Orgasmus zu einem tiefen Schlaf.
Daneben steigt auch der Spiegel anderer Substanzen, die mit Glücksgefühlen und einem Energiehoch verbunden sind. Dazu gehören das im Belohnungssystem Euphorie auslösende Dopamin und das Aufputschhormon Adrenalin. Es ist mitverantwortlich für die Ruhelosigkeit, das Kribbeln und die scheinbar endlose Kraft, die Verliebte in sich spüren.
Gleichzeitig steigt das männliche Sexualhormon Testosteron bei Frauen an und steigert damit die sexuelle Lust. Bei Männern sinkt es jedoch. Was genau die Ursache dafür ist, hat die Forschung noch nicht aufdecken können. Wahrscheinlich ist jedoch, dass auf diese Weise Männer sanfter und entspannter werden könnten.
Somit schafft der gesunkene Hormonspiegel bei ihnen die Voraussetzung dafür, sich auf eine entspannte Partnerschaft überhaupt einlassen zu können. Allerdings sinkt der Serotoninspiegel und erreicht ähnlich niedrige Werte wie bei Zwangskranken.
Wahrscheinlich ist dieses Phänomen verantwortlich für das bei frisch Verliebten auch manchmal quälende Gefühl, immer an ihn oder sie denken zu müssen, im Sinne von „krank vor Liebe sein“.
In der Gesamtheit entsteht das Gefühl, verliebt zu sein, also aus einem komplexen Puzzle von Peptiden, also Botenstoffen und Hormonen, aber auch Verhalten und Erleben.
Daraus resultiert schlussendlich die Erkenntnis, dass das überschäumende Gefühl des Verliebtseins ohne Gefühlsverlust in die dauerhafte Emotion einer Liebe überwechseln kann. Würden nämlich lediglich die Hormone und unser Unterbewusstsein die Liebesfähigkeit des Menschen steuern, wäre es nicht weit her mit langen Beziehungen.
So aber ersetzen nach und nach lieb gewordene Rituale, gemeinsam gemachte Erfahrungen und Erlebnisse den aufregenden Cocktail aus Hormonen und unterbewusster Steuerung. Genau das gehört dann zu den mysteriösen Aspekten der Liebe, die sich wissenschaftlich nur ausgesprochen lückenhaft erklären lassen. Was eigentlich auch gut ist. Schließlich verliert das Gefühl Liebe doch ein Stück weit an Faszination, wenn alles durch Versuchreihen, Messungen und medizinisch-biologische Experimente erklärbar wäre…
| Bildergalerie: Alles nur Bio-Chemie? |
![]() |
| 6 Bilder zum Artikel gefunden: Weiter zur Bildergalerie |
| Diese Seite drucken |
| Texte © 2007 - 2008 by Kanaren Express Alle Rechte vorbehalten |
|
Social Bookmarking |
| KanarenExpress - Die Zeitung auf den Kanaren Der KanarenExpress, gegründet 2006, ist innerhalb kürzester Zeit die auflagenstärkste deutsche Zeitung auf den Kanarischen Inseln geworden. Die Zeitung wird an Verkaufsstellen auf den Inseln Teneriffa, Gran Canaria, Fuerteventura, Lanzarote, La Palma, El Hierro und La Gomera verkauft. Nachrichten, Reportagen, Informationen von den Kanaren stehen in der Zeitung im Vordergrund. |
22.11.2008 - Auf den Kanaren bisher einmalige Auszeichnung 22.11.2008 - 61 Immigranten auf La Gomera angekommen 22.11.2008 - Entlastung für Hypothekarschuldner 21.11.2008 - Alle sechs Fahrspuren auf der TF-1 in Betrieb 21.11.2008 - Neues Internetportal für San Miguel de Abona 21.11.2008 - Spanische Vizeregierungschefin besucht die Kanaren 21.11.2008 - Drei Lokalpolizisten wegen Drogenhandels verhaftet 20.11.2008 - Studieren ab fünfzig Jahren |








22.11.2008 - 















