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Samstag, 22.11.2008
Umweltschutz liegt im Trend
Grüner Glamour
Birkenstocksandalen, Palästinensertuch, Anti-Atomkraft-Sticker und ein stets betroffener Gesichtsausdruck. Dieses Klischee der Natur- und Umweltschützer hält sich hartnäckig in unseren Köpfen – und hat mit der Realität nicht mehr das Mindeste zu tun.
Mittlerweile nämlich ist ein verantwortlicher Umgang mit der Umwellt trendy und chic. Das englische Enfant Terrible der Mode, Vivien Westwood, zeigt auf dem Laufsteg Designer-Shirts mit Öko-Bekenntnissen, im Gourmet-Restaurant stehen Lebensmittel aus biologischem Anbau ganz oben auf der Speisekarte und in Metropolen-Bars serviert man Öko-Sekt.
© Robson Oliveira
Grünes Hollywood
In der Filmmetropole Los Angeles leben Stars diesen Trend vor: Schauspielerin Cameron Diaz betont in TV- und Zeitschriften-Interviews gern, dass sie ausschließlich Kleider trägt, die unter ökologischen Gesichtspunkten produziert werden.
In den Nobel-Autohäusern Hollywoods sind Hybrid-Autos der Renner und auch die Polit-Szene wird nicht müde, die Wichtigkeit von Umweltthemen zu betonen.
Man könnte zynisch argumentieren, dass die Stars und Polit-Mächtigen dieses Engagement vor allem deshalb zeigen, weil damit viel zu gewinnen ist – immerhin hat Al Gore Ende vergangenen Jahres für seinen Film über die Wichtigkeit des Klimaschutzes neben dem Friedensnobelpreis auch den Oscar bekommen.
Auch Arnold Schwarzenegger, Gouverneur des Sonnenstaates, fährt ziemlich gut mit seiner politisch-korrekten Haltung pro Umwelt. Die Vorreiter-Rolle der Stars allein ist es aber nicht, was Grün diesen Glamour verliehen hat.
Eine neue Untersuchung aus Deutschland hat ergeben, dass mittlerweile ein Drittel der Menschen in ihrem Alltag verstärkt darauf achten, dass sie der Umwelt nicht schaden. Mülltrennung, energiesparende Haushaltsgeräte, Gemüse aus ökologischem Anbau; all das steht heute auf der Prioritätenliste der Menschen ganz weit oben. Mittlerweile haben auch Lebensmittel-Discounter umweltfreundliche Waren im Sortiment – mit durchschlagendem Erfolg. Ein besonders überzeugendes Beispiel für diesen Trend ist die Internetseite www.utopia.de. Auf dieser „Plattform für strategischen Konsum“ diskutieren Mitglieder über umweltfreundliche Lebensmittel und gute Methoden zum Energiesparen.
Das Interesse an der Seite ist seit ihrem Start im November 2007 regelrecht explodiert: Utopia.de verzeichnet täglich zwischen 20.000 und 30.000 Klicks – Tendenz nach wie vor steigend.
Trendforscher haben die Zeichen der Zeit ebenfalls erkannt, und den neuen Ökos gleich einen einprägsamen Namen verliehen: „Lohas“. Diese Abkürzung steht für „Lifestyle of Health and Sustainability“, übersetzt „gesunder und nachhaltiger Lebensstil“. Dabei bedeutet nachhaltig in diesem Kontext, dass man bei allem, was man tut, die Auswirkungen auf die Zukunft im Hinterkopf hat.
Guter Genuss
Aber warum liegt ein gesunder und nachhaltiger Lebensstil heute dermaßen im Trend, wo das Wort „Öko“ doch jahrelang vor allem als Schimpfwort benutzt wurde? Ganz einfach: Die heutige grüne Welle unterscheidet sich erheblich von der Öko- und Anti-AKW-Bewegung der achtziger Jahre. Steinhartes Biobrot und Sauerkrautsaft aus dem Reformhaus, gestrickte Socken aus Öko-Wolle und Duschen im Dunkeln für die Umwelt – das alles war damals gefordert. Stil, Genuss und Glamour waren da nicht gefragt. Und genau das unterscheidet die Bio-Bewegung der 80er vom heutigen grünen Glamour: Man kann Gutes tun und gleichzeitig genießen. Tatsächlich sind ökologisch produzierte Produkte heute alles andere als fade oder nur mit der richtigen Gesinnung genießbar: Bio-Äpfel sind mittlerweile nicht nur gesünder, sie schmecken auch besser als Supermarkt-Obst aus dem Treibhaus.
Dazu kommt: Mittlerweile kann man sich das gute Gewissen beim Essen auch leisten – im wahren Sinne des Wortes. Je mehr Menschen in ganz Euro-pa auf Öko setzten, desto größer wurde die Nachfrage und desto kleiner schlussendlich die Preise für den Verbraucher. Hier in Spanien zeichnet sich der Trend ganz allmählich auch ab – mit Lebensmitteln, die vor allem auf Gesundheit setzen, wie beispielsweise Fruchtsäften ohne Zucker oder Joghurt mit probiotischen Kulturen. Vom Bewusstseinsstand des restlichen Europas allerdings ist die gesamte iberische Halbinsel noch weit entfernt. Dennoch: im Zuge der Europäisierung wird auch in Spanien der Öko-Trend nicht aufzuhalten sein. Für Psychologen ist die Verbindung von Genuss und gutem Gewissen eine der Säulen für den Erfolg, den der neue Bio-Trend hat.
Darüber hinaus hat die Umwelt dem Menschen in den vergangenen Jahren mehr als einmal einen ordentlichen Schock versetzt. Vor allem Naturkastastrophen wie der Tsunami in Asien haben gezeigt, welche Gewalt die lange Zeit sträflich vernachlässigte Natur an den Tag legen kann. Aber auch die (tasächliche oder subjektiv wahrgenommene) Klimaveränderung; die immer milder werdenden Winter in Deutschland oder die Anhäufung des Calimas auf den Kanaren, haben das Bewusstsein der Menschen für die Natur und die Wichtigkeit ihres Schutzes mehr und mehr gefördert.
Dazu kommt, dass die Zu-sammenhänge zwischen menschlicher Sorglosigkeit mit den Ressourcen der Natur und die Häufung an Klima-Extremen und -Katastrophen heute nicht mehr von der Hand zu weisen sind.Somit ist das neue Umweltbwusstsein der Menschen ein Stück weit auch der Versuch, die Angst vor Naturkatastrophen zu bewältigen; in dem man selbst aktiv wird. Dieses Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, hat der Mensch in der heutigen Zeit nicht mehr allzuoft: Ganz im Gegenteil hat die Angebots- und Reizüberflutung mittlerweile dazu geführt, dass der Mensch ebenso hilf- wie orientierungslos vor dem gesellschaftlichen Überangebot steht.
Die Konzentration auf ein umweltbewusstes Konsumieren gibt ihm somit eine Orientierungshilfe.
Mehr noch: Neurologen haben mittlerweile festgestellt, dass das neue Umweltbewusstsein auch körperlich glücklich macht. Beim Einkaufen beispielsweise. Die bewusste Entscheidung für gesunde Lebensmittel und damit das Gefühl, sich selbst und der Familie etwas Gutes zu tun, setzt im Körper nachweislich Glückshormone frei, die wiederum für aktiven Stressabbau sorgen.
Ganz anders übrigens, als wenn wir verpflichtet sind, uns nach bestimmten Regeln zu verhalten – das nämlich verstärkt Stress und Unzufriedenheit. Ein gutes Beispiel dafür ist die Anhebung der Kraftfahrzeugsteuer. Auch wenn jeder Autofahrer im Prinzip einsieht, dass er damit einen Beitrag für die Umwelt leistet, führt diese zu Frust und Unzufriedenheit.
Low Cost
Genau an diesem Punkt wird es dann auch schwierig mit dem ökologischen Bewusstsein. Umweltexperten nämlich wissen, dass allein der bewusste Einkauf nicht aus-reicht, um unsere Welt vor den Folgen der Umweltsünden zu schützen – Verzicht gehört auch dazu. So zum Beispiel auf das tägliche Duschen oder die Autofahrt bei jeder Gelegenheit.
Umfragen zeigen allerdings, dass der Verbraucher zu diesem Verzicht schlicht noch nicht bereit ist. Umweltsoziologen nennen das die „Low-cost-Hypothese“ und ziehen den Schluss: Je höher der Aufwand für ein umweltfreundliches Verhalten, desto seltener wird es ausgeführt. Betrachtet man diese Schwäche der neuen grünen Bewegung, sieht sie auf den ersten Blick aus wie eine Schwindelpackung. Aber das ist sie nicht. Denn je mehr Menschen ökologisch denken, desto eher wird umweltfreundliches Verhalten zu einer gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit.
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