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Leben zwischen Kunst und Geschichte Teil V

Die historische Casa de los Balcones

In der Straße San Francisco am äußeren Ring des histo­rischen Teils der Stadt La Oro­tava befindet sich das touris­tische „Drei-Häuser-Eck“, bestehend aus der Casa del Turista, dem Sandteppichmu­seum und der Casa de los Bal­cones. Letzteres Gebäude ist – rein architektonisch betrach­tet – ein kanarisches Traum­haus, das die Jahrhunderte überdauert hat.

Erbaut wurde es 1632 von der Familie Méndez-Fon­seca, die aus direkten Nach­fahren des spanischen Erobe­rers Alonso Fernández de Lugo bestand. Dieses Gebäude, das sich über drei Stockwerke hin­zieht, bezaubert durch den typisch kanarischen Baustil und vor allem durch die vie­len Balkone, die diesem Haus auch den Namen gaben.


Das alte Herrschaftshaus gilt als eines der schönsten noch erhaltenen Häuser im historischen Baustil, das Einblick in den Alltag vergangener Zeiten bietet.
Das alte Herrschaftshaus gilt als eines der schönsten noch erhaltenen Häuser im historischen Baustil, das Einblick in den Alltag vergangener Zeiten bietet.
© www.inselteneriffa.com  
 
La Orotava - 06.06.2008 - Im ersten Stock befindet sich vor jedem Fenster der ehemaligen Herrschaftswohnung ein klei­ner Balkon mit kunstvollem, schmiedeeisernem Geländer. Auf der oberen und letzten Etage zieht sich ein Holzbalkon aus Teaholz mit aufwändigen Schnitzereien durchgehend an der Hausfassade entlang.

Heute ist die Casa de los Balcones ein Zentrum der kanarischen Handwerkskunst und bietet seinen Besuchern die Möglichkeit, einen Einblick in den Lebensstil des 17. bis 19. Jahrhunderts zu gewin­nen, hochwertige Souvenirs zu erstehen oder den Stickerinnen bei ihrer Arbeit auf die Fin­ger zu sehen. Tatsächlich zei­gen die Frauen aus dem Dorf, durch welch mühevolle Klein­arbeit die kunstvollen Decken entstehen. Früher hatte jede Familie ihr eigenes Muster, das als eine Art Visitenkarte diente. Heute werden in der Casa de los Balcones vor allem das Richelieu-Muster aus La Palma und die Rosetten von Vilaflor gefertigt. Auch Körbe, kleine Timble-Gitarren und andere Erzeugnisse der loka­len Handwerkskunst kann man dort erstehen. Im malerischen Innenhof, der wildromantisch anmutet, werden Weine und Liköre zum Kauf angeboten und natürlich kann man sie auch vorher probieren.

Das Haus selbst scheint ein Zeuge aus einer vergangenen Zeit zu sein, obwohl es erst rund 20 Jahre her ist, dass die letzte Erbin der einstigen Adelsfamilie im ersten Stock des Hauses gewohnt hat und zwar genauso, wie man es heute noch besichtigen kann. Eine schmale Wendeltreppe führt in die einstigen Gemä­cher. Allerdings ist für diese Besichtigungstour ein Obolus von 1,50 Euro zu entrichten. Auf diese Weise wird sicher­gestellt, dass nur Interessierte den Flur an den Zimmern ent­lang wandern, denn täglich besuchen rund 2.000 Men­schen diesen bekannten Ort und einen so starken Zustrom würde der Holzboden nicht verkraften. Aus dem glei­chen Grund kann man auch die Zimmer nur von außen betrachten.

Im geräumigen Wohnzim­mer hängen noch Familienfo­tos an der Wand, es gibt ein Grammophon und sogar eine alte Spieluhr in Truhenform, die tatsächlich noch funkti­oniert. Lebensgroße Figuren, die in die Wohnlandschaft integriert sind, beleben die Szenerie. Ein altes Bade­zimmer mit einer Ausstat­tung von anno dazumal und sogar ein typischer Wasserfil­ter sind erhalten. Diese Vor­richtung (el bernegal) wurde einst zum Reinigen des Trink­wassers genutzt. Sie besteht aus einem Lavastein-Gefäß, durch das am unteren Ende Tropfen für Tropfen in einen Auffangbehälter gelangt. Etwa ein Tropfen pro acht Sekunden. Diese Anlagen, die damals in allen Haushal­ten üblich waren, sind in der Regel nach Norden ausgerich­tet, um die Kühle zu garantie­ren. Am spannendsten ist die Küche. Sie ist noch genauso ausgestattet, wie es in der damaligen Zeit üblich war: mit einem alten Holzofen, handge­fertigten Geschirrgestellen aus Holz und Haushaltskeramik. Fast wirkt es, als würde dort heute noch gekocht. Viele, die heute im Seniorenalter sind, erinnern sich noch, wie gemüt­lich sie es als Kinder emp­fanden, wenn die Frauen der Familie oder aus der Nachbar­schaft in der Küche werkelten oder bei einem Tässchen Kaf­fee zum Klatsch bereit saßen. Darf man der Überlieferung glauben, waren die Frauen in der damaligen Gesellschafts­struktur die Herrscherinnen über Haus, Herd und die Kinder. Auch das Haushalts­geld wurde in der Regel vom weiblichen Geschlecht verwal­tet. Die Männer gingen ihrem Handwerk nach und zogen sich dann meist zum gemüt­lichen Plausch in die ebenso in fast jedem Haus vorhandene Bodega im Keller zurück. Dort hielt man sich die Weiblichkeit vom Leib, indem man hartnä­ckig behauptete, Frauen hät­ten keinen Zugang, denn wenn eine Frau mit einer Monatsblu­tung den Raum beträte, würde der Wein zu Essig werden. Die Casa de los Balcones ist ein Haus aus der Vergangenheit, das in unserer modernen Zeit einen Hauch Geschichte leben­dig werden lässt. 
Von Sabine Virgin
Fotos:
www.inselteneriffa.com



Bildergalerie: Die historische Casa de los Balcones
Das alte Herrschaftshaus gilt als eines der schönsten noch erhaltenen Häuser im historischen Baustil, das Einblick in den Alltag vergangener Zeiten bietet. In der Casa de los Balcones kann man nicht nur handgearbeitete Stickereiar­beiten erwerben, sondern den Stickerinnen sogar auf die Finger schauen. Die Wohnung im ersten Stock ist noch genauso erhalten, wie sie von ihrer letzten Bewohnerin vor rund 20 Jahren hinterlassen wurde. 
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