Die Vegetationszonen und ihre Flora
Als der Naturforscher und Geograph Alexander von Humboldt (1769-1859) im Juni 1799 eine Woche auf Teneriffa weilte, durchwanderte er bei seiner Besteigung des Pico del Teide (3718 m) vom Orotava-Tal aus die verschiedenen Vegetationszonen und machte dabei die Beobachtung, dass einige Pflanzen nur in bestimmten Höhenstufen gedeihen.
In seinen Ergebnissen dieses Forschungsaufenthalts bzw. in seinen Studien über die Abhängigkeit der Vegetation von der Höhe über dem Meer gliederte Humboldt die Pflanzenformationen in fünf ausführlich beschriebene Zonen auf: Sukkulenten und Buschwälder der Küstenzone; Lorbeerwald; Fayal-Brezal-Formation (Gagelbaum bzw. Gemeine Buche, und Baumheide); Kiefernwald und Subalpine bzw. Alpine Hochgebirgsformation.
- die Sukkulentenformation der Küstenzone (bis 500 m)
- den Lorbeerwald (500-1000 m)
- die Fayal-Brezal-Formation (1100-1500 m)
- den Kiefernwald (1500-2000 m)
- die Subalpine Hochgebirgsformation (ab 2000 m)
Die Sukkulenten können in trockenen Küstenzonen überleben, da sie Dickblattgewächse mit fleischigen Stängeln und Blättern sind, deren Verdickungen – umgeben von einer undurchlässigen Außenhaut – als Wasserspeicher fungieren. Dazu gehört die Familie der Wolfsmilchgewächse (Euphorbien). Von diesem Kanarenendemit ist vor allem die „Säuleneuphorbie“ oder „Kandelaberwolfsmilch“ (cardón), die man nicht mit einem Kaktus verwechseln darf, auf La Palma vertreten. Dieser hohe Strauch (Euphorbia canariensis) mit seinen quadratischen bzw. fünfeckigen Stielen und grün-rotstichigen Blüten kommt vor allem in den Küstenregionen vor.
Eine weitere Pflanze aus der Familie der Wolfsmilchgewächse ist die „Tabaiba dulce“ (Euphorbia balsamífera), ein Euphorbienstrauch, dessen Milch von den Ureinwohnern als Heilmittel und zur Mumifizierung der Toten verwendet wurde. Lippen, Augen und Schleimhäute sollte man nicht mit dieser ätzenden Milch in Berührung bringen. Eine mit der „Tabaiba“ nicht selten verwechselte, wolfsmilchartige Pflanze ist die „Verode“ (Kleinia neriifolia), die aber kräftigere und oleanderartige Blätter besitzt. Ebenso zu den Dickblattgewächsen gehört auch das „Aeonium“, von dem es allein auf La Palma über zehn verschiedene Arten gibt. Davon ist das schönste Aeonium die „Rotblütige Hauswurz“ (Aeonium nobile) mit den großen Blattrosetten, aus denen mächtige rote Blütenstände wachsen. Im Spanischen heißt dieses Gewächs „bejeque rojo“ und blüht im Juli.
Die häufigste und bekann-teste Aeonium-Art auf La Palma ist die „bejeque tabaquero“ (Aeonium palmense), die mit ihren gelben Blütenständen einer Tabakpflanze ähnelt und von März bis April blüht. Von den eingeführten Arten haben sich in der Küstenregion vor allem die Feigen-Kakteen und Agaven verbreitet. Zu der Kakteengattung der „Opuntien“ zählt als bekanntester Vertreter der „Feigenkaktus“ (Opuntia ficus india), der im 16. Jahrhundert aus Mexiko eingeführt wurde und dessen grüne, rote oder lila Früchte essbar sind und üblicherweise als „tunos“ bezeichnet werden. In den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts diente er als Wirtspflanze für die Zucht von „Koschenille“-Läusen. Aus der so genannten „Kermesbeere“ wurde ein karminroter Farbstoff zum Einfärben von Textilien gewonnen. Zu den eingeführten Pflanzen gehören auch die verschiedenen Arten der Agave, die in der Küstenregion wachsen. Bei der „Agave attenuata“, einer mexikanischen Sorte, schießt nach 10 bis 15 Jahren ein elegant gebogener Blütenstand mit grünlich-gelber Färbung aus den großen Rosetten bläulicher Blätter empor, die mit gefährlichen Spitzen versehen sind. Dieser Blütenspross, der eine Höhe bis zu drei Metern erreichen kann, aber infolge seines eigenen Gewichtes gewölbt herabhängt, kündigt das Absterben der Mutterpflanze der Agave an, wobei ihre Ableger aus den Wurzeln herauswachsen und als Stecklinge verwendet werden können.
Der Lorbeerwald
Unter dem Begriff „Lorbeerwald“ versteht man ein Vegetationssystem mit mehr als 20 verschiedenen Baumarten, Sträuchern und Farnen, das sich im „Barranco del Agua“ bei Los Tilos um Nordosten La Palmas befindet. Die Feuchtigkeit liebenden Lorbeerbäume, die bis zu 30 Meter hoch werden, wachsen in einer Höhenlage von 500-1.200 Meter und beziehen ihre Wasserversorgung aus den Passatwolken. An ihren Stämmen wachsen Moose und Flechten und ihre Kronen bilden ein geschlossenes Dach.
Als Unterwuchs kommen Sträucher, Kräuter Pilze und Farne vor. Wichtigster Vertreter der Farne ist der „Wurzelnde Grübchenfarn“ (Radicanus): dort, wo die Spitzen der Farnblätter den Boden berühren, entstehen Wurzeln, aus denen wieder ein neuer Farn heranwächst. Schlinggewächse wie Efeu und Lianen lassen den Lorbeerwald in der Atmosphäre eines Dschungels erscheinen.
Die Fayal- Brezal-Zone
Zwei nicht endemische Pflanzen haben dieser Vegetationsstufe ihren Namen gegeben: der „Gagelbaum“ (faya = Gemeine Buche) und die „Baumheide“ (brezo). Beide Gewächse finden sich auch häufig im Lorbeerwald des Nordostens von La Palma, wobei sie temperaturempfindlicher und wassergenügsamer als Lorbeer sind. So kann die „Baumheide“ im Lorbeerwald als Baum bis zu zwölf Meter hoch werden, während sie in Höhenlagen über 1.100 Meter nur als kleiner Strauch vorkommt.
Der „Gagelbaum“ besitzt einen dicken Stamm und kann bis zu 20 Meter hoch werden. Im Unterholz wächst hier die „Kanaren-Glockenblume“ (Canarina canariensis), die zur repräsentativsten Spezies der Kanarenflora, zur Familie der „Campanulaceae“ (Glockenblumengewächse) zählt. Es handelt sich um eine Kletterpflanze, die im Volksmund „bicácaro“ genannt wird und deren fleischige Sprossen im späten Frühjahr austrocknen und sich aus der dicken Wurzelknolle wieder erneuern. Ihre unverkennbaren Blüten mit großem keulenförmigem Griffel und glockenförmiger orange-roter Blumenkrone sind einzeln in den oberen Blattachseln angeordnet.
Der Kiefernwald
Die Kiefernwälder bedecken ein Drittel der Inselfläche, wobei die „Kanarische Kiefer“ (Pinus canariensis) der wichtigste Baum La Palmas ist. Die duftenden Nadelbäume kommen zwar vor allem in der „Caldera de Taburiente“ vor, bilden aber auch auf dem jungvulkanischen Boden im Süden der Insel ausgedehnte Wälder. Die Kanarenkiefer kann eine Höhe von bis zu 25 Metern erreichen. Der widerstandsfähige und temperaturunempfindliche Baum wächst in einer Höhe von 1.500 bis 2.000 Metern. Die dichten Baumkronen holen sich ihre Feuchtigkeit aus den Passatwolken, wobei das an den Nadeln kondensierte Wasser als Niederschlag abtropft. Auf diese Weise tragen die Kiefern zu einer beachtlichen Wasseranreicherung auf der Insel bei.
Ein anderes Phänomen ist die Feuerresistenz dieser Bäume. Die äußere Schicht des Stammes besteht aus einer dicken Borke, die die Hitze des Feuers soweit abwehrt, dass der eigentliche Stamm unversehrt bleibt. Wenn sich der Baum später wieder regeneriert hat, sprießen am geschwärzten Stamm hellgrüne Zweigbüschel, was sehr ungewöhnlich aussieht. Aus dem harten Kernholz der Kiefer (tea) hat man früher Dachstühle sowie die wunderschönen Teaholz-Decken in den Kirchen gefertigt, und auch heute noch gilt das dunkelfarbige Holz auf dem Markt als Besonderheit.
In Verbindung mit der Kiefernvegetation kommt der weiß blühende „Geißklee“ (tagasaste) vor, dessen Zweige den Ziegen als Futter dienen. Dieser Strauch spielt auch eine bedeutende Rolle bei der Erstbepflanzung zerstörter Bereiche in Kiefernwäldern. Die Blütezeit des „Tagasaste“-Strauches ist hauptsächlich im März und April. Bei der „Zistrose“ (Cistus symphytifolius), einem Kanarenendemit, der bei den Inselbewohnern „amagante“ heißt und ebenfalls im Unterholz der Kiefernwälder wächst, handelt sich um einen immergrünen, stark verzweigten Strauch mit unterschiedlichem Wuchs, der bis zu zwei Meter hoch wird. Die Blüten erreichen einen Durchmesser von bis zu fünf Zentimetern und bestehen aus fünf rosafarbenen, feingliedrigen Blütenblättern. Die Blüte findet vor allem in den Frühlings- und Sommermonaten statt.
Die Subalpine Hochgebirgszone
Diese Vegetationszone beginnt oberhalb der Baumgrenze ab ca. 2.000 Metern Höhe, ist im Sommer sehr trocken und hat im Winter oft Schnee. Auf La Palma betrifft diese Zone vor allem die Kammregion der „Caldera de Taburiente“ und die „Cumbre de los Andenes“, die daran anschließt. Hier wächst eine weitere Art des „Geißklee“ (codeso), der im Sommer den Rand der „Caldera de Taburiente“ in ein gelbes Blütenmeer verwandelt. Ebenso ist in dieser Region auch der weiß blühende und herrlich duftende „Teide-Ginster“ (retama) zu finden, der Ende April blüht. Die in den verschiedenen Farben blühenden Arten des „Natternkopf“ (tajinaste) sind staudenartige Pflanzen und kommen hauptsächlich in der „Caldera de Taburiente“ vor. Ein Lokalendemit ist das „Palma-Veilchen“ (Viola palmensis), das nur auf La Palma in den Gipfelregionen vorkommt und dem „Teide-Veilchen“ in den „Cañadas“ auf Teneriffa ähnelt. Eine Rarität ist der „Zedern –Wacholder“, eine Konifere, die mit der Kiefer verwandt ist und in den Kammlagen der „Cumbre“ und den Abhängen der „Caldera de Taburiente“ zu finden ist.
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02.12.2008 - 













