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Der Botanische Garten in Puerto de la Cruz (III)

Zwischen Forschung und Zukunftsplanung

Nach der Blütezeit des Bota­nischen Gartens unter Her­mann Wildpret (s. Kanaren­Express Nr. 32, S. 36) – also um die Wende des 19. zum 20. Jahrhunderts – verfiel der zuvor wunderschöne und gepflegte Garten zunehmends.


Das Westtor diente bis 1983 als Eingang des Botanischen Gartens
Das Westtor diente bis 1983 als Eingang des Botanischen Gartens
Puerto de la Cruz - 02.03.2008 - Es mangelte an kompe­tenter Führung, ebenso wie an gärtnerischem Sachver­ständnis.

Übergangszeit und Ära Sventenius

Eine neue Etappe in der Geschichte des Jardín de Acli­matación de La Orotava begann  unter der Aufsicht der Cámara Oficial Agrícola de La Orotava im Jahr 1906, als mit einer kleinen Finanzspritze seitens der Regierung einige bauliche Reformen durchgeführt werden konnten. Dazu gehörten die Verbesserungen des Bewässe­rungssystems und der Wasser­leitung, die von La Orotava her­führte, und das Ersetzen der alten Holzbauten durch Eisen­konstruktionen.  1914 wurde die Westfassade renoviert und der Bau eines monumentalen Tores realisiert, das bis 1983 als Eingang des Botanischen Gartens diente. In die Zeit zwi­schen 1980 und 1983 fiel die Neugestaltung der Nord­fassade, durch deren Tor man heute den Besuchern Einlass zu den botanischen Sehens­würdigkeiten gewährt. Unter den ehemaligen illustren Gäs­ten befanden sich kein gerin­gerer als der spanische König Alfonso XIII., welcher im Jahr 1906 den Garten besichtigte, und 30 Jahre später (1935) der französische surrealisti­sche Schriftsteller André Bre­ton (1896-1966), der durch die Eindrücke dieser exo­tischen Pflanzenwelt zu sei­nem Gedicht „L’amour fou“ (1937) inspiriert wurde.

Ein halbes Jahrhundert nach der fruchtbaren Ära von Hermann Wildpret sollte noch einmal ein Glücksfall für den Jardín Botánico eintreten, als der schwedische Botaniker Erik Ragnar Svensson (in der botanischen  Literatur unter dem lateinischen Namen Eri­cus Sventenius bekannt) 1943 als Sonderbeauftragter des Landwirtschaftsministeriums seine Arbeit am Botanischen Garten aufnahm. Hatte Her­mann Wildpret die Priorität seiner Aufgabe auf Sorten­züchtung, Vervielfältigung des Pflanzenbestandes sowie deren Bestandesaufnahme gelegt, so wandte sich Eric Svente­nius in erster Linie der Erfor­schung der kanarischen Flora zu und legte ein Herbarium mit Exemplaren des ganzen Archi­pels an, das als Grundstock für das heutige Herbarium diente. Er befasste sich fast 30 Jahre lang wissenschaftlich mit dem Pflanzenbestand des Bota­nischen Gartens und plante eine Erweiterung auf einem Stück Land, das schließlich auch erworben wurde. Das Pro­jekt, einen Jardín Botánico der kanarischen Flora im Gebiet von Martiánez in Puerto de la Cruz anzulegen, scheiterte allerdings am Desinteresse der zuständigen Regierungsvertre­ter. Seine Idee verwirklichte Eric Sventenius schließlich in Gran Canaria, wo der Jardín Botánico Viera y Calvijo 1952 gegründet und 1959 eröffnet wurde. Sventenius ist es auch zu verdanken, dass eine kleine, aber inhaltlich unschätzbare Bibliothek des Botanischen Gartens in Puerto de la Cruz erhalten blieb, in der sich ein Exemplar der „Histoire Naturelle des Iles Canaries“ von Sabin Berthelot befindet, das aller Wahrscheinlichkeit nach seine private Ausgabe war. 1973 verunglückte Eric Sventenius tödlich bei einem Autounfall auf Gran Canaria.

Heutige Situation und Zukunftsplanung

1983 übernahm das De-partement für Landwirtschaft der autonomen kanarischen Regierung (Comunidad Autó­noma de Canarias) die Verant­wortung für den Jardín de Acli­matación de La Orotava. Seit diesem Zeitpunkt wurden wie­der Anstrengungen unternom­men, den Garten zu renovie­ren und zu verbessern. 1988 begannen die Arbeiten für die baulichen Einrichtungen eines Verwaltungsgebäudes und eines zweiten Backstein­baus im gleichen Stil, in dem sich heute das Forschungs-zentrum mit seinen Labora­torien, der kleinen wertvollen Bibliothek und dem Her­barium, das momentan ca. 40.000 Belege beinhaltet, befindet. Neben verschiedenen Bereichen für den Erhalt der Pflanzensammlungen von der tropischen bzw. subtropischen und der für das Orotavatal cha­rakteristischen Flora sowie von Palmen (150 Arten kann man heute zählen) und Sukkulenten sind eine meteorologische Sta­tion und ein 1.200 Quadrat­meter großes Gebäude für ein Besucherzentrum mit einem kleinen Museum, einer Cafe­tería und einer Buchhand­lung geplant, das für infor­mative und pädagogische Zwecke (ca. 20.000 Schüler besuchen pro Jahr den Gar­ten) bzw. diverse kulturelle Anlässe genutzt werden soll. Zum Beispiel für Ausstellun­gen, Diashows und Vorträge. Zurzeit wird an der Erweite­rung eines neuen Parks gear­beitet, der sich an das Besu­cherzentrum anschließen wird. Im Dezember 2007 konnte man sich an einer vom tinerfe­nischen Landwirtschaftsminis­terium organisierten Fotoaus­stellung in Puerto de la Cruz über dieses Erweiterungspro­jekt informieren, das in vier Jahren abgeschlossen sein soll: demnach wird das neue um 35.000 auf insgesamt 55.000 Quadratmeter vergrö­ßerte Areal von Wasserläufen durchzogen, die über einen Wasserfall ca. 12 Meter tief in einen künstlich angelegten kleinen See fallen. Damit soll dem Besucher der Eindruck vermittelt werden, sich mitten in einem subtropischen Urwald zu befinden.

International anerkannte Forschungsarbeit

Bereits heute erfreut sich der Jardín de Aclimatación de La Orotava großer Beliebtheit, da er als eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Tene­riffa jährlich von 400.000 Gästen besucht wird. Er ist nach dem Real Jardín Botá­nico de Madrid der zweit-älteste Botanische Garten von Spaniens und weltweit einer der schönsten. Seine Beson­derheit liegt darin, dass die unterschiedlichsten Pflanzen aus fünf Kontinenten dank der günstigen klimatischen und orographischen Bedingungen nebeneinander wachsen kön­nen. Bedeutend ist auch die Beteiligung des Botanischen Gartens am internationalen Pflanzenaustausch sowie an Forschungs- und Artenschutz­programmen. Ungefähr 5.000 Pflanzenarten, von denen bis jetzt 2.500 computertechnisch überwacht werden, und 120 Baumarten gedeihen in diesem besonderen Lebensraum. Vor­herrschend sind Palmen, Bro­meliaceae, Araceae, Moraceae, viele Arten der Pflanzenwelt Makaronesiens und einzelne 200 Jahre alte Bäume aus der Gründerzeit, wie Araukarien und Kanarische Kiefern.

Als touristische Attraktion gelten die Würgerfeige und der Leberwurstbaum. Die Wür­gerfeige (Ficus macrohylla) bzw. Higuera de Lord Howe stammt von der Insel „Lord Howe Island“ im Pazifischen Ozean (vor der Ostküste Aus­traliens, ca. auf der Höhe von Sydney). Die Würgerfeige setzt sich auf einem Wirtsbaum fest und saugt ihm den Saft ab, umschlingt ihn mit Luftwurzeln und verankert diese in der Erde – und gedeiht dennoch, wenn der Wirtsbaum eingegangen ist. Der Leberwurstbaum (Kigelia africana) gehört zur Familie der Trompetenbaumgewächse. Die Blüten des Leberwurstbaums hängen an langen, dünnen Stielen. Die sich später aus­bildende Frucht sieht wie eine große Leberwurst aus und gab dem Baum seinen Namen. Da für eine Besichtigung des Bota­nischen Gartens nur ein dürf­tiger Prospekt existiert, sollte man ein Pflanzenbestimmungs-buch mitnehmen, um mehr über die jeweiligen Pflanzen im Garten zu erfahren. 

Jardín de Aclimaticación de La Orotava
Puerto de la Cruz, Calle Retama 2
9 – 19 Uhr (1. April – 30. September)
9 – 18 Uhr (1. Oktober – 31. März)
Geschlossen:
25. Dezember, 1. Januar und Karfreitag

Hijuela del Jardín Botánico (Außenstelle)
La Orotava, Calle Tomás Pérez 1
9 – 14 Uhr
Geschlossen:
Samstag, Sonntag und Feiertage



Bildergalerie: Zwischen Forschung und Zukunftsplanung
Das Westtor diente bis 1983 als Eingang des Botanischen Gartens Die Hauptattraktion des Botanischen Gartens ist eine gigantische brasilianische Würgerfeige Blüte einer Passionsblume, in deren blau-weißer Nebenkrone und drei Griffeln manche Leute die Insignien der Kreuzigung Christi erkennen wollen: die Dornenkrone und die Kreuznägel Der Leberwurstbaum verdankt seinen Namen den wie Leberwürste an den Ästen baumelnden Früchten
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