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Freitag, 21.11.2008
Volkskrankheit Bluthochdruck
Bombe in den Adern
In den Industrieländern leidet heute bereits jeder zweite Erwachsene an hohem Blutdruck. Die Tendenz ist steigend – und damit das Risiko für Herzerkrankungen und Schlaganfall. Doch neue Therapieansätze machen Hoffnung im Kampf gegen Bluthochdruck.
© Philip Flury/Pixelio
Blutdruck wird in mmHg (Millimeter Quecksilbersäule) angegeben. Der obere (systolische) Wert herrscht in den Arterien, wenn das Herz Blut pumpt, der untere (diastolische), wenn es sich wieder mit Blut füllt. Der ideale Blutdruck liegt nach Angaben der Deutschen Hochdruckliga bei 120/80 mmHg.
Von Bluthochdruck (Hypertonie) spricht man, wenn der Druck in den Arterien dauerhaft auf einen systolischen Wert von über 140 mmHg und einen diastolischen Wert von über 90 mmHg gesteigert ist.
Die Entscheidung, ob der Blutdruck behandlungsbedürftig ist oder nicht, hängt also nicht nur von der Druckhöhe ab, sondern vom Gesamtrisiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Bluthochdruck ist eine Volkskrankheit. Im Alter zwischen 25 und 74 Jahren haben weniger als 40 Prozent der Männer und 60 Prozent der Frauen Blutdruckwerte im normalen Bereich (130/85 mmHg). Ab dem 50. Lebensjahr hat fast jeder Zweite in der Bevölkerung zu hohe Blutdruckwerte.
Bluthochdruck ist ein wichtiger Risikofaktor für Gefäßerkrankungen, Nieren- und Herzschwäche. Da Bluthochdruck lange Zeit keine Beschwerden verursacht, wird die Erkrankung meist erst spät entdeckt. Knapp die Hälfte aller Todesfälle in Deutschland sind die Folge eines Bluthochdrucks - das sind mehr als 400.000 Todesfälle jährlich. Ein Blutdruck, der bei wiederholten Messungen eindeutig bei 140/90 mmHg oder höher liegt, ist behandlungsbedürftig.
Ursachen
Oberflächlich gesehen, hat Bluthochdruck – sofern er nicht vererbt wurde – vor allem einen Grund: Ungesunde Lebensweise. Fettes Essen, Bewegungsmangel, Alkohol und Nikotin gelten als Mitverursacher für diese Bombe in unseren Adern.
Darüber hinaus gibt es aber noch eine andere Ursache für Bluthochdruck: eine Fehlkonstruktion des Körpers. Der genetische Bauplan des Menschen ist rund drei Millionen Jahre alt und passt nicht mehr zu unserem heutigen Lebensstil, erklären genetische Wissenschaftler. Die Wurzeln des modernen Menschen liegen bekanntlich in Afrika, wo er als Jäger und Sammler lebte. Oft hungrig und durstig, durchstreifte er die Savanne und wurde im Durchschnitt nicht älter als 30 Jahre. Genau für dieses harte Leben wurde der biologische Bauplan des Menschen geschaffen. Ein Leben über 40 war für den Menschen schlicht nicht vorgesehen. Und genau in diesem Alter zwischen 30 und 40 kommt es bei Betroffenen zu Bluthochdruck.
Die Evolutionsmedizin macht auch klar, warum sich die wichtigste Steuereinheit des Blutdrucks heute gegen uns wendet: Ein Regelkreis aus mehreren Hormonen, von Wissenschaftlern Renin-Angiotensin-System, kurz RAS, genannt, hat die Aufgabe, den Blutdruck unter allen Umständen aufrecht zu halten und ein Austrocknen zu verhindern. Dazu filtert es Salz und Wasser aus dem Urin zurück ins Blut und verengt bei Bedarf die Gefäße. Früher, in der Savanne, war Salz knapp. Höchstens ein bis zwei Gramm konnte der Mensch am Tag gewinnen und verlor es schnell über den Schweiß auf seinen langen Märschen durch die Hitze. Nur mit Hilfe des RAS konnte er in der Vorzeit überleben.
Zum Vergleich: Heute nimmt der Mensch täglich rund zehn Gramm Salz zu sich (offen oder versteckt in Lebensmitteln). Deshalb ist das RAS ständig überaktiviert.
Für Betroffene gibt es demnach zwei Möglichkeiten:
Entweder die Rückkehr zu der asketischen Lebensweise der Savanne, was schwierig sein dürfte, oder aber die Ausschaltung des RA-Systems.
Moderne Medikamente
Genau dort setzt die moderne Medizin heute an: Medikamente zur Blockade des RAS sind die modernsten unter den blutdrucksenkenden Mitteln. Das Gute daran: Die neuen Präparate helfen nicht nur, sie sind bei korrekter Anwendung praktisch nebenwirkungsfrei.
Eine medizinische Debatte ist zur Zeit in Europa darüber entbrannt, ab wann Patienten unter Bluthochdruck leiden und behandelt werden müssen. Die Grenze, ab der ein Blutdruck als definitiv zu hoch und behandlungsbedürftig gilt, liegt momentan bei 140/90 mmHg. Aber die Gefahr für Herz und Hirn steigt schon weit darunter, ab einem Druck von 115/75 mmHg – ein Niederdruck, den fast niemand erreicht. Im hoch-normalen Bereich zwischen 130/85 und 140/90 mmHg sind Todesfälle durch Infarkt und Schlaganfall bereits doppelt so häufig.
Experten nennen den Bereich knapp unter Bluthochdruck Prähypertonie. Zur Zeit herrscht Uneinigkeit darüber, ob dieser Zustand bereits behandlungsbedürftig ist. Denn: Dann müsste beinahe jeder Mensch über 50 Jahre medikamentös behandelt werden. Eine umstrittene Maßnahme, zumal bei diesen Blutdruckwerten nicht nachweisbar ist, ob und welche Schädigungen sie tatsächlich hervorrufen. Unstrittig allerdings: Eine Veränderung des Lebensstils kann deutlich helfen, den Blutdruck zu senken. Ausdauersport, Stressabbau, Verzicht auf Nikotin und zu viel Alkohol sowie Salz und vor allem Gewichtsabnahme, lauten hier die Empfehlungen – an die sich aber in der Realität kaum einer der Betroffenen wirklich hält.
Nachlässigkeit
Beinahe genauso nachlässig gehen Betroffene mit der Krankheit um – sofern sie überhaupt diagnostiziert wird. Trotz der inzwischen fast optimalen Medikamente wird bestenfalls ein Drittel der bekannten Hypertoniker ausreichend behandelt. Ursache dieser massiven Unterversorgung ist nach Ansicht vieler Experten die Bagatellisierung des Bluthochdrucks sowie mangelndes Wissen auf Seiten von Ärzten und Patienten.
Einem verbreiteten Irrtum verfiel etwa der ehemalige US-Präsident Bill Clinton: Nach seiner Vierfach-Bypass-Herzoperation berichtete er Journalisten, er hätte seine Medikamente regelmäßig eingenommen, bis sie seinen Blutdruck normalisiert hatten und dann abgesetzt. Doch solange sich nichts an den physiologischen Voraussetzungen, Gewicht, Ernährung oder Sportpensum ändert, bleibt der Druck hoch. Medikamente heilen den Bluthochdruck nicht, sondern kontrollieren ihn nur so lange, wie man sie einnimmt.
Impfung als Alternative?
Vielleicht gilt auch deshalb ein Weg als besonders vielversprechend, den Forscher an der Medizinischen Hochschule Hannover eingeschlagen haben: Dort ist in diesem Jahr die erste Studie über eine Impfung gegen Bluthochdruck gestartet. 120 Testpersonen erhalten jetzt fünf Injektionen mit dem experimentellen Serum „CYT006-AngQb“ des Schweizer Biotech-Unternehmens Cytos.
Erste Tests mit dem Impfstoff verliefen erfolgreich: Außer Rötungen an der Injektionsstelle und leichten, vorübergehenden grippeähnlichen Beschwerden traten keine Nebenwirkungen auf. Allerdings wurden bisher nur geringe Dosierungen und weniger Auffrischungsimpfungen erprobt. Die Wirkung hielt damit lediglich drei Monate an und der Druck sank um vergleichsweise geringe neun mmHG. Jetzt soll die Dosis so hoch gewählt werden, dass die Studienteilnehmer den empfohlenen Zielblutdruck von 140/90 mmHg erreichen. Von einer Serie von fünf Injektionen erhoffen sich die Forscher in Hannover darüber hinaus eine lebenslange Immunisierung.
Der Impfstoff besteht aus leeren Virenhüllen, die mit dem körpereigenen Hormon Angiotensin bestückt sind. Immunzellen produzieren nach Kontakt Antikörper, die das gefäßverengende Hormon aus dem Blut fischen. Daraufhin weiten sich die Gefäße wieder und der Blutdruck fällt.
Angiotensin ist das wichtigste körpereigene Hormon zur Blutdruckregulierung beim Menschen. Auch moderne Anti-Hypertensiva setzen bei ihm an: ACE-Hemmer behindern die Bildung des Hormons, Angiotensin-Rezeptor-Blocker unterbinden seine Wirkung an den Gefäßen.
Durch Entfernung des Hormons aus dem Blutkreislauf per Impfung könnten Patienten ihren Bluthochdruck im wahrsten Sinne vergessen – denn die tägliche Tabletteneinnahme entfällt. Damit wäre eines der größten Probleme der Blutdruckbehandlung gelöst: Das der mangelnden Therapie-treue. Studien haben gezeigt, dass derzeit über die Hälfte der Patienten ihre Tabletten schon nach einem Jahr nicht mehr regelmäßig oder gar nicht einnehmen.
Von Andrea Rink
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21.11.2008 - 















