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Jeder Zweite kommt nicht zur Ruhe

Gute Nacht, Schlaf!

Beinahe jeder zweite Erwach­sene in Europa hat das gleiche Problem: Er schläft schlecht. Störungen beim Ein- oder Durchschlafen sorgen dafür, dass man sich schon morgens wie gerädert fühlt.

Reizüberflutung

Unsere Vorfahren hatten es einfach: Wenn morgens die Sonne aufging, standen sie auf, arbeiteten hart und abends, wenn es dunkel wurde, gin­gen sie zu Bett. Schlafstörun­gen dürften sie nicht gekannt haben, zu anstrengend war der Alltag früher. Heute dage­gen arbeiten nur noch wenige Menschen körperlich, strengen sich jedoch auf andere Art an: Disco, Computer, Nachtvorstel­lung im Kino – in den Metro­polen Europas kann man bei­nahe rund um die Uhr aktiv sein.


Für viele ein Albtraum: das morgendliche Schrillen des Weckers
Für viele ein Albtraum: das morgendliche Schrillen des Weckers
09.07.2008 - Genau dieses Angebot nutzen viele Menschen auch – und bringen sich damit selbst um den Schlaf. Reizüberflu­tung nennen Wissenschaftler dieses Phänomen, bei dem man eigentlich todmüde in die Kissen sinken müsste, stattdessen aber hellwach daliegt.

Lebenswichtiger Schlaf

Die Nachtruhe ist Erholung für Körper und Seele. Was zunächst wie eine Binsenweis­heit klingt, ist ein wohldurch­dachtes System des Köpers: Der Organismus schaltet den Stoffwechsel einen Gang zurück, seine Reparaturme­chanismen arbeiten jedoch auf Hochtouren. Wachstumshor­mone bauen Muskelkraft und Knochendichte auf, Reparatur­stoffe durchdringen die Haut, das Immunsystem tankt neue Kraft. Das Gehirn speichert die Eindrücke des Tages und steckt sie in passende Schub­laden, das Nervenkostüm sta­bilisiert sich.

Ungefähr alle 90 Minuten wechseln sich Phasen von so genanntem REM-Schlaf und Tiefschlaf ab. „REM“ steht für Rapid Eye Movement (die schnelle Bewegung der Augen hinter geschlos­senen Lidern). Sie ist Kennzeichen des Traumschlafs.

Im Lauf der Nacht werden die Tief­schlafphasen kür­zer, der Traum­schlaf länger. Für die nächtliche Erholung sind die Tiefschlaf­phasen entschei­dend. Wer eine ruhelose Nacht verbringt, wird in der darauffol­genden längere und mehr Tiefschlafphasen haben – der Körper holt sich automatisch die Erholung, die er braucht.

Schon eine einzige völlig schlaflose Nacht steckt dem Menschen in den Knochen. Längerer Schlafentzug zehrt ihn körperlich und geistig völlig aus. Die längste wissenschaft­lich begleitete Wachzeit ver­brachte ein Student Mitte der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit elf Tagen. Er litt am Ende unter schweren Halluzinationen, erholte sich aber innerhalb weniger Tage völlig von dem Experiment. Es ist also nicht verwunderlich, dass Schlafentzug in vielen autoritären Regierungssyste­men eingesetzt wurde (und wird), um Menschen gefügig zu machen.

Volksweisheiten

Früher sagte man: Acht Stunden Schlaf sind gesund. Heute dagegen weiß man, dass das Schlafbedürfnis zum großen Teil von Erbanla­gen bestimmt wird.

Erwachsene schlafen durchschnittlich sieben bis acht Stunden. Es gibt aber auch Menschen, die sich schon nach fünf Stunden Schlaf gut erholt fühlen, wäh­rend andere über zehn Stun­den benötigen, um tagsüber frisch zu sein. Schlafforscher sind heute der Ansicht, dass das einzig wichtige Kriterium für genug Schlaf ist, ob jemand sich tagsüber frisch und aus­geruht fühlt.

Über längere Zeit kann man das Schlafoptimum nur schwer über- oder unterschreiten. Eine Stunde Schlaf - weniger als gewohnt und dies für mehrere Nächte -  hinterlässt tagsüber ein Gefühl von  Abgeschlagen­heit. Andererseits schläft man aber schlechter und wacht häu­figer auf, wenn man die per­sönliche, optimale Schlafdauer über längere Zeit hinweg um eine Stunde überzieht.

Für einen erholsamen Schlaf ist zudem nicht nur die Gesamtschlafdauer von Bedeu­tung, sondern auch wie gut man durchschläft. Versuche mit erzwungenen Schlafun­terbrechungen haben gezeigt, dass es die Erholsamkeit des Schlafs beeinflusst, wenn man die Testpersonen immer wie­der stört.

Relativ neu ist die Erkennt­nis der Schlafforscher, dass der Mensch pro Nacht bis zu 30 Mal (!) aufwacht – für einen so kurzen Zeitraum, dass er es meistens gar nicht mitbe­kommt.

Eine weitere Volksweis­heit besagt, dass der Schlaf vor Mitternacht der gesündeste sei. Diese These stammt aller­dings aus einer Zeit, in der die Menschen viel früher zu Bett gingen als heute. Entschei­dend ist vielmehr, dass die Tiefschlafphasen, also der Schlaf, in dem sich Körper und Geist erholen, überwiegend in den ersten fünf Stunden nach dem Einschlafen ablaufen. Ob das vor oder nach Mitternacht ist, spielt keine Rolle.

Viele Menschen aber wären schon froh, wenn sie mal wie­der eine Nacht durchschlafen könnten – vor allem diejenigen, die unter chronischer Schlaflo­sigkeit leiden. Damit ist nicht gemeint, dass man mal eine oder auch zwei Nächte nicht durchschläft.

Schlafstörungen

Kritisch wird es, wenn jemand mehr als vier Wochen lang so wenig oder so schlecht schläft, dass seine Leistungs­fähigkeit tagsüber deutlich beeinträchtigt ist. Dann spricht man von einer chronischen Schlafstörung, die behandelt werden sollte. Der Dauerstress, den Schlaflosigkeit im Körper auslöst, schadet der Gesund­heit: Die Beeinträchtigung reicht von einem anfälligen Immunsystem bis zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Nichtschlafen setzt außer­dem einen Teufelskreis in Gang. Die Angst, wieder nicht schlafen zu können, erhöht die innere Anspannung, die wie­derum verhindert, dass man Ruhe findet. Vorübergehend Schlaftabletten, auf Dauer entspannendes Einschlafver­halten und vor allem eine posi­tive Einstellung zum Schlaf gelten als Königsweg aus dem Dilemma.

Dazu empfehlen Schlafwis­senschaftler, das Bett wirklich nur noch und ausschließlich zum Schlafen zu benutzen. Also den Fernseher aus dem Zimmer zu verbannen und gemütliche Lesestunden aufs Sofa zu verlegen. Das Ritual: Ins Bett gehen und schla­fen wird vom Unterbewusst­sein relativ schnell abgespei­chert.

Nachholbedarf decken?

Jemand, der normalerweise sieben Stunden schläft und dann zwei Nächte gar nicht,  wird in der dritten Nacht keine 21 Stunden schlafen. Wie viel Schlaf man aufholen kann, hängt mit unserem Wach-Schlaf-Rhythmus zusammen, den der individuelle Schlafbe­darf und unsere innere Uhr prä­gen. Experimente mit Schicht­arbeitern haben gezeigt, dass Menschen, die die ganze Nacht aufbleiben und dann anstatt um 23 Uhr um acht Uhr morgens ins Bett gehen, nicht einfach ihren normalen Schlaf um neun Stunden ver­schieben können.

Schlaf, der morgens be-ginnt, wird kürzer und weni­ger zusammenhängend sein, da er zu einem Zeitpunkt statt­findet, an dem die innere Uhr auf Aktivität gestellt ist. Eine beträchtliche Verschiebung des Schlafs hat lange Auswir­kungen. Auch kann man nicht auf Vorrat schlafen. Der Kör­per kann Erholung nicht spei­chern. Es bringt also nichts, besonders früh ins Bett zu gehen, um die folgende Party-nacht fit zu überstehen. Die anschließende Müdigkeit wird genau so groß sein wie ohne den Extraschlaf.

Schlaf und Gemütszustand stehen in einem engen Zusam­menhang. Schlaf wirkt sich auf die Stimmungslage aus, und die Stimmung beeinflusst wie­derum den Schlaf.

Schlaf macht glücklich

Schlafstörungen machen nicht nur müde und leistungs­schwach, sie können auch zu Depressionen führen. Umge­kehrt können Depressionen die Ursache für Schlafprobleme sein, die sich oft in übermä­ßigem Schlafbedarf ausdrü­cken. Schlafstörungen dieser Art kann man nur mit einer Behandlung der Ursachen überwinden. Daher sollte jeder mit seinem Schlaf sorg­sam umgehen – auch wer keine Probleme hat. Dazu gehört bei­spielsweise, dass der Raum gut gelüftet und angenehm klimatisiert ist, die Matratze sollte von guter Qualität sein, ebenso die Bettwäsche. Dann wird aus der erholsamen Nacht auch kein Albtraum. 
Von Andrea Rink
Fotos: Helga Schmadel, goenz, Mario Büttner, Henning Habran Ramm, B. Stolze, Krümel, Susej



Bildergalerie: Gute Nacht, Schlaf!
Für viele ein Albtraum: das morgendliche Schrillen des Weckers Erholsamer Schlaf ist auch Balsam für die Seele Manche Menschen können überall ein Nickerchen machen Wer schlecht schläft, fühlt sich wie gerädert
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