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Freitag, 21.11.2008
Neue Studien zu Olivenöl verunsichern Verbraucher
Gesundmacher im Zwielicht
Die kanarische, spanische, ja die südländische Küche generell wäre ohne Olivenöl undenkbar. Von hier aus hat das goldgelbe Öl seinen Siegeszug durch die ganze Welt angetreten. Olivenöl gilt nicht nur als besonders lecker, sondern auch als besonders gesund. Jetzt allerdings verunsichern neue Studien die Verbraucher …
Kult-Öl
Ob beim Spanier um die Ecke oder im Gourmet-Tempel: Gastronomen, die etwas auf sich halten, bereiten ihre Spezialitäten mit Olivenöl zu. Genauso wie Hobby-Gourmets oder Hausfrauen. Sie alle sind bisher davon ausgegangen, dass sie damit nicht nur dem Gaumen, sondern auch der Gesundheit etwas Gutes tun. Olivenöl soll den Cholesterinspiegel und damit das Infarktrisiko senken, hieß es. Bis jetzt …
© Enzo Cositore
Prof. Susanne Klumpp vom Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie in Münster trat unlängst mit einer auf den ersten Blick alarmierenden Studie an die Öffentlichkeit. Versuchsreihen hätten ergeben, dass Olivenöl das Risiko von Arteriosklerose (Gefäßverkalkung) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen eher erhöht.
In einem Laborversuch fand die Forscherin heraus, dass bestimmte, einfach ungesättigte Fettsäuren des Olivenöls, wie z.B. die Ölsäure, einen komplizierten Prozess einleiten, der in den Zellen der Gefäßinnenwand am Herzen (Endothelzellen) zur so genannten Apoptose, dem programmierten Zelltod, führt.
Je mehr Fettsäuren des Olivenöls die Gefäße erreichen, desto mehr Ölsäure wird freigesetzt. Es kommt zum Massensterben der Endothelzellen.
Die Gefäßwand wird damit durchlässiger für Fettpartikel und weiße Blutkörperchen. Diese lagern sich an den Gefäßwänden ab und bilden Plaques – Arteriosklerose entsteht. Wenn diese Plaques dann platzen, kann der Mensch einen Herzinfarkt erleiden.
Um diese Laborergebnisse zu erhärten, fütterte Pharmazie-Forscherin Klumpp gesunde Meerschweinchen vier Monate lang mit einer ölsäurereichen Diät. Eine Verkalkung der Gefäße konnte dabei nicht nachgewiesen werden. Dafür waren die Herzen der Nager aber kleiner und leichter als üblich, die Herzmuskelzellen häufiger geschädigt. Ob diese Meerschweinchen-Resultate auch auf den Menschen übertragbar sind, ist noch nicht geklärt.
Das Fazit aus Münster: Zwar gelte es nach wie vor als erwiesen, dass die mediterrane Küche besonders gesund, Olivenöl aber dafür allein nicht verantwortlich sei, sondern vielmehr auch gesundheitliche Nachteile habe.
Kritik an Studie
Mittlerweile haben sich zahlreiche Herz-Spezialisten zu der Studie aus Münster geäußert. Allgemeiner Tenor: Reagenzglas-Studien lassen normale biologische Prozesse wie Verdauung und Stoffwechsel unberücksichtigt. Deshalb liefern sie generell keine wissenschaftlichen Beweise für Beziehungen zwischen einer Substanz und einem Erkrankungsrisiko. Aus Reaktionen im Labor lassen sich also keine Ernährungsempfehlungen ableiten.
Zahlreiche internationale Studien hätten zudem bewiesen, dass Olivenöl neben der Ölsäure eine große Anzahl günstiger Mikronährstoffe enthält, die beispielsweise antioxidativ, entzündungs- und gerinnungshemmend wirken.
Fast alle Studienergebnisse der vergangenen Jahre bestätigen, dass Olivenöl insgesamt eine optimale Wirkung auf den Organismus hat. Wissenschaftler der spanischen Universität Córdoba entdeckten zum Beispiel, dass die Blutgefäße nach einer fettreichen Mahlzeit mit deftiger Hausmannskost besonders elastisch waren. Dadurch kann das Blut besser zirkulieren – alle Zellen des Körpers werden nachhaltiger mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Als Ursache der verbesserten Dehnbarkeit vermuten die Forscher allerdings nicht die einfach ungesättigten Fettsäuren, sondern die Polyphenole, also die Gerbstoffe des Olivenöls.
Gute Nachrichten für Olivenöl-Fans haben auch Forscher aus den USA: Die Substanz Oleocanthal enthält einen Wirkstoff gegen Schmerzen, der ähnlich wirkt wie Ibuprofen. Bereits 50 Gramm Öl pro Tag reichen nach diesen Erkenntnissen aus, um Schmerzen zu lindern.
Eine mediterrane Diät mit Olivenöl, Wein, Gemüse und Früchten senkt zudem offenbar das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, und zwar um bis zu 68 Prozent. Wissenschaftler der Columbia University in New York, USA, untersuchten in der Studie rund 2000 Menschen. Ergebnis: Je mehr Gemüse, Olivenöl und andere Bestandteile der Mittelmeerküche sie regelmäßig aßen, desto kleiner war das Alzheimer-Risiko. Vermutet wird, dass Olivenöl typische Entzündungsprozesse im Gehirn bremst. Mittlerweile ist das Angebot an Olivenöl schon in ganz normalen Supermärkten beinahe unübersichtlich. Ein paar Fakten helfen jedoch bei der Wahl des richtigen Öls.
Über 150 verschiedene Olivenbaumarten sorgen in den verschiedenen Ländern inzwischen für eine Geschmacksvielfalt, die beinahe ebenso groß ist wie bei Weinen.
Der Ursprung des Olivenbaums liegt in der Gegend des östlichen Mittelmeeres. Heute wie damals ist der Mittelmeerraum das klassische Anbaugebiet. Dort wachsen weit über die Hälfte der weltweit 800 Millionen Olivenbäume. Im gemäßigten Mittelmeerklima finden Olivenbäume ideale Lebensbedingungen, denn sie brauchen viel Sonne, im Herbst ordentlich Regen und vertragen keine großen Temperaturschwankungen, d.h. nur ein paar Tage wenig unter null Grad. In der niederschlagsarmen Sommerzeit versorgen sie sich über die bis zu sechs Meter in den Boden reichenden Wurzeln mit Wasser. Durch diese Fähigkeiten gedeihen sie auch auf kärg-stem Boden.
Bei sorgfältiger Pflege werden Olivenbäume einige hundert Jahre alt und in Einzelfällen bis zu 20 Meter hoch. Die ersten Früchte tragen sie je nach Baumart nach etwa vier bis zehn Jahren. Im Schnitt trägt ein Olivenbaum pro Jahr ca. 20 Kilogramm Oliven, was am Ende ungefähr drei Litern Olivenöl entspricht. Der Erntezeitpunkt muss sehr sorgfältig abgepasst werden, denn der Reifegrad der Oliven bestimmt im wesentlichen die Qualität und auch die Menge des gewonnenen Öls.
Oliven gelten dann als erntereif, wenn ihr Grün ins Violett übergeht. Das ist je nach Art und Lage der Bäume zwischen Oktober und Februar. Innerhalb dieses Zeitraums bestimmt letztlich der Olivenölbauer selbst den exakten Erntezeitpunkt.
Im grünen Zustand geerntete Oliven sind meist etwas intensiver und bitterer im Geschmack, vollreife und leicht überreife Oliven ergeben ein eher süßes Öl mit wenig oder keinem Bitterton. Letztlich ist es immer wieder die Olivensorte oder die Mischung, die den Geschmackscharakter bestimmt. In den meisten Regionen, besonders an steileren Hanglagen, werden die Oliven nach wie vor in Handarbeit geerntet. In einigen Gegenden, besonders auf Ebenen, können Rüttelmaschinen eingesetzt werden. Das hängt jedoch auch davon ab, ob die Baumstämme es zulassen und ob die sonstigen örtlichen Gegebenheiten den Einsatz der Geräte möglich machen. In anderen Gegenden werden die Oliven mit langen Stangen vom Baum geschlagen und in Netzen gesammelt. Bei Arbeitskräftemangel lässt man die reifen Früchte auch schon mal in ausgelegte Netze fallen, von wo sie dann eingesammelt werden.
Die Olive ist eine sehr empfindliche Frucht, die bei der Ernte nicht verletzt werden darf, da sonst die Qualität des Öls leidet. Um die beste Ölqualität zu erhalten, sollten zwischen Ernte und Pressung höchstens ein bis drei Tage vergehen.
Je frischer die Olive in die Presse kommt, desto größer bleibt der Anteil wichtiger sekundärer Pflanzenstoffe erhalten.
Vier Qualitäten
Olivenöl wird heute in vier Güteklassen unterteilt:
1. Natives Olivenöl extra
Erste Güteklasse – direkt aus Oliven, ausschließlich mit mechanischen Verfahren gewonnen. Der Anteil an freien Fettsäuren (berechnet als Ölsäure) beträgt max. 0,8 g pro 100 g Öl. Natives Olivenöl der Extraklasse besticht vor allem durch seine große Geschmacksvielfalt.
2. Natives Olivenöl
Wird direkt aus Oliven ausschließlich mit mechanischen Verfahren gewonnen.
Anteil an freien Fettsäuren (berechnet als Ölsäure) max. 2,0 g je 100 g Öl.
3. Olivenöl
Besteht aus raffiniertem Olivenöl und nativem Olivenöl.
Anteil an freien Fettsäuren (berechnet als Ölsäure) max. 1 g je 100 g Öl.
Zunächst hergestellt wie native Olivenöle.
Zum Hintergrund: Entspricht das gepresste Olivenöl nicht den Anforderungen für native Olivenöle, wird es raffiniert – wie die meisten Pflanzenöle – und wieder mit würzigem Olivenöl vermischt.
Aus dem Restöl des gepressten Olivenbreis wird in einem völlig anderen Herstellungsverfahren Oliventresteröl hergestellt, das auch als solches auf dem Etikett bezeichnet werden muss.
4. Oliventresteröl
Enthält ausschließlich Öl aus der Behandlung von Oliventrester und direkt aus Oliven gewonnenes Öl.
Anteil an freien Fettsäuren (berechnet als Ölsäure) max. 1 g pro 100 g Öl.
Von Andrea Rink
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