Neue Erkenntnisse der Herzforschung
Schlag auf SchlagSchrittmacher, komplizierte Operationen bis hin zur Transplantation – das Herz steht seit Jahrzehnten im Mittelpunkt des medizinischen Interesses. Eigentlich sollte man meinen, die Ärzte wüssten alles über dieses wichtigste Organ. Doch neue Erkenntnisse verblüffen jetzt selbst die Fachwelt…
Alles im Takt?
Vor knapp 400 Jahren entdeckte der Londoner Arzt William Harvey (1587–1657) den Blutkreislauf – und legte damit den Grundstein für viele Entdeckungen rund um das Herz. Eigentlich galten die wesentlichen Erkenntnisse mittlerweile alle als gemacht. Doch neue Untersuchungen der Chronobiologie, der Hormon- und Zellforschung verblüffen auch Herzspezialisten. Mehr noch: Sie führen zu einem Umdenken in Therapie und Vorsorge.
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 | | Seinen eigenen Rhythmus finden - das gilt nicht nur für das Leben an sich, sondern auch für die Herzgesundheit | | © Eric Vallin |
| 12.05.2008 - Noch vor wenigen Jahren etwa setzten Mediziner schwere Medikamente ein, wenn das Herz aus dem Takt geriet. Am bekantesten sind dabei sicher die Betablocker.
Durch diese Gruppe von Medikamenten wird eine überhöhte Aktivität in einem Teil des Nervensystems - Sympathikus - verringert, der unter anderem für die Beschleunigung der Herzschläge und Steigerung des Blutdrucks unter Stress oder bei verstärkter körperlicher Leistung verantwortlich ist.
Wenn diese Funktion übermäßig gesteigert ist, kommt es zu Herzklopfen (Herzjagen) und unerwünscht hohem Blutdruckanstieg. Dann wird das Herz dadurch belastet, dass der Herzmuskel mehr Sauerstoff für diese Arbeit benötigt.
Betablocker senken den Sauerstoffbedarf des Herzmuskels dadurch, dass sie die Herzfrequenzsteigerung durch Stress oder Belastung, den damit verbundenen Blutdruckanstieg und die Pumpleistung (Herzminutenvolumen) bremsen.
Ob diese Medikamente jedoch wirklich so lebenswichtig sind, wie bisher angenommen, darf nach den neuesten Erkenntnissen in einigen Fällen vielleicht sogar bezweifelt werden. Denn Forscher haben festgestellt, dass einige der Mittel, die für preußischen Gleichschritt des Herzens sorgen, gleichzeitig die Sterberate der Patienten erhöhen.
Heute wird die Melodie des Herzens neu bewertet; dabei gibt es völlig neue Ansätze: Ging man bisher immer davon aus, dass der stets gleichbleibende Takt des Herzens das A und O sei, halten Medizinier diese Erkenntnis mittlerweile sogar für überholt – vielmehr sei eine hohe Flexibilität der Herzfrequenz Ausdruck dafür, wie regulationsfähig dieses Organ ist.
Am flexibelsten arbeitet das Herz, wenn der Mensch etwa zehn Jahre alt ist. Von da an geht’s bergab, wenn auch sehr langsam. Erst an unserem Lebensende, wenige Wochen vor dem Tod, verliert das Herz seine Geschmeidigkeit und schlägt wie ein Uhrwerk.
Dieser starre Herzrhythmus wird zunehmend als Warnzeichen für Krankheiten erkannt, als Signal für mangelnde Vitalität.
So gehört der maschinenhafte Herzschlag heute sogar zu den Anzeichen einiger schwerer Erkrankungen, wie etwa Krebs, Diabetes, Depressionen, Bluthochdruck oder Herzkranzgefäß-Erkrankungen. Wichtigste Erkenntnis der
Fachleute: Ein gesundes Herz swingt im Rhythmus, nicht im Takt.
Sitz der Seele
Betrachteten Ärzte noch vor wenigen Jahren das Herz als Schaltzentrale der Menschen mehr oder weniger isoliert, sind heute die Ansätze ganzheitlicher. Forscher wissen mittlerweile: Das Herz besitzt ein eigenes Netzwerk von Nervenzellen, das wie ein kleines Gehirn um den Bogen der Hauptschlagader und die Herzkranzarterien liegt.
Dadurch kann es mit dem Gehirn kommunizieren und die Organe mitsteuern. Selbst lebenswichtige Hormone wie Noradrenalin und Adrenalin oder das Liebeshormon Oxytocin werden vom Herzen produziert. Es beeinflusst auf diese Weise aktiv, ob wir auf Streit oder Flucht gepolt sind, wie wir mit Stress umgehen, ob wir verliebt sind. Und es bestimmt, wie hoch der Blutdruck steigt. Das Herz ist somit zum organischen Sitz der Seele avanciert. Mittlerweile gilt es als gesichert, dass sich seelische Impulse durch den Atemrhythmus oder durch hormonelle Faktoren direkt auf die Herztätigkeit auswirken.
Akuter Stress, wie zum Beispiel Angst oder Wut, beschleunigen die Herzfrequenz. Gefährlich aber sind Dauerstress oder chronische Erkrankungen wie Depressionen. Sie schränken die Regulationsfähigkeit des Herzens ein – eine Vorstufe für Herzerkrankungen und Kreislaufleiden.
Auch an dem Bild des „gebrochenen Herzens“ scheint in der Tat etwas dran zu sein, wie Forscher heute wissen:
Schwere Verlusterlebnisse wie etwa Scheidung, Tod eines Partners, Liebeskummer und vor allem Einsamkeit können nämlich nachweislich zu ernsthaften Herzerkrankungen führen. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass man sein Herz länger gesund halten kann, wenn man sich ein funktionierendes Netzwerk an Freunden und Bekannten aufbaut. Dabei kommt es aber nicht auf die reine Anzahl der Freunde an, sondern auf die Tiefe und die Qualität der Freundschaft.
Das Herz ist Mittler zwischen Vernunft und Gefühlen. Je mehr Übung wir also im Ausbalancieren von Gefühlen und Gedanken erwerben, desto mehr verstehen wir die feineren Signale des Herzens. Von ihnen können wir uns durch das Leben leiten lassen.
Um diese Kommunikation zu stärken, kann man sich beispielsweise entspannt hinsetzen, die Gedanken zur Ruhe kommen und in die Brust strömen lassen, tief ein- und ausatmen und den eigenen Herzschlag bewusst wahrnehmen und kennen lernen.
Dies sollte man über mehrere Monate ein- bis zweimal pro Tag mehrere Minuten lang versuchen.
Fit im Alltag
Die neuen Erkenntnisse aus Forschung und Medizin sind aber nicht nur in der Theorie hochinteressant; durch sie ergeben sich auch ganz neue, alltagstherapeutische Ansätze.
Denn: Der Rhythmus des Herzens wird nicht nur durch das Lebensalter und durch äußere Faktoren wie etwa Stress bestimmt, sondern auch durch die Jahreszeiten. Bei wärmeren Temperaturen – wie etwa im Sommer auf den Kanarischen Inseln – arbeitet unsere „Pumpe“ anders als in klirrender Kälte; dementsprechend muss man sie auch durch andere Maßnahmen unterstützen.
Die Ernährung der Sommerhitze anpassen. Viele kleine Mahlzeiten statt weniger üppige, viel frisches Gemüse. Ideal sind wasserreiche Früchte wie Melone, Kirschen, Erdbeeren, Himbeeren und Pfirsiche. Beim Grillen fette Spezialitäten wie Bauchspeck und Bratwurst durch Geflügel oder Fisch, Pilze, Paprika oder Zucchini ersetzen.
Kochsalz, Magnesium und andere Elektrolyte gehen mit dem Schwitzen verloren. Der Verlust an Kalium und Magnesium kann sogar zu Herzrhythmusstörungen führen. Die verlorenen Salze durch Mineralwässer mit Fruchtsäften wieder hinzufügen. Die Getränke sollten jedoch nicht eiskalt sein, sonst regen sie die körpereigene Wärmeproduktion an.
Sportliche Aktivitäten am besten morgens – oder auf den Abend verschieben. Ideales Herztraining im Sommer: Wandern am kühleren Abend oder Fahrradtouren, weil der Fahrtwind kühle Frische bringt. Auch Wassergymnastik, leichte Stretchübungen oder Tai-Chi machen das Sommerherz fit. Dabei bedenken: Der Puls ist im Sommer bei gleicher Belastung höher als in kühleren Jahreszeiten. Deshalb den Leistungsanspruch etwas zurückschrauben.
Stress ist bei Hitze noch schädlicher fürs Herz als bei Kälte. Mit den Inhaltsstoffen eines täglich selbst gemixten Müslis aus Haferflocken, Birne, Apfel, Aprikosen, Kiwi, Walnüssen, Honig, Orangensaft und Milch bauen Sie Stress-Hormone ab.
Locker sitzende Kleidung aus Baumwolle, Leinen oder anderen Naturmaterialien verhindern einen Wärmestau, der das Herz belastet.
Heißkalte Wechselduschen am Morgen bringen Herz und Kreislauf in Schwung. Warm beginnen, kalt aufhören. Führen Sie den kalten Strahl immer von den Füßen aus langsam nach oben. Auch gut für Herz und Kreislauf: ein morgendicher Spaziergang am Strand. Der beflügelt außerdem die Seele. Von Andrea Rink
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