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Donnerstag, 17.05.2012
Im Gespräch mit Ellen Greiner
Wenn die Vergangenheit die Zukunft verhindert
Frau Greiner ist Diplom-Psychologin und lebt seit Jahren auf Teneriffa. Ihre berufliche Ausbildung hat sie in Deutschland und Kanada erhalten. Sie arbeitet als Psychologische Psychotherapeutin und hilft unter anderem Opfern posttraumatischer Belastungsstörungen wieder ins normale Leben zurückzufinden.
Wir hören und lesen häufig über Naturkatastrophen, schwere Unfälle, Vergewaltigungen und Kindesmisshandlungen – alles schwerwiegende Ereignisse, die zu der Erkrankung führen. Weniger ist uns aber bekannt, wie die Betroffenen mit diesen Traumata umgehen und wie sie aus dieser Hölle wieder herausgelangen können.
• Frau Greiner, was sind eigentlich posttraumatische Belastungsstörungen?
Bei posttraumatischen Belastungsstörungen handelt es sich um psychische und psychosomatische Symptome, die als Langzeitfolgen eines Traumas auftreten können. Es ist praktisch ein ungewolltes Wiedererleben von Situationen oder Handlungen, die man als außergewöhnlich groß oder gar als lebensbedrohlich empfunden hat. Und das im Hier und Jetzt. Also beispielsweise hört ein Betroffener nach einem schweren Autounfall immer wieder die Geräusche des Aufpralls oder sieht das Leuchten der Scheinwerfer, obwohl weder der Lärm noch das Licht vorhanden sind. Und dieser immer wieder auftretende Zustand führt zu extremen Gefühlsregungen wie intensiver Furcht, Ärger, Trauer, Scham oder emotionaler Taubheit, also dem Fehlen jeder gefühlsmäßigen Empfindung. Das wiederum bringt Verhaltensweisen hervor wie willkürliche Überreaktionen des Nervensystems, erhöhte Wachsamkeit, starke Schreckreaktionen, Reizbarkeit, Konzentrations- und Schlafstörungen.
• Wie kommt es, dass solche Störungen oft erst Jahre nach dem Ereignis auftreten?
Das kommt durch Verdrängen und Vermeidungsverhalten. Diese extremen Gefühlsregungen haben immer einen oder mehrere Auslöser. Wenn man diese schon frühzeitig nach dem Ereignis herausgefunden hat, kann man sie vermeiden. Manch einer lebt Jahre mit dem verdrängten Wissen und mit dem ständigem Bemühen, bestimmte Situationen zu vermeiden. Und dann kommt etwas Unvorhergesehenes und alles bricht aus. Das kann zum Beispiel durch enormen Stress, einen Zeitungsartikel oder einen Fernsehbericht hervorgerufen werden.
• Wie schaffen es die Betroffenen zu leben, ohne dass jemand von ihrem Leiden Kenntnis nimmt?
Wer es versteht, durch Verdrängung oder Vermeidungsverhalten ein weitgehend unverändertes Leben zu führen, wird in seinem Umfeld so lange nicht auffallen, bis die Wunde doch wieder aufbricht. Wenn allerdings viel Energie auf die Vermeidung verwendet wird, kann es zu Konzentrationsproblemen kommen.
Ansonsten geht die posttraumatische Belastungsstörung durchaus mit Verhaltensänderung einher, wie oben beschrieben. Albträume oder so genannte Flashbacks (plötzlich erscheinende Bilder) werden in der Regel von den anderen nicht bemerkt. Dagegen führen Wutausbrüche oder ständige Gereiztheit nicht selten zur Isolierung bzw. intensive Furcht, ständige Trauer und emotionale Taubheit zur Selbstisolation.
• Wie können Sie diesen Menschen helfen?
Wenn Betroffene in meine Praxis kommen und über die geschilderten Beschwerden berichten, muss zuerst geklärt werden, um welche Art von Trauma es sich handelt. In Abhängigkeit von der Situation wird der Patient nach Kriegserlebnissen, Vergewaltigung, Misshandlungen als Kind, Anwesenheit bei Naturkatastrophen, schweren Unfällen oder anderen Dingen mit Gewalteinwirkungen befragt. Wenn die Ursache herausgefunden ist, dann müssen dem Patienten die Symptome erklärt werden und wo sie herkommen. Um die Situation zu deeskalieren muss ihm auch klargemacht werden, dass solche Symptome infolge solcher Erlebnisse nicht außergewöhnlich, sondern normal sind.
Dann muss der Patient trainieren, seine Gedanken kommen und gehen zu lassen, sie also nicht weiter zu vermeiden oder gar zu unterdrücken. Denn bei jedem Versuch, einen Gedanken zu vermeiden, kommt er um so aufdringlicher. Dazu gibt es verschiedene Verfahren und Techniken, wie zum Beispiel Entspannungen, über Gedanken und Verhaltensweisen zu reden, die bisher die Symptomatik aufrecht erhalten haben, oder auch die Interpretation des Traumas, zum Beispiel, ob man wegen Schuld- oder Schamgefühle alles vergessen will.
Und schließlich geht es darum, das Leben zurückzuerobern. Dazu müssen individuelle Erklärungsmodelle erstellt werden, das Nacherleben muss trainiert werden indem man die Situation durchgeht und in den Kontakt mit dem Hier und Jetzt bringt. Die Realitätsüberprüfung zum eigenen Denken und Fühlen muss vorgenommen werden was zuweilen bis zur realen Konfrontation mit dem Ereignis getrieben werden muss.
Dazu gehört aber auch zu trainieren, wieder zur Ruhe zu kommen und sich in seinen Vorstellungen selbst einen sicheren Ort zu schaffen.
• Kommen die Betroffenen selber zu Ihnen oder suchen eher Angehörige die Hilfe? Empfehlen Sie ein Outing gegenüber der Familie?
In der Regel kommen die Betroffenen selbst. Das passiert nicht selten dann, wenn Konflikte mit anderen Menschen entstehen oder unerträglich werden, zum Beispiel Konflikte mit dem Ehepartner oder auf der Arbeitsstelle.
Zuweilen ist es hilfreich, eine Sitzung mit den nächsten Angehörigen durchzuführen, bei dem der Betroffene nicht unbedingt selbst anwesend sein muss. Während der Behandlung werden manchmal Angehörige mit einbezogen, sofern es der Betroffene auch wirklich will.
In der Regel ist es für den Betroffenen leichter, wenn er in der Familie oder unter Freunden offen reden kann. Die Offenbarung anderen gegenüber sollte aber erst erfolgen, wenn der Betroffene bereits gelernt hat selbst mit dem Problem umzugehen und damit auch vorbereitet ins Gespräch gehen kann.
• Was empfehlen Sie der Familie des Betroffenen?
Eigentlich nur eins: Wenn sich die Familie überfordert fühlt, sollte sie selbst professionelle Hilfe suchen.
• Sind Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen erhöht Suizid gefährdet?
Das hängt vom Schweregrad ab. Wenn das Leiden sehr groß ist und aus Sicht des Betroffenen keine Besserung zu erwarten ist, dann gibt es schon eine Gefährdung.
• Wie lange kann eine Therapie dauern?
Das kommt auf jede einzelne Situation an. Für Kurzzeittherapien sind in Deutschland 25 Stunden vorgesehen. Aber manchmal muss man auch einen längeren Zeitraum einplanen.
• Ändert sich das Verhalten des Patienten im Umgang mit Drittpersonen im Laufe der Therapie?
Das Verhalten ändert sich sehr. Die oben beschriebene Verhaltensänderung infolge des Traumas wird sozusagen wieder aufgelöst. Der Patient findet zu seinem normalen Leben zurück und damit auch zu seinen Verhaltensweisen ohne das Trauma. Die mögliche Zurückgezogenheit oder Gereiztheit nimmt schrittweise ab.
Vielen Dank Frau Greiner dafür, dass sie uns geholfen haben, unseren Lesern das Problem der posttraumatischen Belastungen etwas näher zu bringen. Vielleicht findet dadurch der Ein- oder Andere den Weg, sich professionell helfen zu lassen, oder er findet auch mehr Rücksicht und Hilfe bei den Menschen in seinem Umfeld.
Zur Person:
• Psychologiestudium an der Mc Gill University in Montreal, Kanada, und an der TU Dresden
• Arbeit als Diplom-Psychologin an der Luisenklinik in Bad Dürrheim und im PPRZ Stuttgart
• Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin mit staatlicher Prüfung beim Regierungspräsidium Stuttgart
• Arbeit als Psychologischen Psychotherapeutin auf Teneriffa, Tel.: 922 72 44 80
Ihr Grundsatz:
„Das oberste Gebot für mich als Psychotherapeutin ist die absolute Wertschätzung des Klienten/der Klientin. Es ist meine Aufgabe, den anderen Menschen in seiner ganzheitlichen Persönlichkeit mit den Konflikten mit sich selbst und seiner Umwelt zu verstehen. Nur so können gemeinsam zwischen Therapeut und Klient Problemlösestrategien erarbeitet, unterstützt und trainiert werden.“
Das Gespräch führte Dietmar A. Hennig
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17.05.2012 - 


















