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Samstag, 13.03.2010
Hamdi Mansur, Abgeordneter der „Frente Polisario“ in der Westsahara
Krieg oder Frieden in der Wüste
Der Begriff „Frente Polisario“ steht für Populäre Front für die Befreiung „Sag via el Hamra“ und dem „Rio Oro“ und ist ein Zusammenschluss von Menschen, die unter einem seit Jahrzehnten andauernden Konflikt zwischen Marokko und der Westsahara leiden. Seit der Entkolonialisierung von Spanien und Frankreich kämpfen die Menschen dort für einen unabhängigen Staat.
Hamdi, vielen Menschen ist die Situation Ihres Landes nicht bewusst, können Sie uns die Hintergründe etwas erläutern?
„Im Grunde erleben wir eine ähnliche Tragödie wie die Palästinenser in ihrem Kampf gegen Israel, nur stehen wir im Gegensatz zu ihnen nicht im Licht der Öffentlichkeit, und kaum einer interessiert sich für uns. Das macht es uns auch so schwer, unsere Rechte durchzusetzen.
In Nordafrika waren die letzten europäischen Kolonien. Seit den 60er Jahren lebt unser Volk in diesem Gebiet und nachdem Spanien sich 1976 unter internationalem Druck fast über Nacht aus der Westsahara zurückzog, ließen sie uns ohne eine gültige Regelung zurück. Marokko und Mauretanien nutzten dieses Vakuum, um unser Territorium für sich zu deklarieren. Zweidrittel im Norden fielen an Marokko und das südliche Drittel wurde von Mauretanien beansprucht. Von 1976 bis 1978 kämpften wir einen Guerillakrieg gegen Mauretanien und, nachdem wir sie in ihren eigenen Städten zwei Mal schwer getroffen hatten, zogen sie sich zurück. Nicht so die Marokkaner; bis heute besetzen sie unser Land, inklusive des Teils, den Mauretanien zurückgegeben hat. 1983 bauten sie eine 2.700 Kilometer lange Mauer, die unsere Städte von dem dahinter liegenden Wüstengebiet abschneidet. Es ist ein drei Meter hoher Sandwall, der mit Minenfeldern und Elektrozäunen versehen ist und von rund 160.000 schwer bewaffneten Soldaten bewacht wird. Für mich ist das ein Zeichen dafür, wie sehr sie unsere Guerillaattacken fürchten.
Wie leben die Menschen in der Westsahara heute?
Wir waren und sind ein Nomadenvolk. Viele von uns leben in der Wüste, etwa 100.000 sind in Flüchtlingslagern an der algerischen Grenze oder in den von Marokko besetzten Städten, und andere leben im Exil. Sie warten, so wie ich, nur darauf, endlich in ihr freies Land zurückzukehren. Diejenigen von uns, die in der kargen Wüste leben, haben es immer noch besser als diejenigen, die unter der marokkanischen Besatzung in den Städten zurückgeblieben sind. Sie hungern, leiden und sind der Willkür der Marokkaner ausgesetzt. Sie vergewaltigen und töten unsere Kinder und Frauen in den Schulen oder auf den Straßen. Sie verletzen Menschenrechtsverordnungen, was auch internationale Kommissionen von der EU und den Vereinten Nationen untersucht und bestätigt haben, aber die Weltöffentlichkeit schaut weg. Folterungen und Verhaftungen politischer Gegner sind an der Tagesordnung. Viele sind ohne jeglichen Hinweis auf ihren Verbleib einfach „verschwunden“.
Sie sprechen von Krieg, was meinen Sie damit?
Mehrfach wurden uns Resolutionen und eine baldige Lösung versprochen. Seit 1991 leben wir offiziell im Waffenstillstand mit Marokko. Eine Situation, die vor allem den Besatzern nützt, aber nicht uns. Internationale Kommissare haben uns befragt, unsere Situation eingeschätzt und uns Hilfe zugesagt. Immer war die klare Bilanz, dass unser Volk eigenständig und frei sein möchte. Trotzdem ist seither nichts geschehen. Auch Amnesty International war mehrfach bei uns zu Gast und hat in seinen Berichten die katastrophalen Zustände bestätigt und moniert. Der einzige Kompromiss, den Marokko bisher vorgeschlagen hat, eine Teilautonomie unter ihrer Regentschaft, ist für uns inakzeptabel, denn er würde an unserer Situation nichts ändern. Wir fordern die Anerkennung der Arabischen Demokratischen Republik Sahara als eigenständiges Land sowie die Freilassung aller politischen Gefangenen. Unsere letzte Hoffnung setzen wir auf den Amerikaner Christopher Ross, der im Namen der Vereinten Nationen kürzlich unser Land besucht und uns mit der Hoffnung auf eine baldige Lösung des Konflikts verlassen hat. Sollte sich jetzt wieder nichts tun und wir vom Rest der Welt weiterhin ignoriert werden, werden wir aus eigener Kraft mit allen legitimen Mitteln, inklusive Waffengewalt, für die Anerkennung kämpfen. Nach mehr als 30 Jahren zermürbenden Wartens ist unsere Geduld am Ende.
Wie möchten Sie sich gegen Marokko durchsetzen und welchen Eindruck wird eine kriegerische Auseinandersetzung im internationalen Ansehen hinterlassen?
Wir haben vielleicht keine große Armee und moderne Waffen, die wir den Besatzern entgegensetzen können, aber wir haben schon einmal bewiesen, dass wir hervorragende Guerillakrieger sind und diese Art der Kriegsführung fürchtet auch Marokko. Ich bin sicher, genauso wie mein Sohn und ich, werden auch andere Saharauis, die jetzt im Exil sind, in ihr Land zurückgehen und kämpfen. Sie warten nur auf das Startzeichen. Wir haben der Welt lange genug Zeit gegeben, sich für eine friedliche Lösung einzusetzen und wir befürworten auch heute noch eine pazifistische Einigung, aber wenn es nicht anders geht, müssen wir eben auf diese Weise dafür sorgen, dass wir Gehör finden und endlich Gerechtigkeit erfahren. Wir sind ein demokratisches Land, unsere islamische Religion ist Privatsache und kein Politikum, unsere Frauen bekleiden führende Positionen und können sich in der Gesellschaft frei bewegen. Wir sind keine Bedrohung im Sinne von Fundamentalismus – das Einzige, das wir fordern, ist Freiheit. Wir fordern ein Referendum, das unsere Situation klärt, uns voll anerkennt und zu einem autonomen Land macht.
Sie sind nur ein kleines Volk mit ungefähr einer halben Million Menschen. Wie wollen Sie den künftigen Staat finanzieren?
Unser Land ist reich an Bodenschätzen, die derzeit von den Marokkanern ausgebeutet werden und die wir dann selbst nutzen könnten. Wir verfügen über die größten Phosphatminen weltweit und haben Erdölvorkommen, die bis dato noch nicht angetastet wurden, aber eine sprudelnde Einkommensquelle sein könnten. An unseren Küsten wachsen die besten Tomaten und Früchte. Unsere Gewässer sind sehr fischreich. Die Verhandlungen, die Spanien und auch die Kanaren regelmäßig mit Marokko wegen der Fischfangrechte führen, sind in unserem Hoheitsbereich. Früher einmal hieß es sogar Kanarisch-Saharauisches Fanggebiet. Zudem wäre auch Tourismus eine Option, die aufgebaut werden könnte.
Am 11. Juli protestierten Sie mit rund 2.000 Menschen in Santa Cruz de Tenerife, was wollten Sie damit bewirken?
Das spanische und kanarische Volk hat uns schon immer sehr unterstützt und dafür sind wir sehr dankbar. Ohne die Hilfslieferungen oder das Ferienprogramm für unsere Kinder, die zwei Sommermonate in Gastfamilien verbringen und dabei auch eine medizinische Versorgung erhalten, wäre es uns noch viel schlechter ergangen. Wir haben viele Sympathisanten, die mit uns gemeinsam auf die Straße gehen. Was wir aber bezwecken wollen, ist deutlich zu machen, dass wir an einer Schwelle zu einem Krieg stehen, den im Grunde keiner will, aber aus unserer Sicht unvermeidbar ist, wenn nicht endlich internationaler Druck auf Marokko ausgeübt wird. Wir fordern von Zapatero und auch von französischen Politikern, dass sie auf internationalem Boden eindeutig Stellung für uns beziehen und sich für unsere Sache einsetzen. Denn die Situation, die wir seit Jahrzehnten erdulden, konnte nur entstehen, weil die Entkolonisierung nicht ordnungsgemäß vonstatten ging. Statt eines schrittweisen Rückzugs, in dessen Verlauf sie uns als Land mit definierten Grenzen nach Algerien, Mauretanien und Marokko hätten zurücklassen können, haben sie unser Territorium Hals über Kopf verlassen und uns so der marokkanischen Willkür ausgesetzt. Besonders Spanien und Frankreich, aber auch die internationale Staatengemeinschaft haben uns gegenüber eine historische Schuld zu begleichen und diese fordern wir nun nachdrücklich ein. Die Hinhaltetaktik hat sich erschöpft und für uns heißt es jetzt: Krieg oder Frieden. Zumal kürzlich bekannt wurde, dass Spanien demnächst sogar Panzer an Marokko liefern wird. Ich betone noch einmal, wir wünschen uns nichts mehr als eine friedliche Lösung, aber sollte diese nicht in absehbarer Zeit greifbar sein, sind wir nicht länger bereit, zu warten, sondern werden für unsere Rechte und unser Land kämpfen.
Von Sabine Virgin
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13.03.2010 - 















