„Mother Africa“ ist Herzenssache
Ende März gastierte die atemberaubende Zirkusshow „Madre África“ zum ersten Mal auf den Kanaren und wurde mit Standing Ovations gefeiert. Nach drei Jahren erfolgreicher Präsenz in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz traten die Künstler von Madre África zum ersten Mal hierzulande auf. „Wir haben im letzten Jahr schon einmal versucht, in Spanien aufzutreten, aber damals war die Bürokratie zu langsam und wir erhielten unsere Visa nicht rechtzeitig. Umso glücklicher sind wir, dass es jetzt geklappt hat. Als wir hörten, dass unsere erste Station auf den Kanaren sein würde, hatten wir alle etwas gemischte Gefühle. Wir waren uns nicht sicher, wie uns die Canarios aufnehmen würden. Wir haben erwartet, dass durch die vielen afrikanischen Flüchtlinge, die hier ankommen, die Stimmung nicht besonders freundlich sein würde. Aber wir wurden mehr als positiv überrascht. Wir spielten in ausverkauften Häusern und schon auf Gran Canaria belohnte man uns mit Standing Ovations am Ende der Show. Auf Teneriffa war die Begeisterung dann genauso groß. Wir haben diese Herzlichkeit, die uns aus dem Publikum entgegenschwappte nicht erwartet“, erzählt Hubert Schober beeindruckt, der bisher nur die Kanareninsel La Gomera als Urlaubsort zum Ausspannen kannte.
Dabei ist der deutsche Produzent und Tourneeleiter durchaus erfolggewohnt. Mit den Kindermusicals „Biene Maja“, „Oh wie schön ist Panama“ und „Jim Knopf“ erntete er viele Lorbeeren und auch die Zirkuswelt ist ihm nicht unbekannt. So arbeitete er schon mit chinesischen und russischen Zirkusshows zusammen. „Trotzdem muss ich zugeben, dass „Mother Africa“ mittlerweile mein Lieblingsbaby ist. Es macht so viel Spaß, mit diesen jungen Menschen zusammenzuarbeiten. Sie haben so viel Herzlichkeit und versprühen eine Lebensfreude, die mich immer wieder überwältigt. Außerdem finde ich diese Menschen einfach sehr schön – es macht mir Freude, sie anzusehen. Es sind die Menschen, die Mother Africa so fantastisch und zauberhaft machen. Dabei ist die Show absolut nicht perfekt – es passieren manchmal Fehler, die es bei den routinierten Chinesen und Russen nicht gibt.
Man kann das nicht wirklich vergleichen. Die russischen und chinesischen Artisten beginnen schon mit rund sechs Jahren, sich auf ihre spätere Karriere vorzubereiten. Unsere Artisten kommen meistens aus den untersten sozialen Schichten aus verschiedenen afrikanischen Ländern. Ehe sie an der Zirkusschule von Winston Ruddle ausgebildet wurden, lebten sie ein einfaches, ärmliches Leben und schlugen sich irgendwie durch. Wenn sie von Winston entdeckt werden, sind sie schon im Teenageralter. Das heißt, sie sind schon viel älter, wenn sie beginnen und haben dann eine Ausbildungszeit zwischen sechs Monaten und drei Jahren, bevor sie auf der Bühne stehen. Da ist es doch klar, dass sie nicht so perfekt sind. Aber ich denke gerade das macht den Charme von „Mother Africa“ aus. Wir haben hier junge Menschen, die eine Chance genutzt haben, ihr Talent einzusetzen und aus ihrem Leben etwas zu machen. Einige der wenigen Möglichkeiten übrigens, um der Armut in ihrer Heimat zu entkommen“.
Vor circa vier Jahren hat der aus Zimbabwe stammende Künstler Winston Ruddle seine Zirkusschule in Tansania eröffnet. Der 40-Jährige kaufte eine komplette Zirkusausrüstung inklusive Zelt und erfüllte sich damit einen persönlichen Traum. Dann hielt er in verschiedenen Ländern auf der Straße nach jungen Talenten Ausschau, um ihnen eine Ausbildung und Zukunft anzubieten. Derzeit kommen sie aus Südafrika, Äthiopien, Benin, Guinea, Ghana, Kenia, Tansania oder von der Elfenbeinküste. Tipps von Hoteliers und ein gutes Auge haben ihm geholfen, die ersten Schüler zusammenzutrommeln. Mittlerweile sind rund 100 junge Afrikaner, zwischen 14 und 20 Jahren, durch diese ungewöhnliche Schule gegangen. Manche sprechen inzwischen von sich aus vor und bitten um Aufnahme in das kostenlose Trainingsprogramm. Der Ruf der Zirkusschule ist bereits so gut, dass die Artisten von afrikanischen und internationalen Bühnen gebucht werden.
Unter anderem treten seine Schüler im weltbekannten „Cirque du soleil“ oder bei der Show „Afrika!Afrika!“ auf, die mit dem Namen André Hellers und einem enormen Werbeetat in Deutschland vermarktet wird. „In Deutschland ist dies unsere größte Konkurrenz. Oft werden wir als Nachahmer der Show gesehen, dabei ist das genau genommen umgekehrt. Als Winston Ruddle zum ersten Mal bei mir vorsprach, musste ich ihn leider ablehnen, weil die Show noch zu schlecht war. Drei Jahre lang ging das so, bis ich endlich einen Vertrag mit ihm unterzeichnete. Seit 2006 sind wir nun gemeinsam mit großer Begeisterung bei der Sache. Im Gegensatz zu unseren Mitbewerbern treten bei uns tatsächlich nur afrikanische Artisten auf, während bei „Afrika!Afrika!“ auch Schwarze engagiert sind, die eigentlich aus Frankreich, Amerika oder aus anderen reichen Ländern stammen und dort aufgewachsen sind. Ich kann also behaupten, dass wir die authentischere Show zu bieten haben“, erzählt Schober.
Bühnenglamour statt tristen Armutsalltags
Die Show begeistert tatsächlich vor allem durch ihre afrikanische Lebenslust, den Rhythmus, der ins Blut des Publikums geht, den Humor und die Leichtigkeit, die einige Nummern vermitteln oder die Spannung, die bei atemberaubender Körperakrobatik in den Zuschauerreihen herrscht. Insgesamt vier der beweglichsten Männer der Welt überraschen mit einer Körperkunst, die unglaublich erscheint und die Gesetze jeder körperlichen Beweglichkeit außer Kraft zu setzen scheint. Die erst 14 Jahre alte Turnerin Meseret lässt sich mit einer Eleganz und Grazie durch die Lüfte wirbeln, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Die lebensfrohe Truppe vermittelt den Eindruck, als sei sie geboren, um auf dieser Bühne zu stehen. Sicher scheint, dass die Artisten eine Zukunftsperspektive gefunden haben, die in ihrer Heimat nur wenigen vergönnt ist. „Das Geld, das sie bei uns verdienen, ernährt manchmal 10- bis 15-köpfige Familien in der Heimat.
Wer klug ist, beginnt schnell, das Verdiente in Grundstücke oder Geschäfte zu investieren, um auch nach der Bühnenzeit eine Zukunft zu haben. Und natürlich sind es junge Leute, wie überall auf der Welt. Die Mädchen gehen bevorzugt zum Klamotten-Shopping und die Jungs sind eher Technik-Freaks, die auf Kameras, Gameboys etc. stehen. Fast alle haben mittlerweile einen Laptop und es ist erstaunlich, wie schnell sie damit umgehen können“.
So viel Freude die Arbeit Hubert Schober und Winston Ruddle bereitet, so anstrengend ist sie manchmal auch, bis die nächste Show steht, alle Kostüme und Choreographien sitzen und die behördlichen Formalitäten erledigt sind. „Wenn die jungen Leute nach der Tournee in den Sommermonaten zu ihren Familien zurückkehren, tun sie manchmal rein gar nichts mehr.
Kein Training, keine Konditions- und Kraftübungen. Für einige Wochen scheinen sie die Zirkuswelt völlig auszublenden. Wenn sie dann zur Vorbereitung der neuen Show zurückkommen, müssen wir sie erst wieder auf Trab bringen. Aber dann üben sie eigentlich immer sehr fleißig. Das ist eben auch eine andere Lebenseinstellung, die dabei zutage tritt. Schwierigkeiten haben wir oft, bis wir endlich alle Visa zusammenhaben, um auf Tour zu gehen. Nachdem der äthiopische Staatszirkus, übrigens der einzige Staatszirkus in Afrika, schon zwei Mal das komplette Ensemble „verloren“ hat (die Künstler sind während der Tournee geschlossen untergetaucht), sind die Behörden sehr vorsichtig. Unsere Kids halten aber zusammen, wir sind wirklich wie eine große Familie, in der es kunterbunt zugeht“, erzählt der Tourneeleiter, der seine Schützlinge mit Enthusiasmus und persönlichem Herzblut begleitet. Er freut sich jedes Jahr auf den Saisonstart.
Mit dem Zirkus erfüllen sich nicht nur Zukunftsträume für die Jugendlichen, sondern auch für andere, die nicht die gleichen Chancen haben. So unterstützt die Produktion Entwicklungsprojekte in Afrika. Im letzten Jahr flossen 50 Cent von jedem verkauften Ticket an die Initiative von Karl-Heinz Böhm „Menschen für Menschen“. „Was dieser Mann und seine wunderbare Ehefrau Almaz in Äthiopien leisten, ist absolut bewundernswert und wir werden sie auf jeden Fall weiter unterstützen. Der Durchschnittslohn beträgt dort nur ein paar Dollar im Monat. Wenn wir also etwa 50.000 Euro spenden, dann kann sich jeder vorstellen, wie viel Gutes man dort mit diesem Geld bewirken kann“.
Der Erfolg von Mother Africa ist der zauberhaften Mischung aus Musik, Tanz, ureigenen afrikanischen Elementen und bezaubernder Akrobatik zu verdanken. Das Konzept, das den Künstlern und ihren Familien Hoffnung gibt, ist nicht nur eine Bühnenshow, sondern ein Anliegen, das Menschlichkeit in seiner schönsten Form, nämlich durch geballte Lebensfreude vermittelt. Dieser Spur wollen Schober und sein Freund Ruddle auch in der nächsten Saison mit einer neuen wundervollen Show folgen.
Seine ganz persönliche Botschaft, die er damit verbindet, lautet: „Seht Afrika mit anderen, mit fairen Augen. Was Europa und der Rest der Welt diesem Land und diesen Menschen angetan hat und weiterhin antut, ist das größte Verbrechen der Menschheit an der Menschheit. Hört damit auf und nehmt Mother Africa als ein Zeichen für ein versöhntes, für ein friedliches, für ein partnerschaftliches Afrika“.
Danke Hubert Schober.
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19.03.2010 - 
















