Unsere Filme sollen zum Nachdenken anregen
Zum vierten Mal organisierte der Deutsche Frieder Egermann das Festival del Sol, das internationale Filme zum Thema Homosexualität zeigt. Die erste Veranstaltung fand auf Gran Canaria statt, aber seit drei Jahren sind die Filmtage auf Teneriffa etabliert und freuen sich auf ein kontinuierlich wachsendes Publikum. „Bei den Filmen, die wir zeigen, geht es nicht um Kommerz, sondern um eine Botschaft, die wir vermitteln wollen. Die Kurz- und Spielfilme ranken sich um Homosexualität in verschiedenster Form. Häufig sieht man mittlerweile Schwule in Serien oder anderen Filmen in Nebenrollen. Dort wird die Thematik aber eher oberflächlich oder lustig dargestellt. Die Filme, die wir für das Festival aussuchen sind anders. Dort werden Schwierigkeiten und Vorurteile des täglichen Lebens, mit denen Schwule konfrontiert werden, oder der schwierige Weg der Selbstfindung gezeigt. In diesen Filmen wird die Thematik mit Tiefgang dargestellt. Wir möchten, dass sich schwule Zuschauer ernst genommen fühlen und sich mit den Geschichten identifizieren können. Gleichzeitig sind es aber Filme für jedermann, die vielleicht auch zum Nachdenken anregen“, erklärt Frieder den Tenor des Festivals.
Kultur hat viele Facetten
Allerdings möchte Frieder sich und seine beruflichen Projekte nicht auf die Homosexualität reduzieren lassen. Das Festival auf Teneriffa zählt zwar aufgrund seiner „Insider-Stellung“ zu seinen Lieblingsveranstaltungen, aber er organisiert viele Events, die mit diesem Thema überhaupt nichts zu tun haben. „Ich habe schon Filmtage zu den unterschiedlichsten sozialen Themen ins Leben gerufen. Mich reizen die weniger kommerziellen und dafür tiefgründigeren Themen. Zum Beispiel gab es schon Filmtage mit Filmen, die von weiblichen Regisseurinnen produziert wurden, weil ich finde, dass sie oft Großes leisten und es dennoch schwer haben, sich in dieser Macho-Szene zu behaupten. Meist werden sie kaum beachtet und schon gar nicht so gewürdigt, wie sie es verdient hätten. Oder das Thema Umweltschutz – das liegt mir auch sehr am Herzen und da finde ich, dass in Spanien wirklich noch vieles getan werden muss. Mich regt es auf, wenn Menschen aus unserer Generation einfach nur zu faul sind, Müll zu trennen oder sich schlicht und einfach keine Gedanken darüber machen. Vielleicht liegt das auch an den unterschiedlichen Kulturen. Manche Dinge sind eben Vorteil und Nachteil zugleich. In Deutschland wird viel gemeckert und kritisiert, das tun die Spanier weit weniger. Das hat einerseits vielleicht einen negativen Beigeschmack, gleichzeitig beschleunigt es aber Entwicklungen. Der Umweltgedanke oder das Gefühl für persönliche Rechte ist in Deutschland viel ausgeprägter. Manchmal ist mir Deutschland fast zu wechselhaft. Das sieht man schon an kleinen Dingen. Wenn ich meine Familie besuche, entdecke ich im Supermarkt fast immer neue Produkte – und konsumiert wird, was gerade „in“ ist. In Spanien ist man da eher konservativ. Der typische Serrano-Schinken zum Beispiel ist seit 100 Jahren derselbe und wird heute noch genauso geschätzt. Deshalb dauern Veränderungen eben etwas länger, das heißt aber nicht, dass sie nicht möglich sind. Aber diese unterschiedlichen kulturellen Tendenzen belegen nur, dass viele Dinge Vorteil und Nachteil zugleich sind. Mein Ziel ist es, Menschen zu unterhalten und dabei aber auch Denkprozesse in Gang zu setzen“.
TEA – Teneriffas Kunst-Raum
Das Festival del Sol wurde in diesem Jahr erstmals in dem neuen TEA-Museum für zeitgenössische Kunst in Santa Cruz gefeiert. „Es ist ein beeindruckendes Gebäude, das dem Festival einen tollen Rahmen bietet. Ein bisschen schade finde ich nur, dass die Architekten praktische Dinge oft vernachlässigen. So könnte die Akustik zum Beispiel besser sein oder andere sinnvolle Kleinigkeiten. Ich frage mich, wann irgendein Architekt mal vernünftige Damentoiletten in ein Theater oder Veranstaltungszentrum einbaut. Immer ist die Zahl der Damen- und Herrentoiletten gleich, was dazu führt, dass sich bei den Damen in den Pausen endlose Schlangen bilden. Aber das ist auf der ganzen Welt so – ist eben einfach ein praktischer Aspekt, der immer wieder vergessen wird“, erzählt Frieder aus seinem Erfahrungsschatz. Vorstellungen gab es zudem in La Laguna und in Granadilla de Abona. Dabei waren Kurzfilme ebenso vertreten wie Spielfilme. Sie stammen aus den USA, Deutschland, Frankreich, Spanien, Polen, Italien, Großbritannien und der Schweiz. „Ich persönlich bin ein Fan von Kurzfilmen. Die richtig guten stellen in einer kurzen Zeit die Essenz ihrer Botschaft beeindruckend dar. Oft haben sie auch etwas Humorvolles – das gewisse Augenzwinkern“. Auf das Festival auf Teneriffa freut er sich immer besonders. „Hier stimmt das Ambiente, das Publikum und vor allem finde ich hier so viel Herzlichkeit und Unterstützung, die mich immer wieder verblüfft. Da ist zum Beispiel Uge, Präsidentin von Algarabia, der Vereinigung für Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle, die sich sehr engagiert und tatkräftig mit anpackt. Manche Dinge sind schwierig zu organisieren oder man erreicht nicht die wirklich zuständige Person. Wenn man auf den Behördenwegen feststeckt, ist es schon toll, wenn man jemanden vor Ort hat, der den Stein wieder ins Rollen bringt. Wir merken, dass wir jedes Jahr mehr Besucher bekommen und die Schwellenangst sinkt. Mir ist zum Beispiel schon passiert, dass mich jemand auf ein Pressefoto, das während einer Eröffnung gemacht wurde, angesprochen hat. Diejenige sagte: „Da war meine Cousine, das kann doch nicht sein, die hat letzten Monat geheiratet“. Daran merkt man, dass das Schubladendenken schon noch vorhanden ist. Man muss schließlich nicht schwul sein, um sich einen Film zu dieser Thematik anzuschauen. Genauso wenig, wie man kriminell sein muss, um einen Gangsterfilm anzusehen“, erzählt Frieder schmunzelnd.
Frieder steht nicht nur als Kopf der Firma im Rampenlicht, sondern krempelt auch gerne selbst die Ärmel hoch und packt mit an. „Wir ziehen abends zum Beispiel mit Prospekten durch die Bars und verteilen die Programme direkt an die Leute. Viele werden dann erst auf die Veranstaltung aufmerksam“. Die in den letzten drei Jahren ständig steigende Zuschauerzahl zeigt, dass es auf Teneriffa durchaus ein Interesse an Außenseiter-Themen gibt. Wir belegen die Filme mit englischen Untertiteln, so dass sich auch Urlauber angesprochen fühlen. Zum Abschluss des Festivals gab es dann noch eine Überraschung. Zum besten Film wurde von Jury und Publikum der deutsche Spielfilm „Vivere – Drei Gründe zu leben“ gewählt. Der Film feierte am 17. Oktober 2007 in Essen Premiere und wurde mittlerweile sogar in den USA vorgeführt. Hannelore Elsner und Esther Zimmering wurden zudem als beste weibliche Darstellerinnen ausgezeichnet. Der französische Kurzfilm „La Déchirure“ wurde zum Besten in seinem Genre gekürt. Jonathan Bray und Wilson Cruz – aus dem Film „Coffee Date“ – teilten sich die Ehre der besten männlichen Schauspieler. Insgesamt acht bis neun Festivals organisiert Frieder im Jahr. Auch wenn es seiner Lebens- und Arbeitsphilosphie entspricht, dass immer der Event, den er gerade vorbereitet, sein Lieblingsprojekt ist, dem er sich mit Leib und Seele verschreibt, freut er sich schon darauf, im nächsten Jahr mit den neuesten interessanten Streifen im Gepäck nach Teneriffa zurückzukehren. „Das Festival 2010 ist schon in Planung und wir versprechen schon heute, im nächsten Jahr mit dem gleichen Enthusiasmus nach Teneriffa zu kommen“, verspricht Frieder auf der Abschlussveranstaltung.
von Sabine Virgin
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19.03.2010 - 
















