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Mittwoch, 17.03.2010
Gefährliches Abenteuer im ewigen Eis
Tomás López Betancor: Ich bin froh, dass wir noch am Leben sind
Tomás López Betancor, Feuerwehrmann aus Teneriffa, ist einer von drei leidenschaftlichen Bergsteigern, die im Dezember ein gefährliches Abenteuer in den Bergen von Chile gewagt haben. Er und seine Freunde gerieten beim Versuch, den schnee- und eisbedeckten Mount San Valentin zu erklimmen, in Lebensgefahr und konnten schließlich von Einsatzkräften der chilenischen Armee gerettet werden. Heil zurück in der Heimat, erzählte uns Tomás von seinen dramatischen Erlebnissen im ewigen Eis der chilenischen Bergwelt.
„Wir sind froh, dass wir noch am Leben sind“, sagt Tomás, dem die Erleichterung immer noch ins Gesicht geschrieben ist. Denn fast wäre das Abenteuer der drei Freunde, auf das sie sich so lange gefreut hatten, tödlich ausgegangen. „Die Probleme begannen ein paar Tage, nachdem wir den Aufstieg angetreten hatten. Es war zunächst ungewöhnlich warm, mit Temperaturen von bis zu 20 Grad in den Bergen. Ganz plötzlich schlug das Wetter um und wir gerieten in einen gewaltigen Sturm. Unser Barometer hatte uns davor gewarnt und deshalb gaben wir mit Hilfe unseres Satellitentelefons sicherheitshalber unsere Koordinaten durch, falls uns irgend etwas passieren sollte“, erzählt Tomás. Und passieren sollte dem Bergsteiger-Trio tatsächlich einiges, womit sie nicht gerechnet hatten. Der Sturm entwickelte sich zu einem heftigen Schneesturm mit einer Geschwindigkeit von über 100 km/h. „Wir konnten nicht einmal mehr unser Zelt sehen, das nur zehn Meter von uns entfernt aufgebaut war. Wir entschieden, auszuharren und gar nicht erst zu versuchen, weiter zu gehen.“
„Eigentlich gilt Schnee als trocken, aber unsere gesamte Ausrüstung wurde so nass, dass alles innerhalb kürzester Zeit einfror. Diegos Handschuhe waren so durchnässt, dass er sie ausziehen musste. Das Risiko, dass er sich die Finger abfrieren könnte, war zu groß. Also teilten wir uns die anderen Paar Handschuhe und trugen sie abwechselnd. Was uns am meisten Sorgen bereitete, war der fast horizontal fliegende Schnee. Es war zu befürchten, dass er seinen Weg in unsere Taschen und durch unsere Kleidung finden würde. Hinzu kam, dass wir uns aus dem Schnee graben mussten und dadurch ins Schwitzen gerieten. Somit kam die Feuchtigkeit von beiden Seiten – wir hätten auf der Stelle erfrieren können“, erinnert sich Tomás mit einem Schaudern. „Wir mussten trockene Kleidung anziehen und die nasse dann wieder drüber ziehen, damit sie durch unsere Körperwärme getrocknet wurde, anstatt einzufrieren.“
Als das größere der beiden Zelte unter dem Gewicht des Schnees zusammenbrach und der Sturm es schließlich wegriss, mussten sich die Bergsteiger im kleineren Zelt in Schutz bringen. Hier waren sie ab sofort zusammengepfercht und mussten vier Tage lang auf engstem Raum kochen, essen und schlafen. „Wir haben uns vor allem mit scharfen Mojos (Saucen) ernährt, die wir ins Land geschmuggelt hatten. Da wir damit gerechnet hatten, am Flughafen kontrolliert zu werden, gaben wir etwas Fleisch in einen Rucksack – als eine Art Köder. Es wurde am Zoll konfisziert und unsere restlichen Lebensmittel konnten wir unbemerkt mitschmuggeln.“ Kanarisches Gofio gab den drei Extremsportlern Kraft. Sie mischten es in heiße Suppe, die sie aus geschmolzenem Schnee und Rindswürfeln zubereiteten. Der Schneesturm wurde für die Tinerfeños zur Geduldsprobe; er schien kein Ende zu nehmen und ließ den Dreien auch kaum Schlaf. „Wir hatten ständig damit zu tun, das Zelt von Schneeverwehungen zu befreien und so wechselten wir uns im 30-Minutentakt mit dem Schneeschaufeln ab. Es blieb keine Zeit, um sich richtig auszuruhen. Unser Atem kondensierte auf der Innenseite des Zeltes und das Kondenswasser setzte sich an Stiefeln und Handschuhen ab, so dass sie drohten, einzufrieren. Also bewahrten wir die Handschuhe unter der Unterwäsche auf, um sie trocken und warm zu halten.“
Vor Antritt ihres Abenteuers hatten Tomás, Diego und Alfredo einen nützlichen Hinweis aus einer spanischen Abenteuer-Serie bekommen, der ihnen möglicherweise das Leben gerettet hat: „Der Moderator der Sendung, der vor Jahren einmal eine ähnliche Situation erlebt hatte wie wir später auf dem Mount San Valentin, riet davon ab, mit Daunen gefüllte Schlafsäcke für hochalpine Touren zu verwenden. Die Daunen würden Feuchtigkeit aufnehmen und so könne der Schlafsack im Extremfall gefrieren. Stattdessen empfahl er, in Säcken aus Textilfaser zu schlafen. Wir entschieden, dem Rat zu folgen und es war vermutlich die beste Entscheidung, die wir jemals getroffen hatten.“ Manchmal mussten sich die Drei zwei Schlafsäcke teilen, um einen zusammengerollt und trocken zu lassen und Tomás erinnert sich weniger gern an das ungewollte, aber nicht vermeidbare Kuscheln mit seinen Kollegen.
„Den Gipfel zu erklimmen, war zwar unser persönlicher Heiliger Gral gewesen, aber uns wurde bewusst, dass wir angesichts der Witterung zusehen mussten, so schnell wie möglich vom Berg runter zu kommen.“ So fassten sich die Abenteurer ein Herz und beschlossen, um Hilfe zu rufen. „Die Batterie des Telefons war fast leer, aber wir dachten, es würde schon reichen, um wenigstens einen Anruf zu machen. Wir hatten uns die Nummer der lokalen Polizeistation im letzten Dorf vor dem Gletscher notiert, konnten aber nicht davon ausgehen, dass jemand ans Telefon ging, und wir wollten auch nicht einfach eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Deshalb riefen wir meine Frau Mercedes auf Teneriffa an, um sie über unsere Situation zu informieren. Wie sich danach herausstellte, war die Nummer besagter Polizeistation gar nicht vergeben. Wir hatten also richtig entschieden.“
Mercedes arbeitet als Koordinatorin für die kanarische Notfallzentrale 112 und wusste sofort, was zu tun war. Als der Anruf ihres Mannes kam, hatte sie zwar keinen Dienst, aber sie setzte sich gleich an den Computer, um im Internet die Telefonnummer der chilenischen Bergwacht herauszusuchen und diese zu verständigen. „Innerhalb von einer halben Stunde erhielten wir einen Anruf der Chilenen, die uns mitteilten, dass die Rettungsaktion bereits im Gange sei.“ Das war aber nicht der einzige Anruf, der die drei Bergsteiger in ihrer verzweifelten Situation erreichte. Mercedes hatte Diegos Bruger Julio verständigt und dieser hatte sich mit lokalen kanarischen Medien in Verbindung gesetzt. „Kurz darauf rief ein spanischer Radiosender an und fragte nach dem neuesten Stand der Exkursion. Wir waren dabei, uns aus dem Schnee zu graben und kämpften um unser Leben und ein Interview war das Letzte, wonach uns der Sinn stand.“ Die chilenischen Einsatzkräfte versuchten indessen, eine Bergung mittels Hubschrauber einzuleiten. Doch aufgrund des wütenden Sturms im Gletschertal musste die geplante Rettung aus der Luft zunächst abgebrochen werden.
„Damit der Pilot landen konnte, mussten wir einen Landeplatz frei schaufeln und eine Windfahne aufstellen, so dass er eine ungefähre Ahnung von der Windstärke bekäme. Unsere Ausrüstung mussten wir befestigen, damit nichts in den Propeller des Hubschraubers gesogen würde. Nachdem wir vier Tage lang nur Schnee gebuddelt hatten und am Ende unserer Kräfte waren, war das eine kaum zu bewältigende Aufgabe.“ Gegen sechs Uhr morgens klärte sich der Himmel auf und die Drei machten sich voll freudiger Erwartung bereit für die Bergung. Doch wieder musste die Rettungsaktion abgebrochen werden, da bereits der nächste Sturm aufzog. „Wir waren am Rande der Verzweiflung und wurden immer nervöser. Wir hatten die kurze Ruhe nach dem Sturm verpasst und man teilte uns mit, dass der nächste Rettungsversuch frühestens in sieben Stunden gestartet werden könnte. Das Wetter wurde immer schlechter und wir mussten uns einen neuen Unterschlupf suchen. Die Vorstellung, noch einen Tag und eine Nacht hier draußen zu verbringen, war kaum zu ertragen. Wir baten den Piloten eindringlich, es noch einmal zu versuchen und höher zu fliegen, da das Unwetter vor allem im Tal tobte, während es in den höheren Lagen nicht ganz so schlimm war.“ Tomás hatte mehrere Jahre für die Bergrettung gearbeitet und wusste daher, dass das für den Piloten eine relativ sichere Lösung war.
Den Bergsteigern fiel ein Stein vom Herzen, als der Pilot einwilligte und exakt um 9.20 Uhr endlich auftauchte. „Wir sprangen vor Glück und Erleichterung, packten schnell unsere Ausrüstung. Da warf der Co-Pilot ein Paket von Bord und der Helikopter drehte ab. Alfredo dachte, es handle sich um ein Paket mit Nahrungsmitteln und begann, die Piloten zu verfluchen, weil er dachte, sie würden uns zurücklassen. Das Paket entpuppte sich dann jedoch als Rauchkanister, mit dessen Hilfe Windrichtung und -stärke bestimmt werden konnten.“
Der Hubschrauber landete, die Drei sprangen auf – „in Rekordzeit“, wie Tomás versichert. „Der Pilot ließ uns nichts von unserer Ausrüstung mitnehmen. Bei Tauwetter kann sich also jemand eine voll eingerichtete Wohnung dort oben abholen“, scherzt Tomás. „Meine Hände waren gefroren, ich konnte nicht einmal die Tür des Hubschraubers aus eigener Kraft schließen; der Co-Pilot musste nach hinten springen und mir helfen.“
Erst nachdem sie sicher im Tal gelandet waren, realisierten Tomás und seine Kollegen, wie aufwendig ihre Rettungsaktion gewesen war. „Es sah aus, als hätten sich die Einsatzkräfte auf einen Krieg vorbereitet – überall Offiziere und Logistik-Leute. Der Pilot eines Suchflugzeugs gratulierte uns dazu, dass wir uns mit einem Spiegel bemerkbar gemacht hätten, als er über unseren Stützpunkt flog. Wir wussten nicht, wovon er sprach, aber dann fiel uns ein, dass die Mini-Solarplatte zum Aufladen unseres Satellitentelefons reflektiert haben musste. Es war also reiner Zufall und großes Glück, dass er uns gesehen hat. Man hat uns versprochen, dass wir das Foto bekommen, das vom Flugzeug aus gemacht wurde und wo die Reflexion zu sehen ist, die uns vielleicht das Leben gerettet hat.“
Seit dem Abenteuer, das für die drei Freunde eine Grenzerfahrung war, sind einige Wochen vergangen. Nach ihrer Rettung gönnten sie sich erst einmal einen Erholungsurlaub in Südamerika. „Den hatten wir nötig – nach so langer Zeit der Isolation in den Bergen.“ Tomás sieht die gescheiterte Tour nicht als Niederlage. „Man muss nur daran denken, wie viele Forscher und Abenteurer aufgeben mussten, als sie versuchten, die Antarktis zu durchqueren. Die Launen der Natur sind unberechenbar und manchmal muss man sich als Mensch eben beugen. Es wäre leichtsinnig gewesen, den Aufstieg fortzusetzen, nur um nicht als Versager dazustehen. Auch wenn manche ein Aufgeben als schwarzen Fleck in ihrer Bergsteigerkarriere betrachten.“
Die drei Canarios hatten Glück im Unglück. Wie sie später erfuhren, war die rettende Helikopter-Besatzung kurz davor, die Bergung abzusagen, da sie befürchteten, sie könnten sich in einer spanischen Reality Show wiederfinden. „Bevor sie tatsächlich losgeflogen sind, um uns vom Berg zu holen, sind sie sicher gegangen, dass es sich tatsächlich um einen Ernstfall und keineswegs um eine Inszenierung fürs Fernsehen handelte.“ Der Pilot gestand, dass er sehr skeptisch gewesen war und gedacht hatte, ungewollt in einer spanischen Version der Serie „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ mitspielen zu müssen.
Tatsächlich sind die waghalsigen Tinerfeños mittlerweile zu Berühmtheiten geworden – jedenfalls auf den Kanaren und in ganz Spanien.
von Karl McLaughlin/Margot Aigner
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17.03.2010 - 
















