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Donnerstag, 09.09.2010
Mutterfreuden auf Umwegen
Mein Wunschkind aus China
„Es war für mich das schönste und größte Glück, als ich meine Tochter Laura Min zum ersten Mal in den Armen hielt“, erzählt Susanne Laug, die seit rund zehn Jahren auf Teneriffa lebt. Vorausgegangen waren viele schmerzliche Stunden für Susanne und ihren Mann Jochen. Zwei Fehlgeburten hatten das Paar tief getroffen und die Hoffnung auf eine Familie mit Kind begraben. „Damals hatten wir es aufgegeben, uns eine Zukunft als Eltern vorzustellen. Die zwei Fehlgeburten haben nicht nur physische, sondern vor allem psychische Wunden hinterlassen, die wir nicht noch einmal erleben wollten“. Erst als ein spanischer Freund das Thema Adoption anschnitt, begann in ihnen ein neuer Funke zu zünden.
Flug ins Elternglück
Spanien liegt mit circa 6.000 Adoptionen jährlich auf Platz Zwei in Europa. Etwa 80 Prozent der so in Familien integrierten Kinder stammen aus dem Ausland. Im vergangenen Jahr wurden zusätzliche Abkommen mit Burundi, Kamerun, Nigeria und Vietnam geschlossen.
„Für uns war der Gedanke an ein ausländisches Kind zunächst Neuland, aber wir haben uns schnell entschlossen, es zu versuchen und uns bei einem Programm für chinesische Mädchen angemeldet“, erzählt Susanne. „In China, wo den Familien nur ein Kind erlaubt ist, sind Mädchen unerwünscht. Häufig werden sie abgetrieben oder nach der Geburt abgeschoben. Von unserer Laura wissen wir zum Beispiel nur, dass sie am 7. September geboren ist und am nächsten Tag bereits vor der Tür eines Kinderheimes in Nangchang lag. Dabei hatte sie noch Glück, denn ihre Mutter wollte ihr offenbar wenigstens die Chance geben, einen Platz im Leben zu finden. Und jetzt lebt sie bei uns. Wenn mir manchmal Leute sagen – da habt Ihr dem Kind ja was Gutes getan – kann ich immer nur denken: Sie uns aber auch! Durch Laura ist unser Leben erfüllter und einfach schöner geworden!“
Bis es endlich so weit war, mussten die Laugs aber eine strenge Prüfung über sich ergehen lassen. Die spanischen Behörden prüfen nach einem Adoptionsantrag zunächst die finanziellen Verhältnisse wie Einkommen, Sparguthaben und Eigentum. Danach wird man Zuhause besucht, um zu sehen, wo das Kind leben wird, und schließlich müssen sich die werdenden Eltern einem psychologischen Test unterziehen. Eltern, die weit über 40 Jahre alt sind, bekommen in der Regel keine Babys mehr, sondern Kinder, die schon etwas älter sind. Früher konnte man sogar als Alleinerziehende eine Adoption anstreben. Diese Regelung wurde aber inzwischen aufgehoben. Hat man die gesamte Testphase überstanden, wird man in ein Programm aufgenommen und wartet. Wer bereit ist, ein behindertes Kind aufzunehmen, hat in der Regel schnell ein Kind, aber auf gesunde Kinder und Babys muss man circa ein Jahr warten.
Agenturen helfen bei Behördengängen
„Wir haben uns über die Organisation ACI angemeldet und ich bin im Nachhinein sehr froh darüber. Die Vermittlungsagentur hat uns auf Schritt und Tritt begleitet, die Behördengänge und den Papierkram übernommen. Sie haben sogar drei Übersetzer mitgeschickt, als wir gemeinsam mit ungefähr 20 anderen Paaren den Flug nach China antraten. Ich war total aufgeregt. Ungefähr einen Monat vorher erhielten wir ein Foto von einem kleinen Mädchen, das unseres werden sollte. Wir konnten den Namen bestimmen und nach unserer Zusage wurde dann alles Nötige für die „Übernahme“ vorbereitet. Da saßen wir dann in einem Wartezimmer und hofften, möglichst schnell aufgerufen zu werden. Glücklicherweise waren wir schon als Vierte an der Reihe. Als ich dann das erste Mal unsere kleine Laura Min in den Armen hielt, war ich einfach hin und weg. Es war ein unbeschreibliches Glücksgefühl und vom ersten Moment an, war Laura mein Kind. Ich war eben 36 Monate statt 9 Monate schwanger. In diesem Augenblick war das Drumherum völlig vergessen und ich empfand einfach nur ein euphorisches Glücksgefühl wie jede andere Mutter auch“, beschreibt Susanne den „Geburtstag“ ihres neuen Daseins als Familie. Nach der Übernahme steht den Eltern ein 48-stündiges Rückgaberecht zu, ehe der Adoptionsvertrag gültig wird. „Mir ist ein Fall bekannt, wo man den Eltern ein krankes Kind übergab, das sie innerhalb dieser Frist zurückgaben“.
„In China sind Mädchen nichts wert“
Internationale Adoptionen werden häufig als bloßes Geschäft bezeichnet. Diese Beschreibung wird allerdings der Erfüllung einer Sehnsucht seitens der werdenden Eltern und auch der Zukunftsperspektive, die die Kinder aus einer einsamen tristen Gegenwart in ein buntes Leben voller Liebe führt, nicht gerecht. „Alles in allem hat uns die Adoption rund 10.000 Euro gekostet, wobei 3.000 Euro als Spende an das Kinderheim gingen. Natürlich ist es eine Art „Geschäft“, wenn man das so nennen will. Nicht nur Spanier komplettieren auf diese Art ihre Familie. In China reisten mit uns zum Beispiel auch 40 Paare aus Kanada an. Trotzdem ist es eben nicht nur ein Tauschhandel, sondern für die allermeisten ist es die Erfüllung eines Lebenstraumes nach einer schmerzlichen Odyssee auf dem Weg ein Kind zu bekommen. Zudem sorgen die Spendengelder dafür, dass die in China verbleibenden Kinder in dem Heim gut versorgt werden können“, erläutert Susanne. Sie hat diesen Schritt nie bereut und ihre Tochter immer, wie ihr eigen „Fleisch und Blut“ empfunden. „Ich glaube aber, man muss diesen Schritt ganz bewusst tun und eine offene Lebenseinstellung haben. Es ist eine Entscheidung, die das ganze Leben auf den Kopf stellt und man muss zu zweit an einem Strick ziehen. Aber das ist bei „normalen“ Eltern genauso. Als wir unsere Laura im August 2004 abholten, nahm ich, wie alle anderen Mütter, meine Babypause. Ich arbeite selbständig als Kosmetikerin und Fußpflegerin im Zentrum Shioki, das ich zusammen mit meiner Kollegin, einer Masseurin betreibe. Danach kehrte auch bei uns der Alltag mit Tagesmutter, später Vorschule und dem üblichen Gerenne nach Dienstschluss zum Supermarkt und so weiter ein. Seit ich Mutter bin, arbeite ich nur noch halbtags und nach Absprache, so habe ich Zeit für Laura und muss trotzdem nicht auf meinen Beruf verzichten. Ich weiß noch, wie überwältigend unser erstes Weihnachtsfest war. Unsere komplette Familie aus Deutschland war angereist, um sich mit uns und über die neue Enkelin zu freuen. Das war toll!“, erzählt Susanne ihre ungewöhnliche Geschichte.
Viele kanarische Familien nehmen ausländische Kinder auf
Dabei sind chinesische Mädchen auf Teneriffa gar kein Einzelfall. Allein im Orotavatal leben ungefähr 100 kleine Chinesinnen, die auf dem gleichen Weg wie Laura Min zu einem Zuhause in der Fremde gekommen sind. Die Ältesten sind schon um die 13 Jahre alt. Über die Organisation Andeni halten Kinder und Eltern Kontakt, tauschen Erfahrungen aus und die Mädchen haben die Möglichkeit, Chinesisch zu lernen. „Unsere kleine Laura spricht mit ihren fünf Jahren, Deutsch, Spanisch und lernt jetzt auch Chinesisch. Wir möchten, dass sie später einmal entscheiden kann, ob sie nach China reist, und dass sie sich dort auch verständigen kann. Dort sind schließlich ihre Wurzeln. Wir gehen mit diesem Thema ganz locker um. Laura weiß, dass wir sie in Nangchang abgeholt haben und oft sehen wir uns auch die Fotos gemeinsam an“. Nicht alle gehen mit diesem Thema allerdings so normal um, bestätigt Susanne, die anfangs einige irritierte Blicke aufgefangen hat, wenn andere in ihren Kinderwagen schauten und dann sie und ihren Mann verstohlen musterten. „Ich glaube, in Deutschland hätte ich es abgesehen davon, dass es gar nicht möglich ist, nicht getan. Aber auf den Kanaren sind die Menschen offener, toleranter und es leben eben auch viele chinesische Mädchen in kanarischen Familien. Hier ist das gar nichts so Besonderes und Laura Min ist vollkommen in ihre Kinder-Clique integriert, wie jedes andere Kind. Wir fühlen uns als ganz normale Familie, auch wenn wir auf einem ungewöhnlichen Weg zusammengefunden haben. Eine Zeit lang haben wir sogar überlegt, eine Schwester für Laura zu adoptieren, aber nachdem wir mittlerweile auch über 40 Jahre alt sind, haben wir es dann doch nicht getan. Bereut haben wir diesen Schritt zur Adoption nie. Laura ist unser Sonnenschein, der unser Leben komplett gemacht hat“, resümiert Susanne als stolze Mutter eines Chinesenmädchens. Sie rät allen Frauen in einer ähnlichen Situation, sich diesen Schritt gut zu überlegen. Aber wer nach reiflicher Prüfung diesen Weg zum Mutterglück einschlagen möchte, dem empfiehlt sie, sich offenen Herzens in dieses Abenteuer, das Glück bedeutet, zu stürzen.
von Sabine Virgin
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09.09.2010 - 

















