„Ich fordere Respekt vor der Würde jedes Menschen“
„Ich bin ein Mensch wie jeder andere, mit Träumen, Wünschen und Gefühlen“, erklärt Carla Antonelli, die kanarische transsexuelle Schauspielerin, die es geschafft hat, in einer „schweren Zeit“ zu überleben.
Sie war die Schirmherrin, als die Fahne der LGTB (Lesben, Gays, Bi- und Transsexuellen) am 28. Juni zum ersten Mal auf Teneriffa im Rathaus von Santa Cruz gehisst wurde. „Ich bin mit der hiesigen Vereinigung Algarabia seit rund vier Jahren, fast seit ihrer Gründung, in Kontakt und bin sehr stolz darauf, hier in meiner Heimat zum ‘Día de Orgullo‘ (Tag an dem man mit Stolz zu seiner Homosexualität steht) sprechen zu dürfen. Ich fordere nicht nur Toleranz und Liberalität, sondern Respekt! Toleranz, das beinhaltet so etwas wie Nachsicht gegenüber etwas Minderwertigem – das ist es nicht, was wir wollen. Wir fordern Respekt, denn das hebt uns auf eine gleichberechtigte Ebene. Wir möchten als Menschen akzeptiert und respektiert werden, wie alle anderen auch!
Viele von uns wurden zu Opfern
Geboren wurde Carla Antonelli in Güímar zu einer Zeit, als der Franco-Faschismus homo- und transsexualen Menschen jedes Menschenrecht absprach. Sie wurden als „Gefahr für die Gesellschaft“ abgestempelt, verfolgt, gehasst, in Konzentrationslager und Gefängnisse gesteckt, wo viele von ihnen sogar den Tod fanden. „Ich selbst war rund sechs Monate inhaftiert. Politisch aktiv wurde ich aus einem puren Überlebenswillen“, erzählt die sympathische Frau.
Zehn Jahre lang war sie als Koordinatorin für homo- und transsexuelle Fragen in der sozialistischen Partei PSOE tätig. In dieser Zeit trug sie maßgeblich dazu bei, dass Spanien heute eines der liberalsten Homosexuellen-Gesetze in ganz Europa hat. „Nach Francos Tod begannen die Dinge sich zu verändern, aber die größten Fortschritte haben wir in den letzten Jahren gemeinsam mit den Sozialisten gemacht.
Heute haben Homosexuelle in Spanien das Recht zu heiraten und Kinder zu adoptieren. Transsexuelle können nach zwei Jahren, in denen sie nachweislich mit ihrer andersgeschlechtlichen Identität gelebt und damit eine Stabilität ihrer Empfindungen bewiesen haben, eine Namensänderung beantragen. Selbst dann, wenn sie nicht durch eine Operation auch physisch das andere Geschlecht angenommen haben.
Das ist ein sehr wichtiger Punkt, denn rund 90 Prozent der Transsexuellen leiden unter Arbeitslosigkeit. Man kennt dich als Frau (oder auch Mann) und in dem Moment, wo man dem Arbeitgeber die Papiere vorlegen muss, wird klar, dass man eigentlich ein Mann (Frau) ist. Das ist oft der Punkt, an dem der Arbeitsvertrag platzt. Gerade deshalb ist es wichtig, dass man seine Identität auch in den Ausweispapieren widergespiegelt findet. Bei ‘normalen‘ Vorstellungsgesprächen ist die Sexualität des künftigen Mitarbeiters ja auch kein Einstellungskriterium“, erklärt Carla die Situation, mit der viele Transsexuelle im Alltag konfrontiert werden. Im vergangenen Jahr wurde sogar erstmalig in Spanien ein Unternehmer vor Gericht verurteilt, weil er eine Mitarbeiterin wegen ihrer Transsexualität entlassen hat. Ein Indiz dafür, dass die Gesetze zu greifen beginnen.
Tatsächlich ist die Gesetzgebung in Spanien heute vorbildlich für viele andere europäische Staaten. In Lateinamerika kämpfen die homosexuellen Vereinigungen gegen die heftige Diskriminierung in ihren Ländern und nutzen das spanische Gesetz als Maßstab. „Gesetze sind deshalb so wichtig, weil sie Rechte festlegen. Man ist dann nicht mehr auf die großzügige Toleranz der Mitmenschen angewiesen, sondern hat ein Recht, auf das man sich berufen kann. Wir sind nicht mehr aber auch nicht weniger wert als jeder andere Mensch“.
Um die Akzeptanz und Normalisierung zu fördern, müsse allerdings noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. Es gibt Transsexuelle in allen Gesellschaftsschichten, selbst bei der Guardia Civil oder beim Militär. An der Universität in La Laguna gäbe es sogar eine Professorin. „Auch sie sollte gefeuert werden, aber dank des Drucks, der durch die Berichterstattung vieler Medien entstand, sah man davon ab“, erzählt Carla. Offiziell leben in Spanien rund 7.000 bis 9.000 transsexuelle Persönlichkeiten. Zählt man die zahlreichen Immigranten hinzu, die vor allem aus Süd- und Lateinamerika kommend in Spanien die Freiheit suchen, dürfte es eine Dunkelziffer von bis zu 14.000 Transsexuellen geben.
Ich bin Ich … und … Punkt
Die nächsten Schritte, die in dem Kampf um Gleichberechtigung angestrebt werden, sind eine Normalisierung im Umgang miteinander, die Akzeptanz der Homo- und Transsexualität als weitere Facette des Menschseins sowie die Übernahme der Kosten von Geschlechtsumwandlungen durch die gesetzliche Krankenversicherung. Derzeit gibt es diese Möglichkeit nur in den Provinzen Andalusien und Aragón; in Asturien ist eine entsprechende Gesetzesänderung in Gang. Die meisten Provinzen, zu denen auch die Kanaren gehören, bieten psychologische Hilfe an, lehnen aber die Kosten für eine Operation ab. Carla Antonelli selbst weigert sich generell, preiszugeben, ob sie die Umwandlung hat vornehmen lassen oder nicht, denn dieser Intimbereich gehe die Öffentlichkeit nichts an. Außerdem sei es irrelevant, ob eine physische Veränderung tatsächlich vollzogen wurde. Es geht einfach nur darum, dass eine Person im falschen Körper geboren wurde und damit umgehen muss. Letztendlich müsse aber jeder selbst bestimmen, an welchem Punkt sein individueller Wandlungsprozess abgeschlossen sei.
Liebt Eure Kinder ohne Einschränkung
Wirklich profitieren von der derzeitigen Bewegung und Aufklärungsarbeit in der Szene werden vor allem die Kinder, die jetzt gerade geboren sind und vielleicht ohne Begrenzungen aufwachsen dürfen. Ich kann allen Eltern nur raten: „Liebt Eure Kinder, so wie sie sind! Ihr habt sie ins Leben gesetzt – jetzt brauchen sie Eure Liebe und Unterstützung. Bei mir war es so, dass ich mit etwa zehn Jahren festgestellt habe, dass ich anders bin als andere Jungen. Mit 13 oder 14 hatte ich eine Ahnung davon, was es sein könnte und mit 17 begann ich die ersten Hormone zu nehmen. Man darf nicht vergessen, dass es damals noch keine Informationen zu diesem unter Franco verpönten Thema gab“.
Carla schloss sich in Santa Cruz Künstlerkreisen an, begann eine Schauspielausbildung am Konservatorium in Santa Cruz und beschloss 1977 nach Madrid zu ziehen. „Freiheit“ war und ist das Stichwort, das sie antreibt. Sie betrachtet sich als Privilegierte, die es geschafft hat, diese Zeit der Verfolgung zu überleben.
Mehr noch, heute ist sie eine bekannte Persönlichkeit. Sie wirkte in sieben Spielfilmen und zahlreichen Serien mit. Seit 2007 spielt sie in „El sindrome de Ulises“ (Antena 3) die Rolle einer transsexuellen Barbesitzerin, die von allen akzeptiert wird und als Adoptivmutter eines blinden Mädchens einen festen Platz in dem sie umgebenden Gesellschaftsgefüge hat. Carla Antonelli betont, dass diese Rolle sowohl positive als auch heftige negative Reaktionen erzeugt hat, aber sie hofft, dass die Episoden auf dem Bildschirm zu einer Normalisierung im täglichen Miteinander beitragen. Vor allem Frauen seien meist sehr viel liberaler eingestellt als Männer, aber das liege vor allem daran, dass sie lange Zeit selbst gegen Unterdrückung und für Gleichberechtigung in einer Macho-Welt gekämpft haben und dies in vielen Bereichen noch tun.
Ihre Ruhepausen verbringt Carla am liebsten in Puerto de la Cruz. Spätestens an Weihnachten tankt sie in der Nordmetropole Kraft. „Ich liebe diese Stadt, die Aussicht aufs Meer, mich in den Sand zu legen, an der Plaza del Charco einen Kaffee zu trinken, die Fußgängerzone auf und ab zu schlendern, die Restaurants zu besuchen und die Landschaft rund um Puerto zu genießen“. Gerade deshalb freut sie sich darüber, dass sich ihre Lieblingsstadt nun gezielt mit touristischen Werbemaßnahmen auch an die Homoszene wendet und der Banner der LGTB im Rathaus von Santa Cruz gehisst wurde. Damit „outet“ sich Teneriffa als Symbol für Toleranz. Eine Insel, auf der die Werte wie Respekt und Freiheit eines jeden Einzelnen lebendig sind.
Von Sabine Virgin
Revue transsexueller Schönheit
Lili Elbe (geboren 1886) war die erste Transsexuelle, die sich bereits 1930 erfolgreich zur Frau umoperieren ließ. Sie starb während einer späteren Operation bei dem Versuch einer Eierstock-Transplantation.
Berühmte Persönlichkeiten:
Amanda Lear
Bibi Andersen
April Ashley
Eva Robin
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04.12.2008 - 















