Dr. Alfonso Chiscano – Vom Herzchirurgen zum kanarisch-amerikanischen „Brückenbauer“
Auf den Spuren der kanarischen Vergangenheit in den USADer charismatischen Person von Doktor Alfonso Chiscano ist es zu verdanken, dass die kanarische Vergangenheit der texanischen Millionenstadt San Antonio wieder ins Bewusstsein der Texaner und der kanarischen Nachfahren gerückt wurde.
„Als ich vor 31 Jahren als junger Arzt mit meiner amerikanischen Ehefrau einen Ausflug nach San Antonio machte, entdeckte ich einen Stein, der darauf hinwies, dass diese Stadt einst von kanarischen Familien gegründet wurde. Sofort entschied ich, dass dies genau der Ort war, an dem ich mit meiner Familie leben wollte.“ Seither hat der in Amerika bekannte Herzchirurg seine Leidenschaft für Geschichte vor allem auf die Wiederentdeckung der kanarischen Volksseele verwandt.
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 | | Im Gespräch mit dem sympathischen Arzt wird schnell klar, dass er sehr viel Herz hat |
| 07.08.2008 - Dabei ist der engagierte Mediziner sehr bescheiden, denn trotz seines unermüdlichen Bemühens spielt er seine Rolle eher herunter. „Ich habe gar nicht so viel dazu beigetragen und vor allem hatte ich sehr viel Unterstützung von Menschen vor Ort, aber auch seitens der Stadt und der kanarischen Regierung. Nur dank der gemeinschaftlichen Anstrengung konnten wir das Andenken an die kanarischen Gründungsväter wieder aufleben lassen.“
Ein Häuflein Canarios in der amerikanischen Weite
Im Jahr 1731 wurde San Antonio von insgesamt 15 kanarischen Familien, bestehend aus 57 Männern, Frauen und ihren Kindern, gegründet. Sieben Familien stammten aus Lanzarote, einer Insel, die damals von schweren Vulkanausbrüchen gebeutelt wurde, zwei aus Gran Canaria, drei aus Teneriffa und weitere zwei kamen aus La Palma. Im März 1730 verließen sie den Hafen von Santa Cruz an Bord des Schiffes „Nuestra Señora de la Trinidad y del Rosario“, um ihr Glück in der Neuen Welt zu suchen. Der von den Spaniern zu kolonisierende Teil des Kontinents wurde damals als die „Neuen Philippinen“ bezeichnet. Als die Familien im Juni schließlich den Hafen von Veracruz erreichten, wurden sie nach Texas weitergeschickt. Ein anstrengender, fast neun Monate dauernder Siedlertreck führte sie an ihren neuen Bestimmungsort, San Antonio de Bejar und dort ließen sie sich nieder. Ein Gründungsstein belegt den Wahrheitsgehalt dieser alten Auswanderungsgeschichte. „Am neunten März wird auch heute noch der Gründungstag gefeiert. Was damals als winzige Siedlung begann, ist mittlerweile eine pulsierende Millionen-Metropole und seit 1772 sogar die Hauptstadt von Texas. Die erste Kirche, die in Texas entstand, war San Fernando in San Antonio, die von den Siedlern, nachdem sie sich niedergelassen hatten, gleich in Angriff genommen wurde und in der eine Imitation der Virgen de Candelaria, der schwarzen Madonna, zu finden ist“, kommentiert Dr. Chiscano. „Man hat übrigens ganz bewusst Canarios ausgewählt, weil sie für ihre tüchtige Arbeitseinstellung und ihre soziale Ader im menschlichen Zusammenleben bekannt waren. Man ging davon aus, dass sie sich schnell an ihre neue Heimat anpassen würden. Die Geschichte bestätigt, dass dies eine weise Entscheidung war“, erklärt Dr. Chiscano.
Engagement für den Nachwuchs
Einsatz, Energie, Liebe zu den Menschen sowie zur Medizin haben auch den heute sehr angesehenen Arzt zu seinem persönlichen Erfolg geführt. „Meine Mutter starb, als ich erst vier Jahre alt war. An sie kann ich mich leider kaum noch erinnern. Sie hatte eine Lungenentzündung und musste zur Behandlung nach Gran Canaria gebracht werden – leider war es zu spät. Heute stirbt man daran nicht mehr, aber das Teneriffa, das ich als Kind kannte, war arm, wir litten an Hunger, es gab kaum eine ärztliche Versorgung und keine Perspektive. Mein Vater ging mit uns nach Madrid. Dort und in Barcelona durchlief ich meine medizinische Ausbildung. Später, 1963, hatte ich die Möglichkeit, in den Vereinigten Staaten an einem Forschungsprojekt teilzunehmen und auszuwandern. Ich spezialisierte mich auf Herzchirurgie. Es war ein langer und harter Weg, denn auch in den USA wurde man nicht auf Rosen gebettet.“ „Ich musste meine Frau und zwei Kinder mit 300 Dollar im Monat durchbringen. Als ich das erste Mal nach Teneriffa zurückkam, das war 1990, fand ich eine völlig andere Insel vor, als diejenige, die ich in Erinnerung hatte. Es gibt keinen Hunger mehr, die Menschen leben in modernem Komfort, die Jugend hat beste Ausbildungs- und Zukunftsperspektiven und Freizeit-Action wie überall sonst auf der Welt“, resümiert Dr. Chiscano die neue Perspektive seiner Insel. Inzwischen engagiert er sich auf besondere Art für die kanarisch-amerikanischen Freundschaftsbande, organisiert Symposien, Studenten- und Jungärzte-Austauschprogramme oder setzt sich für interessante Geschäftsverbindungen ein. Insgesamt 15 kanarische Medizin-Studenten konnten bereits davon profitieren: „Es gibt viel Potenzial in Texas. Das beste Hotel von San Antonio wird beispielsweise von einem Nachkommen kanarischer Auswanderer geführt. Darüber hinaus besteht durchaus Interesse, an der wirtschaftlichen Entwicklung Afrikas teilzunehmen und so beizutragen, dass die Immigrantenströme abebben“.
Begegnung zwischen Völkern und Kulturen
Seit 2001 existiert in San Antonio ein Büro der kanarischen Regierung und eine gemeinnützige Stiftung „Los Amigos de las Islas Canarias“, die sich um kulturellen Austausch, aber auch soziale und medizinische Belange der Menschen kümmert. Im Jahr 2002, wurde in der Universität San Antonio, USTA, die „Aula Canaria“ eingeweiht. In diesem als Amphitheater gebauten Saal finden Konferenzen, Konzerte und Ausstellungen statt. Ähnliche Aktivitäten sowie die Verköstigung mit spanischen Tapas und Wein beherbergt die Casa de España, eine weitere Organisation, mit der enge Bande gepflegt werden. Außerdem sorgte Dr. Chiscano dafür, dass die ersten 110 kanarischen Bürgermeister eine namentliche Gedenktafel in der Stadt erhielten und der zentrale Platz der Stadt nach einer Generalüberholung in „Plaza de las Islas – Mainsquare“ umbenannt wurde. „Wir möchten gerne noch ein Instituto Cervantes ins Leben rufen, um die spanische Kultur aufrecht zu erhalten und einen Austausch mit anderen zu fördern. Viele der kanarischen und spanischen Nachkommen, die heute in San Antonio leben, sprechen nicht einmal mehr Spanisch. Das ist sehr schade und deshalb bieten wir auch Spanischkurse, pflegen alte Rezepte und Tapasgerichte oder spanische Musik. Es ist nicht so, dass die Jugend sich nicht für ihre Wurzeln interessiert, vielfach hatte sie bis jetzt einfach keine Gelegenheit, sie kennen zu lernen. Über die Generationen hinweg ist vieles verloren gegangen, das wir nun neu beleben und durch einen regen kulturellen Austausch mit den Kanaren mit Leben füllen möchten. Zum 275. Geburtstag, den San Antonio 2006 gefeiert hat, haben wir eine Gruppe von Teppichkünstlern aus La Orotava eingeladen. Viele waren von den Sandteppichen, die dort vor ihren Augen entstanden, fasziniert.“ Ein weiterer Begegnungspunkt ergab sich im Juni dieses Jahres während des Folklife Festivals in San Antonio. Ein Folklorefest, das von der Universität organisiert wurde und an dem mehr als 40 Kulturgruppen und Delegationen aus 60 verschiedenen Ländern teilnahmen. Die Kanaren wurden in diesem Jahr von zwei Weberinnen aus Teneriffa und El Hierro vertreten. Die beiden Spezialistinnen führten den traditionellen Werdegang von der Wolle bis zum Faden und schließlich dem verarbeiteten Stoff vor.
Ein Ticket in die kanarische Sonne?
Die Bande zwischen den Kanaren und San Antonio in Texas war in der jüngsten Geschichte nie so eng wie derzeit und diese Bindung soll nicht nur durch die Städtebruderschaften zwischen San Antonio und den beiden kanarischen Hauptstädten Santa Cruz de Tenerife und Las Palmas de Gran Canaria gefestigt werden, sondern vor allem durch persönlichen Austausch, Tourismus und Geschäftsverbindungen. „Leider sind die Kanaren in den Vereinigten Staaten nicht sehr bekannt und werden sogar häufig mit den Balearen verwechselt. Die Reise von Texas auf den kanarischen Archipel dauert immerhin rund 24 Stunden. Auch wenn das im Vergleich zu den zwölf Monaten, die einst die Pilgerväter brauchten, gar nichts ist, ist das für eine Urlaubsreise doch ein abschreckender Zeitraum. Vor allem weil wir die mexikanischen Traumstrände gleich um die Ecke haben. Aber wir hoffen schon bald eine direkte Flugverbindung zwischen Miami und den Kanaren einrichten zu können, das würde die Reisezeit doch erheblich verkürzen und die Destination interessanter machen“, erklärt Dr. Chiscano. Dieser Mann, der mit seinem Enthusiasmus und seiner Energie bereits viele Landsleute kanarischen und nicht-kanarischen Ursprungs begeistern konnte, wurde in Las Palmas de Gran Canaria mit einer Straße geehrt, die nach ihm benannt wurde. Trotzdem gibt er sich sehr bescheiden. „Ich habe eigentlich gar nichts Besonderes gemacht, um diese Ehre zu erhalten. Aber es freut mich natürlich und ganz besonders, weil sie gleich in der Nähe des Hospitals Negrín ist“. Bedenkt man, mit wie viel Privatinitiative Dr. Chiscano in den vergangenen Jahren agiert hat und dabei mit kleinen Schritten Großes für das kanarisch-amerikanische Freundschaftsband geleistet hat, scheint die Hommage eine adäquate Anerkennung. Der Herzchirurg hat die kanarischen Herzen erobert – in diesem Fall nicht auf medizinische, sondern auf sehr emotionale Art und Weise. Von Sabine Virgin
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