Thomas Glück und seine Fiedel sind mittlerweile auf der gesamten Insel bekannt
Ein Deutscher sucht als irischer Geiger sein Glück auf La GomeraDer breiteste irische Akzent, den man auf La Gomera zu Ohren bekommt, stammt erstaunlicherweise nicht von einem irischen Auswanderer, sondern aus dem Mund eines Deutschen. Thomas Glück und seine Fiedel sind mittlerweile auf der gesamten Insel bekannt. Er und sein Kollege treten in einem Hotel im Valle Gran Rey regelmäßig als mehr oder weniger authentisches irisches Duo auf. Dort haben wir uns mit dem ungewöhnlichen Musiker getroffen.
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 | | Thomas Glück (rechts im Bild) und sein Kollege Klaus beim Proben |
| Valle Gran Rey - 19.07.2008 - Express: Wenn man Sie singen hört, würde man nicht vermuten, dass Sie Deutscher sind. Wie kommt es, dass nicht nur Ihre Musik, sondern auch Ihr Akzent absolut irisch klingen?
Thomas Glück: Ich bin in einem Vorort von München aufgewachsen. Dort gibt es eine lebendige irische Szene. Ein paar tausend Iren – vor allem Chirurgen und Computerspezialisten – treffen sich hier an den Wochenenden in den Irish Pubs von München, von denen es mehr als ein Dutzend gibt. Und es gibt auch so etwas wie irische Jam Sessions, wo jeder mitspielen kann. Ich kam bei meiner zweiten Reise auf die „Insel Emerald“ so richtig auf den Geschmack. Damals war ich 18 und als ich zurück kam, spielte ich mehr und mehr Blues, Jazz und irische Volksmusik und immer weniger klassische Musik. Dabei begann meine Karriere, wie die der meisten Geiger, damit, dass ich klassischen Unterricht auf der Violine erhielt und in Orchestern spielte.
1984 haben ich und einige Kollegen die keltische Folkloregruppe „Fairytale“ gegründet. Wir sind 17 Jahre lang in ganz Bayern aufgetreten. Der Band Leader war immer irisch oder englisch und deshalb wurde unsere Musik nach einigen Jahren immer authentischer. Ich verließ Bayern 2001 und ging nach La Gomera. Mir tat es zunächst sehr leid, nicht mehr mit all den hervorragenden Musikern aufspielen zu können. Umso mehr freute es mich, als ich feststellte, dass es jede Menge Musiker im Valle Gran Rey gab.
Express: Das Leben auf La Gomera unterscheidet sich in vielen Bereichen grundsätzlich von dem in Deutschland. Kann man denn hier von der Musik alleine leben?
Thomas Glück: Es ist schon hart, auf Teneriffa zu überleben, aber auf La Gomera ist es vermutlich doppelt so hart. Generell ist das Angebot des Arbeitsmarktes nicht sehr breit. Also muss man entweder eine geniale Geschäftsidee und das nötige Startkapital haben, um sich selbständig zu machen oder man nimmt Gelegenheitsjobs auf dem Bau, in der Gastronomie oder im Tourismus an. Ich bin eigentlich Landschaftsarchitekt von Beruf und hatte zu Hause ein Landschaftsplanungsbüro, in dem wir Gärten und andere Grünflächen geplant und angelegt haben. Hier auf La Gomera gelten die Zeugnisse aus Deutschland nichts, man muss flexibel sein, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich habe damit angefangen, geführte Wanderungen durch den Nationalpark anzubieten und hatte zwei Jahre lang meine eigene Zumería (Saftbar) mit Live-Musik im Valle Gran Rey. Zwischendurch habe ich auch auf dem Bau gearbeitet und irgendwann landete ich da, wo ich heute bin - ich arbeite als Gärtner auf einem Weinberg in Hermigua und betreue Obstplantagen in San Sebastián. Und nebenbei spiele ich Gigs und gebe auch Geigenunterricht. Ich fühle mich mit diesen unterschiedlichen Aufgaben – Gärtnerei einerseits, Musik andererseits – sehr wohl. Ich kann sagen, beides ergänzt einander perfekt und gibt mir ein angenehmes Gefühl von Zufriedenheit.
„Hier auf La Gomera gelten die Zeugnisse aus Deutschland nichts, man muss flexibel sein, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen“
Express: Wie sind Sie dazu gekommen, im Hotel irische Musik zu machen?
Thomas Glück: Mein Kollege Klaus und ich haben so wie viele andere hier im Valle Gran Rey angefangen – wir haben am Strand musiziert und irgendwann festgestellt, dass wir mit unserer Musik auch Geld verdienen könnten. Mit Klaus trete ich jetzt seit vier Jahren auf – allerdings nur gelegentlich. Wir mussten uns aneinander anpassen, da ich aus der irischen Musikszene komme und er einen Oldie-Rock-Hintergrund hat. Aber es ist uns gelungen, eine Ebene zu finden, auf der beides gleichberechtigt ist. Wir spielen auch Songs von U2, REM, den Beatles, Sting und vielen anderen. Es macht Spaß, mit Klaus zu spielen. Er ist eine Art Alleinunterhalter und schafft es, selbst die langweiligste Veranstaltung innerhalb von Minuten in eine Party zu verwandeln.
Express: Manche behaupten, Valle Gran Rey sei ein Ort der Berühmtheiten aus der Vergangenheit anziehe. Böse Zungen nennen es einen musikalischen Elefantenfriedhof. Was ist an diesen Behauptungen dran?
Thomas Glück: Der Glaube, das Valle Gran Rey beherberge viele berühmte Musiker, ist weit verbreitet. Aber in Wirklichkeit sind hier nur ganz wenige große Stars zu finden. Tim Hart von der Gruppe „Steeleye Span“ ist einer, der seit langem (1988) hier lebt, und Peter van Hooke und einige andere von „Mike and the Mechanics“ haben unlängst versucht, sich hier ein Aufnahmestudio einzurichten. Auch Stars wie die isländische Musikerin Björk haben hier schon Aufnahmen gemacht.
Björk wurde von der beeindruckenden Steilküste im Valle Gran Rey zu ihrem 2004 produzierten Song „The Pleasure is All Mine“ inspiriert. Soweit ich weiß, wurde das Aufnahmestudio, in dem Bjork produzierte, leider vor Kurzem geschlossen. Aber trotz einiger bekannter Gesichter, die dann und wann hierher kommen, sind es nicht die Stars, die dem Tal sein einzigartiges musikalisches Flair verleihen. Es gibt viele junge Talente und motivierte Musiker, die hierher kommen, um Teil einer farbenfrohen Gesellschaft zu sein, die sich jeden Abend zur Sunset-Session am Strand trifft.
Dazu gehören beispielsweise die Gruppe „Ulises“, deren Projekt Dos Guitarras (Zwei Gitarren) Jahre lang für typisch spanische Gitarrenmusik im Valle Gran Rey stand. Auch „Emma und die Blue Melocotons“ mit ihrem coolen Lou-Reed-Sound oder Diego und Manix, zwei Argentinier, die klassischen Tango mit modernem Avantgard-Sound kombinieren, sollten erwähnt werden. Und auch meine zweite Band hier auf der Insel – „Trado“ - trägt zum typischen Flair des Tals bei.
Trado macht irische Musik vom Feinsten. Erwähnenswert ist auch die Gruppe „Wisdom Weed“, die Hard- und Heavy Rock spielen. Dann wären da noch „Turn and Bliss“ und natürlich „Mona de Lisa“, eine Profimusikerin aus der Schweiz, mit ihrem atemberaubenden Bossa Nova. Sie hat den ersten Chor im Valle Gran Rey gegründet und immer mehr Residenten treten ihm bei.
Es gibt auch Gruppen aus Kuba, wie das Trio „Cuba Canaria“, Sänger aus der Dominikanischen Republik, Dudelsackspieler aus Irland, Musiker, die auf dem Didgeridoo ihr Bestes geben, und natürlich jede Menge Trommler, die hauptverantwortlich für die einmalige Stimmung am Strand bei Sonnenuntergang sind. Nicht zuletzt muss man die Musiker aus La Gomera erwähnen. Sie werden immer besser und besser und nehmen venezolanische und kubanische Einflüsse in ihre traditionellen Melodien auf.
Express: Es klingt, als wäre La Gomera das reinste Musikparadies. Werden die Musiker samt ihrer Musik denn überall akzeptiert oder gibt es auch Probleme mit Menschen, die die abendliche Musik am Strand und anderen öffentlichen Plätzen als Belästigung empfinden?
Thomas Glück: Das ist tatsächlich ein Problem. In den letzten zehn Jahren hat sich das Valle Gran Rey von einem ruhigen Ort mit wenigen Besuchern zu einer beliebten Urlaubsdestination entwickelt. Im Winter trifft man hier mittlerweile mehr Touristen als Gomeros auf den Straßen. Die Einheimischen sind über diesen Wandel nicht unglücklich. Denn viele von ihnen arbeiten im Tourismus und der Lebensstandard hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Aber man sollte bedenken, dass die Besucher nicht nur den Nationalpark Garajonay sehen wollen und dann abends gleich ins Bett gehen. Sie wollen unterhalten werden und Spaß haben. Und das haben viele Einheimische noch nicht begriffen: Ist ein Ort einmal zur Urlaubsdestination geworden, dann muss sich vieles ändern. Es kann nicht weiterhin so ruhig sein wie in Vallehermoso oder Hermigua, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen und um zehn Uhr abends die Lichter ausgehen. Offiziell ist es erlaubt, bis um 23 Uhr „parranda“ (Name der lokalen Musik-Sessions) zu machen. Allerdings ohne Verstärker. Aber stellen Sie sich einmal einen Bossa-Nova-Interpreten vor, der eine ganze Pizzeria ohne Verstärker unterhalten soll. Offiziell muss man auch jeden einzelnen Gig vom Gemeindeamt genehmigen lassen. Lokaleigentümer haben aber oft zu viel zu tun, um sich jedes Mal um eine Genehmigung zu kümmern. Ich spreche nicht von großen Konzerten, sondern Auftritten in kleinem Rahmen. Soweit ich weiß, kann die Gemeinde auch nur einzelne Veranstaltungen genehmigen. Wer regelmäßig Live-Musik haben möchte, braucht dafür eine vollständige Unterhaltungs-Lizenz. Aber das kostet Unmengen von Geld und kann Jahre dauern. Diese Situation ist ein wahrer Killer der Musikszene.
Viele Bars und Restaurants lassen uns gar nicht mehr auftreten, weil sie Angst haben, dass sie jemand anzeigen könnte. In den letzten Monaten haben Beamte der Guardia Civil viele Lokale angezeigt, weil Verstärker eingesetzt wurden – auch ohne dass sich Anrainer beschwert haben. Wir Musiker machen uns mittlerweile schon darüber lustig: Bloß nicht die Gitarre zu auffällig durch die Gegend tragen! Man könnte ja dafür bestraft werden!
Und nicht nur wir Ausländer leiden unter diesen strengen Regeln. Auch einheimische Musiker, die traditionelle Musik über Verstärker spielen, werden angezeigt. Wir sitzen alle im gleichen Boot, was wiederum in gewisser Weise ein Gefühl der Solidarität schafft.
Express: Warum leben Sie nicht auf Teneriffa, wo Sie vielleicht ausschließlich von Ihrer Musik leben könnten?
Thomas Glück: Eigentlich gäbe es einige gute Gründe für mich, auf Teneriffa zu leben. Meine achtjährige Tochter lebt da und die Musikszene ist größer als auf La Gomera. Aber ich habe nicht mein schönes Bayern verlassen, um wieder von Hektik und Stress, Autobahnen und Einkaufszentren und hässlichen Bettenburgen umgeben zu sein. Die Natur und Schönheit La Gomeras ist atemberaubend und hier zu leben, fühlt sich einfach gut an. Ich habe mich vor etwa 13 Jahren in diese Insel verliebt und diese Liebesbeziehung hat bis heute gehalten. Von Karl McLaughlin/Margot Aigner
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