 | | Uge ist die Sprecherin der Vereinigung. Sie arbeitet in einer Behörde und hatte weder mit Vorgesetzten noch mit Kolleginnen je Probleme wegen ihrer Homosexualität. Das ist aber eher eine Ausnahme, wie sie zu berichten weiß. | © www.inselteneriffa.com |
| Santa Cruz - 22.06.2008 - Ins Rampenlicht rückte der gemeinnützige Verein mit dem jüngsten Vorstoß, den er gemeinsam mit der Stadt Puerto de la Cruz wagte und der sich gezielt an homosexuelles Publikum als Urlaubsgäste richtet. Kürzlich wurde die Initiative während offener Informationstage vorgestellt und stieß dabei auf unerwartet großes Interesse. „Mittlerweile haben sich auch Verantwortliche der Städte Santa Cruz und Los Cristianos bei uns gemeldet, die ebenfalls an einer Zusammenarbeit interessiert sind. Die Idee entstand, nachdem wir immer wieder von Homosexuellen kontaktiert wurden, bevor sie nach Teneriffa in die Ferien flogen, um anzufragen, welche Hotels gay-freundlich sind und in welchen Bars oder Restaurants man verkehren kann, ohne auf Vorurteile zu stoßen. Einige Tipps hat die Organisation mittlerweile in ihre Webseite integriert. Durch die Initiative wollen wir gemeinsam direkt auf die Homoszene zugehen, mit der Botschaft ‘Hier seid ihr willkommen‘.
Wir wollen genauso verliebt sein dürfen wie alle anderen auch
David Febles, Direktor der Hotels La Paz und Xiabana in Puerto de la Cruz, fand die Idee der Vereinigung hervorragend und unterstützte sie von Beginn an. Dabei sollte man nicht dem Irrtum erliegen, dass es sich bei den genannten Hotels oder gastronomischen Einrichtungen um einschlägige Etablissements handelt, sondern lediglich um Orte, die sozusagen gay-freundlich sind. „Viele von uns verstecken sich im Alltag und wagen sich mit ihrer sexuellen Neigung noch nicht ans Tageslicht oder es ist bekannt, aber man zeigt es nicht öffentlich. Aber in den Ferien möchte man dann vielleicht doch mit Freund/Freundin Hand in Hand gehen, sich küssen oder einfach ausgelassen sein, wie alle anderen Paare eben auch. Wenn man dann ständig das Gefühl hat, anzuecken oder schief beäugt zu werden, nimmt das einen Teil der Urlaubsfreude und Spontaneität“, kommentiert Uje.
Immer noch sei das Vorurteil weit verbreitet, dass Homosexualität gleichbedeutend sei mit häufigem Partnerwechsel. „Dabei suchen die meisten von uns das, was andere auch suchen: dauerhafte Bindungen, Liebe und ein harmonisches Zusammenleben mit einem Partner“. Puerto de la Cruz wurde zur Galionsfigur, weil man dort zuerst auf offene Ohren stieß. „Puerto de la Cruz war eine der ersten Urlaubsstädte der Insel überhaupt. Seit vielen Jahrzehnten sind die Menschen in der Hafenstadt den Kontakt mit Fremden, anderen Kulturen und Ungewöhnlichem gewohnt. Deshalb sind die Einwohner vielleicht auch moderner oder liberaler eingestellt als an anderen Orten der Insel. Insgesamt gilt Spanien übrigens in der Schwulenszene als Urlaubsziel Nummer Eins – die Spanier sind eigentlich ein tolerantes Volk und dafür auch bekannt. In Puerto de la Cruz haben sich mittlerweile viele Ausländer dauerhaft niedergelassen. Darunter sind auch einige Homosexuelle, die sich hier so willkommen fühlten, dass sie geblieben sind“, erklärt die Präsidentin die Hintergründe der Stadtwahl.
Die touristische Nordmetropole hat zudem seit dem Wechsel im Bürgermeisteramt, im Mai 2007, den Tourismus zu einem Hauptanliegen erklärt. Viele Initiativen rund um das kulturelle oder sportliche Angebot wurden ins Leben gerufen und ein neues Image soll kreiert werden, das vermehrt Urlaubsgäste anziehen soll. Warum also nicht auch die Schwulenszene? „Puerto de la Cruz hat die Möglichkeit, sich auf internationaler Ebene als moderne und weltoffene Stadt zu präsentieren. Eine Stadt voller Kultur, Abwechslung und Toleranz. Außerdem bietet sie alles, was die meisten von uns suchen, wenn wir in den Urlaub fahren: Sonne, Strand, Berge, nette Hotels, Bars und Restaurants mit Ambiente, Wellnesseinrichtungen und Saunas. Auf unserer Webseite wundern wir uns immer wieder, wie viele Besucher wir haben. Es sind rund 1.900 Menschen, die sich pro Monat bei uns einklicken und erstaunlicherweise kommen sie aus der ganzen Welt. Selbst aus Japan hatten wir schon Web-Besucher“.
Mittlerweile gibt es sogar Reiseveranstalter oder Kreuzfahrtschiffe, die ausschließlich den homosexuellen Markt bedienen und mit denen man in Zukunft verstärkt zusammenarbeiten möchte.
Tatsächlich sind Homosexuelle auch oft ein finanzkräftiges Publikum, denn nachdem viele in guten Positionen beschäftigt sind und keine familiären Verpflichtungen haben, steht ihnen häufig ein großzügiges Budget für Freizeitzwecke zur Verfügung. Auch in dieser Branchennische geht es aber nicht um Ghettoisierung, sondern der Grundgedanke ist, dass sich diese Singles oder Paare unter Gleichgesinnten, wo sie nicht mit Vorurteilen konfrontiert werden, einfach freier fühlen und sich ganz auf den Genuss ihrer Urlaubstage konzentrieren können. „Viele glauben, nachdem wir (die Homosexuellen) ja nun sogar heiraten dürfen, gibt es keine gesellschaftlichen Probleme mehr und wir hätten nichts zu tun. Das ist aber ein Trugschluss, denn zwischen der Rechtslage und der Realität im Alltag besteht eben doch noch ein Unterschied. Wir leisten viel Aufklärungsarbeit, auch in Schulen, organisieren Informationsabende und bieten in unseren Räumlichkeiten die Möglichkeit, sich zwanglos zu treffen oder kennen zu lernen. Manchmal sind wir auch Notanker für Menschen, die sich geoutet haben und dann plötzlich von der Familie verstoßen werden. Einige verlieren über Nacht den Boden unter den Füßen und alle familiären Bindungen, die sie ein Leben lang begleitet haben, werden aufgelöst. Wir sind dann ein Auffanglager, um den Sturz ins Nichts aufzuhalten und diesen Menschen durch eine Gemeinschaft Rückhalt zu geben“.
In der Organisation befinden sich Psychologen, die gerne mit Rat und Tat zur Seite stehen. Auch Gesundheits-, Rechts- oder Alltagsprobleme versucht man zu lösen. Noch immer gibt es tätliche Übergriffe und verbale Angriffe oder Diskriminierung am Arbeitsplatz, wenn die Homosexualität bekannt ist.
Auf dem Programm stehen zudem gemeinsame Freizeitaktivitäten oder die Organisation von Veranstaltungen. Dazu gehören zum Beispiel eine Autokarawane, die im Oktober hupend über La Gomera fahren wird, um für die Rechte der Homosexuellen und ihre Stellung in der Gesellschaft einzustehen. Am 28. Juni wird in Santa Cruz der „Día de Orgullo“ mit zahlreichen Aktivitäten gefeiert. Einzelheiten finden sich auf der Webseite www.algarabiatfe.org.
Bei den nächsten Veranstaltungen geht es um Kinotage, die vom 12. bis 15. Juni im ehemaligen Kloster Santo Domingo, direkt neben dem Rathaus in Puerto de la Cruz, stattfinden. Dort werden von Donnerstag bis Sonntag, jeweils um 20 Uhr, Kurz- und Spielfilme mit der Thematik Homosexualität gezeigt. Wenn möglich werden auch deutsche oder englische Untertitel eingeblendet. Am Donnerstag, dem 12. Juni ist Kurzfilmtag, der sich vor allem mit lesbischen Frauen beschäftigt und am Freitag, dem 13. Juni werden zu dem Thema ein Kurzfilm sowie der Spielfilm „Riparo“ gezeigt. Am Samstag, dem 14. Juni beginnt um 20 Uhr der Spielfilm „Media hora más contigo“ und um 23 Uhr der Film „Los testigos“, der sich mehr mit männlicher Homosexualität beschäftigt. Am Sonntag, dem 15. Juni kann man den ebenfalls männlich orientierten Kurzfilm „Tormenta de verano“(Sommersturm) sehen.
Alle Veranstaltungen sind gratis und offen für jedermann/frau, die sich für die Filme interessieren und keine Berührungsängste haben. „Wir wollen keine Exklusivität, sondern dass sich die Menschen untereinander mischen, ganz unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung. Wir hoffen auf eine Gesellschaft, in der jeder seine Persönlichkeit und Neigung frei entwickeln kann und dadurch interessante, liberale Begegnungen, einfach zwischenmenschliche Beziehungen, entstehen“, lautet das Fazit von Uje, die damit gleichzeitig die Philosophie des Vereins beschreibt. Wer Interesse hat, mit Algarabia Kontakt aufzunehmen, kann dies über die Webseite www.algarabiatfe.org tun oder einfach bei einem Treffen in Santa Cruz vorbeischauen. Treffpunkt ist jeden Freitag ab 20 Uhr in der Calle Santa Clara 1, erster Stock, in der Nähe des Parque Bulevar in der Innenstadt von Santa Cruz. Von Sabine Virgin
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