 | | Dr. Emilio Cuevas Agulló ist kein Mensch, der zu Übertreibungen und Panikmache neigt, aber er ist der Meinung, es sei allerhöchste Zeit zum Umdenken. |
| 04.05.2008 - Man darf nicht den Fehler begehen, zu glauben, vieles sei sehr weit entfernt, denn in dieser zentralen Frage ist die ganze Welt rund um den Globus miteinander verwoben. Was an einem Ende der Erde geschieht, hat Auswirkungen auf ganz andere Teile der Welt“.
Im Gespräch mit Dr. Emilio Cuevas Agulló, Direktor des staatlichen meteorologischen Instituts AEMet und Direktor der atmosphärischen Forschungsstation Izaña
Nicht nur die Kanaren bekommen den Wandel zu spüren, sondern überall bahnen sich mehr oder weniger heftige Veränderungen an. „Unsere Spekulationen der letzten Jahrzehnte haben sich sogar als zu verhalten herausgestellt. Tatsächlich ist die Arktis mittlerweile so stark geschmolzen, dass sie bereits an einem Punkt ist, den wir erst in rund 25 Jahren erwartet haben“. Das süße Tauwasser ist leichter als normales Meerwasser, wodurch es sich zunächst mehr an der Wasseroberfläche bewegt und dort auch schneller aufwärmt. Das führt zu einem noch schnelleren Abschmelzen, Veränderungen in den Meeresströmungen, Entstehung von Tropenstürmen und dem Ausbleiben der Passatwinde. Die Kanaren speziell müssen sich auf heftige Unwetter im Winter und tropische Stürme im Sommer einstellen. Insgesamt wird erwartet, dass sich die Lufttemperatur im Vergleich zu den 60er Jahren bis 2020 um bis zu 2,5 Grad und die des Wassers um mehr als ein halbes Grad erhöht.
Eis schmilzt schneller als gedacht
Schon jetzt liegen die Durchschnittstemperaturen der Luft ein halbes Grad höher und bis 2011 dürfte der Anstieg bei rund einem Grad liegen. „Das klingt zunächst wenig, aber verglichen mit dem
menschlichen Körper bedeutet es, dass sich die Erde in einem Zustand des Dauerfiebers befindet. Und natürlich wird diese Tatsache Auswirkungen haben. Trotzdem können wir uns auf den Kanaren noch glücklich schätzen, denn die Konsequenzen werden weniger heftig zu spüren sein als zum Beispiel auf dem Festland. Vor allem die Kontinentalgebiete in Eu-ropa, die nicht an den Küsten gelegen sind, müssen sich auf große Hitzewellen einstellen. In kalten Zonen hingegen wird man sich sogar über die Erwärmung freuen“, erklärt Cuevas laienfreundlich. Den Berechnungen der Forscher zufolge kann man mittelfristig betrachtet in Sibirien, Nordkanada oder Grönland Ackerbau betreiben.
Wenn die heißen Winde wehen….
Die Veränderungen, die sich zunächst schleichend bemerkbar machten, beschleunigten sich in den letzten Jahren zusehends. „Etwa seit den 80er Jahren stellen wir auf den Kanaren ein Zunehmen der Hitzewellen und Unwetter fest. Kam es beispielsweise vor den 80ern etwa alle zwei bis drei Jahre zu extremen Temperaturen oder besonders heftigen Niederschlägen, so kann man heutzutage fast jährlich mit mindestens einer Extrem-Wetterlage rechnen. Ein weiteres Indiz sind die so genannten tropischen Nächte, deren Zahl auf mehr als 150 pro Jahr angestiegen ist“. Unter tropischen Nächten versteht der Fachmann die Nächte, in denen die Temperaturen an der Küste um fünf Uhr in der Früh noch immer 20 Grad nicht unterschreiten. Wenn der Volksmund beschwichtigend sagt, solche Extreme habe es schon immer gegeben, hat er gewissermaßen Recht, allerdings und hier kommt das Aber, nicht so oft. Die Kanaren sind von einer kalten Meeresströmung umgeben, was sie zunächst vor der Entstehung tropischer Stürme, die sich bei rund 26,5 Grad Wassertemperatur bilden, schützt. Dass diese Tatsache allein kein Garant dafür ist, dass der Archipel vor diesen zerstörerischen Winden verschont wird, hat der Delta-Sturm im Jahr 2005 bewiesen. „Es kommen eben auch andere Faktoren hinzu, wie Windrichtungen, Luftfeuchtigkeit und -temperaturen und unter besonders widrigen Umständen kann sich dann ein ‘Delta‘ auch auf den Kanaren zusammenbrauen“. Dieser warme Sturm hat damals großen Schaden angerichtet und eine Stärke von rund 160 Stundenkilometern, in den Bergen sogar bis zu 250 Stundenkilometer, erreicht. „Wir können solche Winde zwar vorhersagen und Warnungen herausgeben, was wir allerdings nicht wissen, ist, wo genau er auf die Insel trifft und wie er sich dann verhält. Gebirgszüge beispielsweise beschleunigen den Sturm, der dann quasi bergab weht und dabei noch einmal gehörig zulegt. Deshalb sind Lanzarote und Fuerteventura durch die flache Hügellandschaft am wenigsten von solchen Phänomenen bedroht“.
Kanaren kommen noch glimpflich davon.
Ein weiterer Faktor, der das Wetter bestimmt, sind die Niederschläge. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden sie in Form von heftigen Regengüssen fallen oder abnehmen. Für viele Gebiete, die jetzt schon unter Dürreperioden leiden, wie der gesamte südeuropäische Raum, spitzt sich die Situation demzufolge in den nächsten Jahren noch zu. „Für viele Regionen werden Entsalzungsanlagen die einzige Möglichkeit sein, den Wasserbedarf zu decken. Auch in diesem Punkt können sich die Kanaren glücklich schätzen. Sie haben durch die Nebelwälder ein großes Potenzial zur Verfügung, das sie ausschöpfen können. Die kanarische Pinie macht es den Menschen sozusagen vor. Sie deckt ihren Wasserbedarf weitestgehend durch die Feuchtigkeit, die sich in den Nebelwolken an ihren Nadeln absetzt und dann zu Boden rieselt. Die Technik, die als Wolkenmelkmaschinen belächelt wird, birgt ein enormes Zukunftspotenzial, um die Trinkwasserversorgung auf der Insel sicher zu stellen“. Frei nach dem Motto „Machen wir‘s den Wolken nach“, dürfte zumindest diese klimatologische Veränderung den bergigen Inseln des Archipels weniger Bedenken bereiten.
Die Frage, die sich viele stellen, lautet, was tun? Sollen wir uns geradewegs und durchaus sehenden Auges in den großen Klimawandel stürzen und der Dinge harren, die da auf uns zukommen? „Entscheidend ist, was wir in den nächsten Jahren tun und wie schnell Politik, Wirtschaft und Wissenschaft endlich Hand in Hand arbeiten und zwar auf internationaler Ebene“, erklärt der Meteorologe, der betont, dass die Forschung alle Daten zur Verfügung stellt, die zum sinnvollen Handeln nötig sind. „Was wir in den letzten Jahren an CO2 und NO2 in die Atmosphäre geschickt haben, können wir nicht mehr aufhalten und die Auswirkungen werden in etwa 30 bis 40 Jahren auf uns zukommen. Aber jetzt stehen wir an einem Scheidepunkt, der unbedingten Wandel erfordert. Weniger Autos, die zu einem Viertel für den Kohlendioxidausstoß verantwortlich sind, dafür mehr Hybridmotoren und öffentliche Verkehrsmittel. Vor allem ist ein globales Bewusstsein für globale Veränderungen nötig“.
Gerade an diesem Punkt scheiden sich aber viele Geister. Sowohl die Weltmacht USA als auch China, das als aufstrebende Industrienation entscheidend zur Umweltbelastung beiträgt, zeigen sich nach wie vor uneinsichtig. In Wissenschaftskreisen ist sogar bekannt, dass unter der Regierung Bush unliebsame Forscher, die zu laut und fordernd Einhalt gebieten, kurzerhand entlassen und dadurch mundtot gemacht werden. „In den Großstädten Asiens, wie Peking, Tokio oder Shanghai ist die Luft so stark kontaminiert, dass eine ungeheuer große Anzahl an Menschen unter chronischen Erkrankungen leidet und die Lebenserwartung in beängstigendem Maße sinkt. Tatsächlich wurden schon Stimmen laut, die die Olympischen Spiele in Peking aufgrund der Luftbelastung in Frage stellen. Hochleistungssport und eine ausreichende Sauerstoffversorgung gehören nun mal zusammen“, gibt Cuevas zu Bedenken. Hinzu kommt, dass die Luft in Peking häufig von feinen Sandkörnern aus der mongolischen Wüste Gobi angereichert ist und diese Staubpartikel verbinden sich wiederum mit giftigen Luftbestandteilen.
„Sport ist Mord“ ist zwar übertrieben dargestellt, hat aber unter diesen Aspekten vielleicht doch einen wahren Kern. Wichtig für die Zukunft, und damit ist in diesem Falle wirklich die Zukunft aller Völker gemeint, ist ein entschiedenes Handeln, das schnell, unbürokratisch und innovativ an die Rettung des Weltklimas herangeht. In Spanien hat man das meteorologische Institut nun auch nicht mehr dem Umweltamt untergeordnet, sondern einem neuen Ministerium für Wissenschaft und Innovation unterstellt. Tatsache scheint, dass es keine Zeit mehr an runden Tischen zu verlieren gilt, denn lange Diskussionen vergeuden wertvolle Zeit, die wir im Grunde nicht mehr haben. Vor allem ist es ein Zeitpunkt, an dem bewiesen werden kann, dass Globalisierung nicht nur ein Schlagwort ist, das viele negative Assoziationen hervorruft, sondern in diesem Falle zum Wohle der gesamten Menschheit positiv eingesetzt werden kann. Die Devise für alle Entscheidungsträger kann nur lauten: Es ist allerhöchste Zeit zum Handeln! Von Sabine Virgin
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