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Im Gespräch mit Regisseur Lucas Fernández

Oscar-reife Leistung eines Canarios

Am 19. Februar feierte Lucas Fernández Kinofilm „Òscar. Una pasíon surrealista“ Pre­miere im Yelmo Kino in Santa Cruz, seit 22. Februar wird der Film des kanarischen Regisseurs Spanien weit in den Kinos gezeigt. Eine eng­lische Version mit dem Titel „Oscar, The colour of destiny“ wird demnächst in den USA, Kanada und im Oktober auch in Großbritannien und Irland in die Kinos kommen.


Tacoronte - 10.03.2008 - Lucas Fernández wurde 1969 in Mesa del Mar, Tacoronte, geboren. „Kino“ beschreibt er selbst als die „größte Leidenschaft sei­nes Lebens“. Seit dem Alter von zehn ging er regelmäßig in Filmvorstellungen. Mit 14 begann er bereits zu arbeiten – was nur möglich war, weil er das Alter auf seinem Bewer­bungsbogen gefälscht hatte. Er wurde zunächst zum Jour­nalisten ausgebildet und als solcher arbeitete er auf den Kanaren und in Madrid. Als er 20 war, ging er nach New York, um „Audiovisuelle Kommuni­kation und Regie“ am Barnard College der Columbia Univer­sity zu studieren. Fernandez´ Englisch-Kenntnisse waren damals so mangelhaft, dass er Prüfungsbögen nur auf Spa­nisch ausfüllen konnte. „Man konnte sich aussuchen, ob man die Tests auf Englisch, Japa­nisch oder Italienisch machen wollte“ erinnert er sich „die Lehrer korrigierten auf Italie­nisch und so schaffte ich es irgendwie, durchzukommen.“

Von den Kanaren in die USA

Nach Abschluss seines Stu­diums kehrte Lucas Fernández nach Spanien zurück, wo er als Radio- und Fernseh-Jour­nalist arbeitete. Dann zog es ihn noch einmal ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten und er nahm eine Stelle bei Univision, dem größten spa­nisch-sprachigem Sender in den USA, an. 1998 ging er zurück auf die Kanaren und half mit, das regionale kana­rische Fernsehen aufzubauen. Bald kam es zu Auseinader­setzungen zwischen Fernández und der regionalen Regierung, die politischen Einfluss auf das Fernsehen nehmen wollte und so kündigte er 2002. „Meine Vorstellungen von den Leis­tungen öffentlich-rechtlichen Fernsehens widersprachen den Ideen der Regierung. Also habe ich mich dazu entschlossen, zu gehen.“ Noch einmal ging es in die USA. Dieses Mal nach Miami, wo er weiter als Fern­seh-Journalist arbeitete und noch heute lebt. Zuhause ist er aber auch in Spanien nach wie vor – wobei er sich weniger auf den Kanaren als vielmehr im zentraleren und urbaneren Madrid aufhält.

Der Film – eine Biographie

Lucas Fernandez´ Film „Óscar. Una pasíon surre­alista“ ist ein Portrait des Malers Óscar Domínguez, einem Zeitgenossen und per­sönlichen Freundes Picassos. Er wird oft als französischer Künstler bezeichnet, obwohl er eigentlich Spanier, genauer Canario, war, der als junger Mann nach Frankreich auswan­derte. Wie man heute weiß, litt der talentierte Maler an der Elefanten-Krankheit, die zur Deformierung und abso­luten Entstellung des Körpers führt. Daraus erklärt sich heute vielleicht der Selbstmord des Künstlers, der nach seinem Tod in der Szene kaum mehr Beachtung fand. Fernández erzählt in seinem Film sehr einfühlsam, wie der Künstler gelebt hat. Er rekonstruiert den verrückten Lebensstil Domín­guez´ vor und nach der Zeit des Zweiten Weltkriegs und beschreibt, wie dieser sich auf­grund seiner Krankheit immer mehr als Monster sieht und seinem Dasein schließlich ein Ende setzt.

Lucas Fernandez hat bei der Verfilmung von Domínguez´ Leben nicht nur Regie geführt, sondern war auch Co-Autor des Drehbuchs. „90 Prozent des Film entsprechen Fakten“, wobei eine der außergewöhn­lichsten Szenen, die sich in einem Irrenhaus abspielt, gänzlich erfunden wurde. „Sie wurde von einem Ereig­nis in meinem eigenen Leben inspiriert...als Protest habe ich als Junge einmal Schulbänke an den Balfon geschraubt, in der Schule in Tacoronte, wäh­rend die anderen im Turnsaal waren. Damit habe ich mir eine deftige Strafe eingehandelt“ grinst er hämisch.

„Nichts in diesem Film ist so, wie es zunächst scheint. Und selbst, wenn man nicht gut Spanisch spricht, kann man der Handlung folgen – alles ist sehr visuell dargestellt. Es ist ein Film, der Emotionen übertagen soll. Jeder von uns hat ein Ablaufdatum und der Tod wird in meinem Film neu betrachtet. Manchmal kann der Tod auch eine Erlösung sein.“ Der Film betont die Bedeutung Domínguez´ am Surrealismus und zeigt ihn als einen Mit­begründer dieser Stilrichtung der Kunst. Ein Grund, warum in Auktionshäusern weltweit jetzt erstmals Spitzenpreise für Werke des Künstlers erzielt werden.

Drehorte und Highlights

Gedreht wurde nicht nur in den Weltstädten Madrid, Paris, Prag und Sofía, sondern auch auf Teneriffa. La Laguna, La Orotvava, San Juan de la Rambla, Garachico und Masca wurden zu Schauplätzen der Dreharbeiten. In Garachico und Masca hatte die Film-Crew Probleme, das Equipment an den Drehort zu bringen. Schau­spieler, Kamera- und Tonleute mussten durch private Bana­nenplantagen und über unweg­sames Gelände im Tenoge­birge. „Es hat länger gedauert, dahin zu kommen, als zu dre­hen.“ Insgesamt 2.750 Schau­spieler und Statisten waren am Dreh beteiligt.

Am Drehort Prag wurde der Einmarsch der deutschen Arme in Paris nachgestellt und die lokalen Behörden muss­ten die Bevölkerung durch die Medien davon informieren, um eine eventuelle Massenpanik angesichts der scheinbaren Invasion eines fremden Hee­res zu verhindern. Immerhin marschierten hunderte Akteure in Nazi-Uniformen im Stech­schritt in die Stadt ein.   

Im Nachspann des Films läuft an der Seite ein Strei­fen in schwarz-weiß mit. Dabei handelt es sich um Original­aufnahmen von Alain Resnais, die den Künstler Óscar Domín­guez etwa drei Wochen vor sei­nem Selbstmord zeigen. Der Filmstreifen war eigentlich als Anfang einer Dokumentation gedacht – die aber nie fertig gestellt wurde.

Die Hauptrolle in Fernán­dez Film ist von Joaquim de Almeida besetzt und der Regisseur betont, dass er den Schauspieler stets im Hinter­kopf hatte, während er am Drehbuch arbeitete. „Joa­quim de Almeida musste für die Rolle lernen, mit Pinsel und (Öl)farbe umzugehen, und sich außerdem einen kana­rischen Akzent beim Spre­chen aneignen.“ Obwohl der Film vom Leben eines kana­rischen Künstlers handelt und von einem kanarischen Regis­seur in Szene gesetzt wurde, will Fernández „Óscar. Una pasíon surrealista“ nicht als kanarischen Film verstanden haben. „Er ist eine internati­onale Produktion, mit interna­tionalen Ansprüchen, interna­tionalen Schauspielern und einer Film-Crew mit interna­tionaler Erfahrung – manche von ihnen wurden schon mit dem Goya (spanischer Film-Preis) ausgezeichnet, andere waren sogar für einen Oscar (die Trophäe) nomminiert.“ Finanziert wurde die Produk­tion von einem Unterneh­men, das Fernández Arbeit bereits aus der Fersehproduk­tion kannte – der „American Media-Turner Productions“. Und auch der französische Pro­duzent Destiny Films sowie das spanische Nationalfernsehen trugen einen Teil der Produk­tionskosten mit.

Lucas Fernández zweifelt nicht daran, dass sein Film für den „Goya 2008“ nomi­niert wird. „Almeida, Victoria April und viele andere Schau­spieler haben ganz großartig gespielt. Die Kulissen sind sehr eindrucksvoll; Art Direc­tor Carlos Bodelón war auch an der Produktion von ‘Gla­diator‘ beteiligt. Das Makeup und die Masken waren sehr treffend gewählt und für die Filmmusik ist ein Orchster aus 70 Profi-Musikern und ein 50-köpfigen Chor verantwortlich. Ich weiß nicht genau, wie die Preisverleihung in Spanien abläuft, aber unser Film hat eigentlich die besten Voraus­setzungen, um ausgezeichnet zu werden.“ Dabei gibt Fernán­dez zu, gar nicht so heiß auf besagten Goya zu sein. „Das ist nicht mein vorrangiges Ziel“. Obwohl sich eine der­artige Auszeichung definitv positiv auf den mit dem Film generierten Umsatz auswirken würde, eine Tatsache, um die Fernández sehr wohl Bescheid weiß. „Einen Goya zu bekom­men bedeutet aber nicht, automatisch mehr Aufträge zu kriegen.“ Filmproduzent Media-Turner ist von Fernán­dez Arbeit und dessen Ender­gebnis schon jetzt so begeis­tert, dass er ihn bereits für die Realisierung eines neuen Projekts unter Vertrag genom­men hat. Wieder soll es um die Biographie eines berühmten Malers gehen. Eine gute Nach­richt für alle, die spanisches Kino mögen.
Von Sheila Collis/Margot Aigner



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