Im Gespräch mit Lü Jia, Dirigent des Sinfonie-Orchesters von Teneriffa
„Musik kann man nicht erklären - man muss sie fühlen"Der aus Shanghai stammende Dirigent Lü Jia (den man als „Lu-cha“ ausspricht, obwohl jeder Zusammenhang mit der gleichnamigen lokalen Kampfsportart rein zufällig ist) wurde für die Konzertsaison 2008/2009 mit der musikalischen Leitung des Sinfonie-Orchesters von Teneriffa (kurz OST) beauftragt. Mit nur 43 Jahren hat er bereits eine eindrucksvolle, internationale Laufbahn hinter sich. Und dabei ist Lü Jia nach eigenen Angaben noch längst nicht am Höhepunkt seiner Karriere angelangt. Er hat noch Großes vor...
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 | | Lü Ji ist Dirigent mit Leib und Seele |
| Santa Cruz - 10.02.2008 - Lü Jias kommt aus einer musikalischen Familie. Sein Vater war Chor-Leiter, seine Mutter Sängerin. Als Jia zehn war, zog die Familie nach Peking. Ab 1983 studierte der begabte Lü Jias am Konservatorium, wo er die Fächer Komposition und Klavier belegte. Als wichtigstes Erlebnis seiner musikalischen Karriere betrachtet er heute das Gastspiel der Berliner Philharmoniker in China. „Zum ersten Mal hörte ich Beethovens Fünfte und Brahms Erste. Es war ein ungeheures Erlebnis für mich. Jetzt wusste ich, wie sich ein richtiges Orchester anhört.“ Zu Jias Studienzeiten beschränkte sich das musikalische Repertoire auf (chinesische) Revolutionsmusik, und so wurde er nur langsam und mit der Unterstützung seiner Eltern in die Welt der großen Meister der Klassik eingeführt. „Zu Hause habe ich oft westliche Musik auf dem Klavier gespielt, aber nur leise, damit es ja die Nachbarn nicht hörten.“
Lü Jia absolvierte sein Musikstudium in Peking in einer Rekordzeit von nur drei einhalb Jahren. Dann beschloss er, nach Europa zu gehen, um sein Können weiter zu steigern und sein Wissen zu erweitern. Dies war damals gar nicht so einfach – es dauerte acht Monate, bis er alle Papiere hatte, die er brauchte, um sein Ziel, Deutschland, anzusteuern. Per Zug ging es dann von Peking durch die Mongolai und Sibirien via Moskau und Warschau nach Berlin. „Ich wusste nicht, was auf mich zukam und hatte nichts dabei außer meinen Noten, ein paar Klamotten und 300 Dollar.“
In Berlin kam er mit den 300 Dollar nicht allzu weit, er musste sich zunächst nach einem Quartier umschauen. „Die ersten fünf Nächte schlief ich in der U-Bahn, mit all den Betrunkenen und Junkies“. Als nächstes begab er sich auf Jobsuche und wurde auch fündig. Er arbeitete ab sofort täglich zwölf Stunden als Kellner, ging dann nach Hause, um zu üben, schlief drei Stunden und ging vormittags an das Berliner Musikinstitut.
Sein damaliger Lehrer lobte ihn für sein „technisches Geschick“, empfahl ihm aber, den Berliner Philharmonikern beim Proben zuzuhören, um ein Gefühl für Orchesterarbeit zu bekommen. „Für mich sind die Berliner Philharmoniker das beste Orchester der Welt – sie sind einfach fantastisch.“ „Mein Weg war hart, aber auch schön“ erinnert sich Lü Jia an seine Anfangsjahre in Europa. „Es waren eine wichtige Erfahrung. Heute gibt es nichts mehr, das ich fürchte.“
1990 beschloss Lü Jia, sich für den Pedrotti Wettbewerb in Trento (Italien) einzuschreiben. Zunächst kam er auf eine Warteliste, als einige Mitbewerber ausfielen, wurde er schließlich wenige Tage vor Beginn des Wettbewerbs eingeladen, daran teilzunehmen. Also buchte er einen Flug nach Venedig und nahm ein Taxi zum Bahnhof, um dort weiter nach Trento zu reisen. „Als ich auf dem Bahnhof ankam, war ich zu spät. Deprimiert ging ich in ein Café, bevor ich den Rückweg antreten wollte. Und als ich völlig am Boden zerstört in meinem Kaffee rührte, hörte ich plötzlich die Durchsage von der Verspätung meines Zuges und erwischte ihn so gerade noch in letzter Minute.“ Lü Jia schaffte es rechtzeitig zum Wettbewerb und gewann ihn.
Der nächste Schritt seiner Karriere führte ihn nach Triest, wo er im Teatro Verdi dirigierte. Es ging weiter zu renommierten Konzerthäusern in Bologna, Genoa, Rom, Neapel, Verona und Mailand. 1991 wurde er im Alter von nur 26 Jahren zum musikalischen Leiter des Teatro Verdi in Triest bestellt. Dort blieb er bis 1995. „Ich war 26 und sprach kein Italienisch. Es war unglaublich, sie hatten die Stelle noch nie zuvor jemanden angeboten, der keine Opern-Erfahrung hatte...ich konnte also die Sprache nicht und kannte die Traditionen nicht, aber ich war Leiter des Orchesters und ich muss sagen, dass ich dadurch schnell Italienisch gelernt habe.“
Lü Jia hatte eine „sinfonische“ Ausbildung genossen, dennoch verliebte er sich schnell in das ihm neue Terrain der Oper. „Ich mag Puccinis Realismus, aber ich liebe auch Verdi. Und Strauss' Opern mag ich sehr, sehr gern. Auch Mozart macht mir Spaß – mit ihm ist es, wie mit Shakespeare. Er ist ein Mensch. Ein unglaubliches Genie, aber ein Freund, mit dem man einfach Spaß hat.“
Wir wollten von Jia wissen, wie er als Dirigent den Klang des Orchesters bzw. des Werkes beeinflussen kann. Er habe das Gefühl, als würde er die Musiker seine Empfindung für ein Werk „lehren“, erklärt er. „Ich habe eine eigene, grobe Vorstellung davon, wie etwas klingen soll und dann lasse ich mich davon leiten. Für mich ist ein Dirigent nicht nur ein Lehrer, sondern auch ein Künstler; er muss Leidenschaft und Gefühle über das Orchester an das Publikum vermitteln. In dem Moment ist der der Boss, der König, der alles machen kann, was er will. Das Orchester muss alles tun, was er von ihm verlangt.“
„Für mich sind die Berliner Philharmoniker das beste Orchester der Welt – sie sind einfach fantastisch.“
„Musik lässt sich schwer durch Worte darstellen. Ihre Magie ist nicht beschreibbar. Aber wenn man das Werk gut interpretiert und dirigiert, dann spürt das Publikum diese Magie – es fühlt den Unterschied. Und das reicht mir. Vielleicht ist die Reaktion jedes Zuhörers unterschiedlich, aber wichtig ist, dass sie auf die Musik reagieren und dass sie von ihr berührt werden.“
Wenn es um die Interpretation der großen Meisterwerke geht, die schon tausend mal auf Bühnen aufgeführt und auf CDs und Schallplatten eingespielt wurden, ist es bestimmt schwierig für einen Dirigenten, noch etwas Eigenes, etwas Besonderes daraus zu machen und eine persönliche Note hineinzubringen. „Jedes Konzert, jede Aufführung ist einzigartig. Ich als Dirigent tue das, was ich fühle. Ich will mich nicht mit anderen vergleichen. Andere dirigieren so, wie sie sich fühlen und ich so, wie ich mich fühle. Und das macht den entscheidenden Unterschied aus. Ich kann das gleiche Konzert zweimal dirigieren und doch wird es beide Male anders klingen. Im Orchester wird der Klang so vieler Instrumente vereint und es entstehen immer wieder neue Klangfarben. Ich male mittels all der Musiker mit all den Instrumenten ein Klanggemälde. Wie das funktioniert, ist schwer zu erklären. Es ist wie eine Droge, ein spirituelles Hoch. Wir werden nackt geboren und werden nackt sterben, was zählt ist, wie wir unser Leben leben. Ich liebe Musik leidenschaftlich und innig. Und live vor einem Publikum Musik zu machen, ist einfach ein erhebendes Gefühl. Auch für die Zuhörer – warum, sollten sie sonst Konzertticket kaufen? Sie könnten es sich sonst eben so gut zu Hause auf CD anhören.“
1993 wurde Lü Jia der musikalische Leiter des Orchesters Regionale in der Toskana – eine Stelle, die er bis 1999 besetzte. Dann übernahm er (bis 2005) die Leitung des schwedischen Orchesters in Norrköping, das ihn unbedingt haben wollte. 2001 übernahm er zusätzlich die musikalische Leitung des Orchesters Regionale von Lazio in Rom. Der begnadete Dirigent dirigierte viele der besten Orchester Europas in den letzten zehn Jahren. So beehrte er als Gastdirigent unter anderem das philharmonische Royal Liverpool Orchester, die Oslo Philharmoniker, die Bamberger Sinfoniker und das Orchestre National de Lyon. In den Jahren zuvor hatte er auch das Chicago Sinfonieorchester (1995) und das Orchester von Melbourne (1996) dirigiert.
„Das Orchester von Teneriffa ist im Moment etwa unter den Top 20 in Europa, ich hätte es aber gern unter den Top 10.“
Auch in China hat Lü Jia immer wieder Aufführungen dirigiert, wobei die spektakulärste Veranstaltung wohl 2006 stattgefunden hat. „Der Bürgermeister von Shanghai lud alle chinesischen Musiker ein, zurück nach Shanghai zu kommen, und dort gemeinsam eine Reihe von Konzerten zu geben.“ Fast 180 Musiker waren der Einladung gefolgt, darunter einige der bekanntesten Solisten, Sänger und Konzertmeister des Chicago Sinfonieorchesters, der Berliner Philharmoniker und anderer Weltklasse-Orchester. Auch der weltberühmte Pianist Lang Lang, von dem es oft heißt, er sei der beste seiner Generation, war gekommen. „Das Programm war verrückt...wir hatten vor, ein einhalb Programme aufzuführen, dann wurden wir gebeten, mehr zu machen und so haben wir drei einhalb abendfüllende Programme vorbereitet. Und für die Proben dazu hatten wir nur drei Tage Zeit. So was würde es sonst nirgend wo auf der Welt geben. Kein Orchester der Welt würde das machen. Aber wir kannten einander schon seit 20 Jahren und hatten uns seit unserer Studienzeit nicht mehr gesehen. Wir waren alle so aufgeregt, auch wenn es stressig war und harte Arbeit bedeutete. Aber es machte Spaß und wir blieben alle bis 3, 4, 5 Uhr morgens, aßen, tranken und plauderten. Es war fantastisch!“
Teneriffa kommt in musikalischer Hinsicht wohl nicht ganz an die italienische Oper heran, doch Lü Jia scheint sich hier wohl zu fühlen. „Ich war das erste mal 1998 hier als Gastdirigent und dachte mir 'es ist sehr nett hier'. Ich war vom Ort und vom Orchester beeindruckt. Fünf Jahre danach wurde ich wieder hierher eingeladen und dann noch einmal zur Opersaison 2005. Danach haben wir darüber gesprochen, ob ich nicht hier arbeiten könnte und im Sommer letzten Jahres war es dann soweit.“
„Das Orchester von Teneriffa ist im Moment etwa unter den Top 20 in Europa, ich hätte es aber gern unter den Top 10.“ Noch weiß Lü Jia nicht, wie lange er auf der Insel bleiben will, doch er gibt zu, bereits nach einer Immobilie Ausschau zu halten. „Vielleicht in El Sauzal“ verrät er, „die Atmosphäre, die Felsen, der Sonnengang und die Ruhe sind einfach herrlich und wenn man dann bis zum Teide sieht, ist das einfach überwältigend.“ Außerdem denkt Jia, dass es langsam an der Zeit sei, Wurzeln zu schlagen. „Das Leben eines Dirigenten ist das eines Nomaden, aber irgendwann braucht man ein Zuhause, einen Ort, an dem man sich so wohl fühlt, dass man dort bleiben will. Und nicht nur wegen der Arbeit. Ich möchte mich für einen Ort entscheiden und Teneriffa gefällt mir sehr gut.“
Abschließend verrät er uns, dass er in Betracht seiner Karriere ein großes Ziel vor Augen hat: „Ich will die Berliner Philharmoniker dirigieren...“ - das Orchester, das einst vor 30 Jahren durch sein Gastspiel in China die Karriere eines großen Talents in ihre Bahn gelenkt hat.
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