Im Gespräch mit Isabel de Luis, Vorsitzende des Kanarischen Instituts für Frauen
Frauen-Power auf den KanarenErst vor kurzem wurde Isabel de Luis zur Vorsitzenden des Kanarischen Instituts für Frauen ernannt. Die Hauptaufgabe des Instituts besteht in der Förderung der Gleichberechtigung von Männern und Frauen – und zwar in sämtlichen Lebensbereichen, auf sozialer, wirtschaftlicher und politischer Ebene.
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 | | „Mit den modernen Technologien von heute gibt es keinen Grund mehr, warum Frauen keinen Bagger bedienen sollten“ |
| 28.01.2008 - Eine Aufgabe, die in einer nach wie vor männlich dominierten Gesellschaft eine außerordentlich große Bedeutung hat. Vor allem angesichts der Tatsache, dass viele Canarios sich nicht nur als Machos sehen, sondern sich auch als solche verhalten und damit oftmals nicht nur die Rechte, sondern auch die Freiheit von Frauen beschneiden. So gaben 72 Prozent kanarischer Ehemänner in einer Umfrage zu, sich „kaum oder gar nicht“ an der Hausarbeit zu beteiligen.
Isabel de Luis wurde in San Juan de la Rambla geboren. Sie absolvierte die Ausbildung zur Grundschullehrerin, nahm dann aber in Las Portelas, Buenavista del Norte, einen Posten in der Erwachsenenbildung an. Dort unterrichtete sie Erwachsene, die in ihrem Leben bis dahin keine Möglichkeit bekommen hatten, lesen, schreiben und rechnen zu lernen. Das war in den frühen 1970er Jahren, als Spanien noch von Franco diktiert wurde und viele Menschen keine Schulbildung erhielten.
Heute beschreibt Isabel de Luis die damalige Zeit als „außergewöhnliche Erfahrung“. Im Dorf gab es weder eine Straße, noch elektrischen Strom, Fließwasser oder Telefon. „Es war eine Zeit, in der ich herausfand, wie die Dinge wirklich waren“, erklärt de Luis.
Später ging Isabel de Luis wieder auf die Universität, um weiter zu studieren. Nebenbei arbeitete sie weiter in der Erwachsenenbildung, dieses Mal in La Vera, zwischen Icod el Alto und La Guancha. Danach nahm sie eine Stelle als Trainerin für Hotelangestellte an.
Ihre erste Kinderklasse unterrichtete sie ein wenig später in Punta Brava in Puerto de la Cruz und Isabel de Luis erinnert sich gern daran: „Es waren 40 Kinder mit einem ungeheuren Lerndrang. Es war wundervoll. Meine ganze Karriere war gleichzeitig immer eine ungeheure, persönliche Bereicherung.“
Von Punta Brava wechselte sie nach Tomas Iriarte, eine große Schule in Puerto, wo sie 15 Jahre lang als Direktorin arbeitete. In dieser Zeit war sie auch für die Festlegung neuer Regelungen und Normen im öffentlichen Bildungsbereich zuständig.
1999 wurde sie vom damaligen regionalen Bildungsminister als Vorsitzende des Instituts zur Evaluierung von Qualität im Bildungssektor (ICEC) vorgeschlagen und 2001 wurde sie innerhalb des lokalen Bildungsministeriums zur Direktorin der Abteilung für Entwicklung. Unter anderem arbeitete sie auch am neuen Bildungsgesetz (LOE) mit. Durch die darin vorgesehene „Bürgerkunde“ wurde eine öffentliche Diskussion vom Zaun gebrochen, ob das neue Schulfach den Religionsunterricht an Schulen ersetzen sollte oder nicht. „Durch die Bürgerkunde wollen wir die Individualität fördern und nicht – wie oft kritisiert – eine Gruppe von gleich denkenden Menschen generieren. Wir wollen Bürger, die fragen und kritisch sind, die verschiedene Möglichkeiten in Betracht ziehen und Entscheidungen treffen können“, ist Isabel de Luis Standpunkt.
„Außerdem sollen durch das neue Fach auch Dinge gelehrt werden, die schon vielfach gefordert wurden – wie beispielsweise gute Manieren, gegenseitiger Respekt, positive Konfliktlösung ohne Gewalt und Ähnliches. Das Fach umfasst auch Umwelterziehung sowie den Bereich Gesundheit.“
Auf Teneriffa gibt es überdurchschnittlich viele Schulabbrecher und viele, die es nicht beim ersten Mal schaffen, in die nächst höhere Schulstufe aufzusteigen. Isabel de Luis führt dies auf die große Schülerzahl an den überfüllten Schulen zurück. „2006 wurde die vorläufige Anmeldeliste im Juni geschlossen und im September gab es dann plötzlich um 500 Schüler mehr als geplant. Dafür hätte man eine zusätzliche Schule benötigt. Wir mussten improvisieren und die Qualität hat dadurch natürlich gelitten“ erklärt sie, fügt aber hinzu dass sie Immigration generell als zusätzlichen Wert sehe, den eine Gesellschaft durch den Zuwachs erhalte – und nicht als Problem.
Ihre Position als Vorsitzende des Fraueninstituts hat sie erst vor wenigen Monaten angetreten. „Ich möchte durch meine Arbeit vor allem einen Standpunkt klarmachen: Frauen entwickeln sich nicht gegen, trotz, oder über die Köpfe von Männern hinweg weiter. Wir müssen an einen Punkt von Gleichberechtigung kommen, wo die Beziehung zwischen Männern und Frauen eine neue Qualität bekommt. Es geht nicht darum, wichtiger zu sein als der andere und darum, wer das Recht hat, über den anderen zu bestimmen – Männer und Frauen sind gleichwertig und bis heute gab es verschiedene Kompetenzbereiche, die von nun an gerechter aufgeteilt werden sollten.“
Um das zu erreichen, will Isabel de Luis Kurse unter dem Motto „neue Männlichkeit“ anbieten. Männer sollen so dazu „erzogen“ werden, ihre neue Rolle innerhalb der Gesellschaft wahrzunehmen.
Respekt müsse Frauen nicht nur vermehrt im beruflichen Bereich entgegengebracht werden, erklärt sie weiter, auch ihre Persönlichkeit müsse respektiert werden. „Sie ist nicht nur Ehefrau oder Mutter, sondern eine Person und als solche sollte sie ihre Rechte fordern dürfen. Wenn es ein Kind gibt, auf das geschaut werden muss, oder ein älteres Familienmitglied, das Pflege braucht, dann muss es akzeptiert werden, dass die Frau weiterhin ihrer Arbeit nachgeht und das tut, was sie tun will und was ihre Persönlichkeit erfüllt, und sich jemanden zahlt zur Aufsicht des Kindes oder des Pflegebedürftigen. Es sollte nicht vom Geschlecht eines Menschen abhängen, ob er seinen Lebensstil selber wählen kann oder nicht.“
Vieles hänge dabei von der Erziehung ab und oft seien es gerade Mütter und Schwester, die ihre Söhne und Brüder nicht im Sinne der Gleichberechtigung erziehen. Isabel de Luis hat versucht, ihre zwei Töchter und ihren Sohn stets gleich zu behandeln und zu erziehen, gibt aber zu, dass die Töchter dennoch ordentlicher seien als der Sohn. „Vermutlich liegt es in den Genen“, scherzt sie.
„Tiere ändern ihr Verhalten und sogar ihre Körper, um sich anzupassen und wir Menschen müssen das auch tun. Männer müssen sich an die neuen Gegebenheiten anpassen.“ Isabel de Luis will sich deshalb in ihrer Arbeit besonders auf die „gleichberechtigte“ Erziehung an Schulen konzentrieren. Dabei spiele vor allem auch die Sprache, die im Unterricht und im Umgang mit Schülern gewählt werde, eine wichtige Rolle. „Sprache baut Gedanken“, erklärt sie. „Wir sind schon auf dem richtigen Weg. Aber Gedanken und Einstellungen können nicht von Gesetzten beeinflusst und verändert werden, das muss durch Erziehung geschehen.“
Eine Initiative des Kanarischen Fraueninstituts soll Frauen dazu motivieren, traditionell männliche und somit fast immer sozial angesehenere und besser bezahlte Berufen zu erlernen. „Momentan werden Frauen vom Bildungssystem fast immer in Dienstleistungsberufe geschoben. Die Jobs dort sind wenig angesehen und schlechter bezahlt. Mit den modernen Technologien von heute gibt es keinen Grund mehr, warum Frauen beispielsweise keinen Bagger bedienen sollten. Das ist möglicherweise nicht jedermanns Sache, aber wenn man sich dafür begeistert – warum soll es sich dabei nicht um eine Frau handeln?“ Isabel de Luis erinnert sich an einen Fall, wo sich eine Frau als Totengräberin bei der Gemeinde bewerben wollte und ihre Bewerbung gar nicht berücksichtigt wurde, nur weil sie das „falsche“ Geschlecht hatte.
Etwa 80 Prozent des Zehn-Millionen-Euro-Budgets, das dem Institut jährlich zur Verfügung steht, muss traurigerweise dazu aufgewendet werden, um Opfern von häuslicher Gewalt zu helfen und diese vor weiteren Übergriffen zu schützen. Als Isabel de Luis die Stelle am Fraueninstituts übernahm, war es für sie so etwas wie eine „Blutstaufe“ - im ersten Monat ihres Amtsantritts waren drei Frauen tot geschlagen worden.
Auf den Kanaren ist die Quote häuslicher Gewalt besonders hoch, eine Situation die Isabel de Luis als „besonders besorgniserregend und als beschämend“ beschreibt. Gewalt und Totschlag finden meist innerhalb der Familie statt – Frauen werden immer wieder Opfer ihrer Partner und Ehemänner. Dabei handle es sich bei den Tätern selten um psychisch Kranke.
Gewalt und Totschlag finden meist innerhalb der Familie statt – Frauen werden immer wieder Opfer ihrer Partner und Ehemänner.
Das sei oft nur eine billige Ausrede, meint de Luis. „Sie sind Gewalttäter, Mörder, oft Manipulatoren, die genau wissen was sie tun; die sich als Herr über die Frau sehen und alles im Leben der Frau kontrollieren wollen, weil sie denken, sie hätten das Recht dazu.“
Am schlimmsten werde es für betroffene Frauen generell dann, wenn sie ihren Partner verlassen und Isabel und ihr Institut wollen diese Frauen wissen lassen – sie sind nicht alleine. Das Fraueninstitut hilft jeder, die bedroht wird – egal, welcher Nationalität, Religion oder Kultur.
Auf den Kanarischen Inseln gibt es insgesamt 39 Information- und Beratungszentren. Es gibt Notunterkünfte, die im Ernstfall sofort bezogen werden können – zwölf Häuser, deren Standort absolut geheim gehalten wird und deren Adressen regelmäßig geändert werden. In diesen Frauenhäusern wird Betroffenen nicht nur Unterschlupf gewährt, man hilft ihnen dort auch, Selbstbewusstsein aufzubauen, berät sie in diversen Lebensbereichen und unterstützt die Frauen bei der Arbeitssuche. Von diesen Notunterkünften geht es dann weiter in Apartments, wo die Frauen zwar unabhängig sind, aber noch Unterstützung vom Umfeld erhalten.
Jeder, der von häuslicher Gewalt betroffen ist, kann unter der Notrufnummer 112 Hilfe suchen. Der Fall wird dann an eine Gruppe von Anwälten und Psychologen weitergegeben, damit der Betroffenen rasch geholfen werden kann. In schweren Fällen wird die Spezialeinheit gegen häusliche Gewalt (DEMA) geschickt, um dem Opfer Soforthilfe anzubieten. Beamte dieser Gruppe begleiten Betroffene beispielsweise zum Arzt, zur Polizei oder aufs Gericht.
Auf den Kanaren gibt es eigene, sehr strenge Gesetze, mit denen häuslicher Gewalt begegnet wird. Diese sollen weiter verschärft werden. Außerdem soll es bessere Netzwerke zur Beobachtung geben, in die Familie, Freunde und Nachbarn betroffener miteinbezogen werden.
„Was wir aus meiner Sicht noch brauchen, sind jetzt drei Dinge – zunächst gute Gesetze. Weiter Exekutivbeamte, die diese Gesetze ausführen und für die Problematik sensibilisiert sind. Es gibt noch immer viele Polizisten und Richter, wo das Urteil einen weiteren Missbrauch der Frau darstellt. Sie wird doppelt missbraucht. Wir müssen deshalb nicht nur die Fähigkeiten von Beamten testen, sondern auch deren Haltung zu diesem Thema. Und schließlich brauchen wir das ‘Ja‘ der Gesellschaft zum Kampf gegen häusliche Gewalt.“ In diesem Sinne ruft Isabel de Luis alle Mitglieder der kanarischen Gesellschaft dazu auf, sich aktiv für Gleichberechtigung einzusetzen.
„Erst wenn wir alle gleichberechtigt sind, wird die Gewalt aufhören. Gewalt gegen Frauen ist die Spitze einer Entwicklung von Ungerechtigkeit und wir sollten alle zusammen helfen, um eine Gesellschaft, die auf gegenseitigem Respekt beruht, zu schaffen“, fordert die Vorsitzende des Fraueninstituts, in der Hoffnung, dass es nicht mehr allzu lange dauern wird, bis wir in einer gerechteren Welt leben werden.
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