 | | Joaquin Ruíz Romero gehört zu den Wirtschaftspionieren der Insel. |
| 13.01.2008 - Joaquin Ruíz Rumeu hat in den letzten fünf Jahren einen wesentlichen Beitrag geleistet, um Teneriffa zu einem Tor zur Welt zu machen.
Herr Rumeu, Sie gehörten damals, als die Diktatur Francos beendet war, zu den Pionieren, die die Chancen der wirtschaftlichen Entwicklung wahrgenommen haben. Glauben Sie, dass wir im Moment mit der Öffnung der Märkte nach Afrika vor einer ähnlichen Situation stehen?
Joaquin Ruíz Rumeu: Natürlich kann man das nicht unbedingt vergleichen. Nach Francos Tod stand Spanien ziemlich weit unten in der europäischen Wirtschaftswelt. Durch die Demokratisierung ergaben sich plötzlich ungeahnte Möglichkeiten, die Spanien zu dem gemacht haben, was wir heute sind. Die wirtschaftliche Erschließung Afrikas stellt zweifelsohne eine unglaubliche Chance für alle westlichen Investoren dar.
Afrika hat zahlreiche Bodenschätze und Kapazitäten. Wir sprechen hier von einem immensen Markt, den es zu erobern gilt. Die Kanaren standen Afrika, allein durch die geographische Lage, schon immer sehr nahe. Unsere Erfahrungen und vor allem die Installation des Neutral Access Points (NAP), das den Internetanschluss Afrikas an den Rest der Welt garantiert, machen Teneriffa zu einem bedeutenden Knotenpunkt, an dem alle Fäden zusammen laufen werden. In Zeiten der Globalisierung ist eine schnelle Kommunikation per moderner Technik eine essentielle Voraussetzung für stabile und effektive Wirtschaftsbeziehungen. Meiner Einschätzung nach wird sich Teneriffa zum „Silikon Valley“ Europas entwickeln.
„Meiner Einschätzung nach wird sich Teneriffa zum ‚Silikon Valley‘ Europas entwickeln.”
Was glauben Sie, wie lange es dauern wird, bis die ersten ökonomischen Veränderungen in Afrika greifbar werden?
Joaquin Ruíz Rumeu: Ich gehe davon aus, dass wir schon in den nächsten fünf bis zehn Jahren ein völlig neues Afrika vorfinden werden. Alles hängt davon ab, wie schnell sich ausländische Investoren entscheiden. Aber ich gehe davon aus, dass sehr viele Unternehmen bereits in den Startlöchern stehen. Gerade der intensive Einsatz von Bill Clinton und Al Gore spielt dabei eine entscheidende Rolle. Bill Clinton hat durch seinen alternativen Wirtschaftsgipfel Millionensummen für seine Fonds gesammelt und vor allem auch die richtigen Leute zusammengebracht, die gemeinsam etwas bewirken können. Dort treffen sich die Größen aus Politik und Wirtschaft, um Konzepte zu erarbeiten, die schnelle und effektive Hilfe bringen. Man setzt dort mehr auf Handeln anstatt auf viele Worte und genau das braucht es: Leute, die tun, statt zu reden. Durch sein Engagement wurde Afrika in den USA erst als potentieller Zukunftsmarkt wahrgenommen. Deshalb gehe ich davon aus, dass sich das Leben in Afrika schon in den nächsten Jahren drastisch zum Positiven verändern wird.
Welche Märkte halten Sie für besonders interessant und wie schätzen Sie die menschlichen Ressourcen ein?
Joaquin Ruíz Rumeu: Es gibt unzählige Bereiche, die man dort in Angriff nehmen kann. Rohstoffe, Landwirtschaft, Elektronikindustrie und Technik verschiedenster Art, von Biodiesel bis alternativen Energiequellen. Natürlich wird es in Fachbereichen zu Personalengpässen kommen. Aber das heißt nicht, dass es keine gut ausgebildeten und hoch qualifizierten Afrikaner gibt. Die gibt es und die werden dann endlich zum Einsatz kommen. Ausbildungsprogramme werden schnell dafür sorgen, die nötigen Fachkräfte zu mobilisieren. Dann wird auch der Zustrom von Immi-granten zurückgehen. Wer verlässt schon gern seine Heimat? Momentan tun die Menschen das aus der Not heraus und weil sie in ihrem Land keine Perspektive sehen. Wenn sich das verändert, wird auch die Immigrationswelle gestoppt.
Wo sehen Sie Teneriffa in diesem komplexen Geschehen?
Joaquin Ruíz Rumeu: Teneriffa hat eindeutig eine Schlüsselposition übernommen. Die meisten Firmen, die sich in Afrika engagieren, werden auf der Insel ihre Niederlassung haben. Hier finden sie optimale Voraussetzung vor. In diesem Fall ist die ultraperiphere Lage innerhalb Europas ein Glücksfall.
Zum einen haben wir eine gut funktionierende Infrastruktur zu bieten und zum anderen stehen durch das ZEC-Modell Steuervergünstigungen und durch das RIC-Programm Finanzierungsfonds zur Verfügung. Diese drei sind ganz wichtige Eckpfeiler wirtschaftlichen Denkens. Wir haben Freihandelszonen in unseren Häfen, Einzelteile können hier beispielsweise angeliefert und zum Endprodukt zusammen gebaut werden. Wir haben eine junge Generation, die so ausgebildet ist, wie noch nie zuvor und endlich haben Fachkräfte die Möglichkeit, auf der Insel Karriere zu machen, ohne auf das Festland oder Kontinentaleuropa ausweichen zu müssen.
Wir bieten Investoren die besten Firmenkonditionen Europas. Nicht zuletzt zählt unser World Trade Center, nach Madrid und Barcelona zu den Effektivsten. Kanarische Investoren haben in der Vergangenheit mit Afrika enge wirtschaftliche Beziehungen unterhalten. Diese Erfahrungen werden nun ihnen und auch anderen zugute kommen. Die Forschungen im Institut ITER im Süden haben enorme Erfolge im Bereich erneuerbarer Energie gebracht. Das Ergebnis ist ein Produkt, das wir nun auch in Afrika vermarkten können, um auch abgelegene Gebiete möglichst schnell mit Energie zu versorgen.
Ich gehe davon aus, dass Teneriffa etwa die Hälfte seines Energiekonsums in Kürze aus diesen Quellen speisen wird. Inselpräsident Ricardo Melchior hat auf Teneriffa eine immens wichtige Vorarbeit geleistet. Er hat Politik unter unternehmerischen Gesichtspunkten betrieben. Die Gründung der Weinanbauzonen, der Eintrag von Gütesiegeln für kanarische Produkte und die Unterstützung der vielen Forschungsbereiche zeugen von seiner Weitsicht. Viele haben gegen den Bau der Straßenbahn gewettert und jetzt sind alle glücklich und zufrieden, dass wir sie haben. Er war es auch, der immer eng mit dem WTC zusammengearbeitet und den Kontakt zu Bill Clinton hergestellt hat. Sein Ziel ist es, dass Teneriffa unabhängig von EU-Subventionen wird und autark Stärke beweist.
„Entscheidend ist, dass wir Industriezweige ansiedeln, die mit dem Tourismus kompatibel sind. Keine stinkenden und rauchenden ‘Monster‘, sondern ‘saubere‘, effiziente und innovative Unternehmen. Teneriffa wird ein wichtiges Ziel erreichen, nämlich das, nicht mehr vom Tourismus abhängig zu sein.”
Der Hafen in Granadilla, den er trotz vieler Proteste in Angriff genommen hat, ist von großer Bedeutung – er wird das kanarische Tor zur Welt. Wir selbst bauen dort Lagerhallen, die später verkauft oder vermietet werden. Im Moment ist eine Zugverbindung in den Süden geplant. Das ist ein weiteres wichtiges Projekt, von dem ich glaube, dass es in den nächsten fünf Jahren realisiert werden kann. Das wird das Leben der Inselbewohner erheblich entlasten. Auf der Insel haben wir das Phänomen eines Arbeitskräftemangels im Süden und einer relativ hohen Arbeitslosenquote im Norden. Mehr als eine halbe Stunde Fahrt zum Arbeitsplatz wird als eine „halbe Weltreise“ betrachtet. Die Autobahnen sind durch Pendler überfüllt. Genau dieses Problem würde durch die neue Strecke entschärft. Innerhalb einer halben Stunde kann man dann von Santa Cruz in den Süden fahren und kommt entspannt statt genervt an.
Wo sehen Sie Teneriffa in den nächsten fünf bis zehn Jahren? Wird die wirtschaftliche Entwicklung dem Tourismus schaden? Wird sich das Image der Insel verändern?
Joaquin Ruíz Rumeu: Ich bin überzeugt davon, dass alle profitieren. Entscheidend ist, dass wir Industriezweige ansiedeln, die mit dem Tourismus kompatibel sind. Keine stinkenden und rauchenden „Monster“, sondern „saubere“, effiziente und innovative Unternehmen. Teneriffa wird ein wichtiges Ziel erreichen, nämlich das, nicht mehr vom Tourismus abhängig zu sein. Ähnlich, wie es nicht gut ist, auf einem Feld Monokultur zu betreiben, so ist es auch nicht empfehlenswert von einer Einkommensquelle abhängig zu sein.
Das heißt nicht, dass wir den Tourismus nicht schätzen – im Gegenteil – er wird auch in Zukunft ein wichtiger „Motor“ sein. Sehen Sie, wir haben hier das Glück, vieles unter einem Hut zu vereinen. Wir bieten den Mitarbeitern der Unternehmen, gerade durch den Tourismus, Lebensqualität, die einzigartig in Europa ist. Nach der Arbeit an einem hoch qualifizierten Arbeitsplatz bietet Teneriffa Kultur auf hohem Niveau, unzählige Sportmöglichkeiten, von Golf über Wassersport bis Paragliding und ein abwechslungsreiches Restaurantprogramm, das keine Wünsche offen lässt. Ganz nebenbei haben wir auch noch das schönste Wetter Europas. Teneriffa wird meines Erachtens ein Aushängeschild für eine Harmonie zwischen Wirtschaft, Tourismus und Lebensqualität.
Was glauben Sie, wie die kanarische Gesellschaft sich an die Veränderungen adaptieren wird? Mit Sicherheit werden mit den Unternehmen auch noch mehr Ausländer auf die Insel kommen?
Joaquin Ruíz Rumeu: Der Canario ist für Weltoffenheit und Gastfreundschaft bekannt. Daran wird sich nichts ändern. Außerdem werden EU-Bürger schon gar nicht mehr als Ausländer gesehen. Es wird wichtig sein, die illegale Immigration zu stoppen, aber genau das wird durch die Entwicklungen in Afrika automatisch geschehen. Es ist auch nichts dagegen zu sagen, wenn Afrikaner oder andere Nationalitäten mit legalen Arbeitspapieren auf der Insel sind. Wir werden sie wahrscheinlich sogar brauchen, um Arbeitsplätze zu besetzen. Wichtig ist nur, dass ein ausgewogenes Verhältnis gefunden wird. Die kanarische Gesellschaft wird, wie andere Wirtschaftsmetropolen „multi-kulti“. Ein Aspekt, der durchaus positiv ist.
„Wir haben eine junge Generation, die so ausgebildet ist, wie noch nie zuvor und endlich haben Fachkräfte die Möglichkeit, auf der Insel Karriere zu machen, ohne auf das Festland oder Kontinentaleuropa ausweichen zu müssen.”
Abgesehen davon, hat sich in der Vergangenheit durch den Tourismus der Lebensstandard der Menschen entscheidend verändert und jetzt sind wir bereit für den nächsten Schritt. Wir haben hier das Glück, für viele Menschen attraktiv zu sein.
Unternehmer, Urlauber, Residenten und auch Rentner, die einen ruhigen Lebensabend unter der warmen Sonne verbringen möchten. Hier findet jeder die Nische, die er braucht, um glücklich zu sein. Ich bin sicher, wir gehen einer rosigen Zukunft entgegen.
|
|