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Zerfall des traditionellen Familienmodells

Patchworkfamilien – der neue Zeitgeist

Auch in Spanien, wo die Familie wesentlicher Teil des Lebensmittelpunktes ist, brö­ckelt das traditionelle Famili­enmodell ab.

Derzeit leben rund 460.000 spanische Familien als so genannte Patchworkfamilien. Das heißt, mindestens ein Familienmitglied ist neu dazu gekommen. In der Regel ist dies ein neuer Lebenspartner von einem oder auch beiden Elternteilen sowie häufig Halb­geschwister mit dem neuen Partner oder aus dessen vorhe­riger Beziehung. Gerade durch die Einführung der Express-Scheidung ist die Tendenz weiter steigend. Bis zum Jahr 2015 oder 2020 geht man laut Hochrechnung davon aus, dass mehr als die Hälfte der Kinder in gemischten Verhältnissen aufwachsen.


Orientierungshilfe für neue Familienmodelle
Orientierungshilfe für neue Familienmodelle
27.07.2008 - Die Pädagogin Nora Rodrí­guez hat zu diesem Thema 15 Monate lang Recherchen angestellt und ihre Ergeb­nisse in einem Ratgeber für Eltern zusammengefasst. In dem Buch „Hermanos cada 15 días“ (Geschwister alle 15 Tage) gibt sie Eltern Tipps, wie man am besten mit den neuen Rollen in der Familie umgeht. Ihren Studien zufolge leiden die Kinder meist nicht so sehr unter der Trennung, sondern viel mehr an der Unsi­cherheit, wie sie sich verhalten sollen und was man von ihnen erwartet. Ist es möglich, Bande zwischen Kindern und Stief­geschwistern oder den neuen Lebenspartnern zu schaffen und wie können diese aus­sehen? Wie hilft man Kin­dern mit einer Situation klar zu kommen, die sie sich nicht ausgesucht haben? Welche Rolle spielen dabei die biolo­gischen Eltern und die jewei­ligen neuen Partner?

Die Argentinierin, die bereits mehrere pädagogische Fachbücher herausgegeben hat, griff dieses Thema aus aktuellem Anlass auf. Wäh­rend zu Francos Zeiten, die ja erst rund drei Jahrzehnte zurückliegen, die Frauen in Spanien kaum Rechte oder die Möglichkeit hatten, einer Ehe zu entfliehen, sieht es heutzutage ganz anders aus. Die moderne Spanierin hat eine Ausbildung, ist berufs­tätig und nicht mehr gewillt, sich dem Mann unterzuord­nen. Der Einfluss der Kirche auf die persönliche Lebensge­staltung hat nachgelassen. Ein Umbruch im Denken und im Lebensstil ist in vollem Gange. Auch Lehrer bestätigen, dass mittlerweile in vielen Klassen fast die Hälfte der Kinder in Patchworkfamilien leben. War es früher ein Stigma, so ist es heute fast normal und die Schüler tauschen sich mit Freunden aus, die sich in der gleichen Situation befinden, oder erhalten im Freundeskreis emotionalen Rückhalt, bis sie sich an die neue Lebensphase gewöhnt haben. Aus Sicht der Pädagogen hat eine Trennung nicht zwingend negative Fol­gen auf die Entwicklung der Kinder. „Oft bemerken wir eher einen Leistungsabfall, bevor eine Trennung vollzo­gen wird, denn unter Stress und Streit innerhalb des fami­liären Umfeldes leiden die Kin­der viel mehr“, erklärt Angeles, eine Lehrerin an der Oberstufe. Danach ist es allerdings wich­tig, die jeweiligen Rollen neu zu definieren und ihnen eine Orientierung zu geben.

Viele Folgebeziehungen werden auch nicht mehr als klassische Ehe geführt, son­dern man lebt ohne Trauschein zusammen. Einige spanische Provinzen haben dieses neue Gesellschafts-Phänomen erkannt und in Gesetzesände­rungen praktisch umgesetzt. In Katalonien, Aragón, Navarra, Valencia, Madrid, Andalusien, Extremadura, im Baskenland und auf den Kanarischen Inseln können sich Paare als solche auf dem Rathaus registrieren lassen und genießen dann die gleichen oder zumindest ähn­liche Rechte wie „echte“ Ehe­paare. (sv)


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